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Zwischen Faszination und Abscheu

„Nipple Jesus" im Göttinger Apex Zwischen Faszination und Abscheu

Die Zuschauer sitzen in drei Stuhlreihen an der Längsseite des Raums, die Vorhänge sind komplett zurückgeschoben, alles ist hell erleuchtet, viel weiße Wand. Die Apexbühne erstreckt sich nicht nur über das Podest, sondern reicht bis hinter die Plätze der Zuschauer, der ganze Raum ist Schauplatz. Das Publikum sitzt mittendrin. Mitten in einer Kunstgalerie und ihrer typisch reduzierten, kühlen Atmosphäre.

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„Ich sehe handfest aus“: Christoph Huber als David.

Quelle: EF

Auf dem Podest steht ein einziger Betonsockel, auf dem ein vor sich hindudelndes altes Radio mit angeklebter Blume thront. An der Längsseite des Raums ein weiteres Kunstwerk: Mit Paketband kleben Umrisse dreier überdimensionaler Nikolaushäuser an der Wand. Dann kommt David. Ein Koloss von Mann. „Ich bin 1,88 Meter groß und habe fast 100 Kilo. Ich sehe handfest aus, sag ich mal.“ Meint er in osteuropäischem Dialekt, und seine ganze Erscheinung ist so sehr die des ehemaligen Türstehers eines Nachtclubs, dass man keinen Moment im Zweifel ist, dass die Geschichte, die er nun zu erzählen beginnt, stimmt.

David, gespielt von Christoph Huber, hat seinen Job in der Disco geschmissen („Ich will nicht vor irgendeinem verwichsten Club sterben!“) und arbeitet nun als Aufseher in einer Galerie. Ein ruhiger Job sollte man meinen. Allerdings soll David ein Kunstobjekt bewachen, das einen Skandal provozierte: Das Bild heißt „Nipple Jesus“ und ist die Collage des gekreuzigten Jesus Christus bestehend aus tausenden zusammengesetzten Brustwarzen, ausgeschnitten aus Pornomagazinen.

Zunächst ist David hin- und hergerissen zwischen Faszination und Abscheu. Nachdem er aber einige Stunden vor und mit dem Bild Wache gehalten hat, wird er nachdenklich. „Man sieht richtig, wie weh das getan haben muss, als sie ihn da angenagelt haben! Ein verdammt gutes Bild, weil es einen zum Nachdenken bringt!“ meint der einfache Mann und merkt dabei nicht, wie tief er selbst schon in die Welt der Kunst eingedrungen ist.

David wird konfrontiert mit religiösen Fanatikern, vermeintlichen Intellektuellen und schließlich mit der Künstlerin selbst. Über seiner täglichen Arbeit merkt er nicht, dass er selbst Teil des Kunstprojekts geworden ist, und so kommt die Pointe schließlich für alle überraschend. Wie sehr das Publikum von der Atmosphäre und Authentizität ergriffen ist, die die Stillen Hunde unter der Regie von Stefan Dehler in ihrem Einpersonenstück nach einer Kurzgeschichte von Nick Hornby schaffen, zeigt sich in einem unvorhergesehenen Zwischenfall: Christoph Huber (David) verschwindet plötzlich hinter der Bühne und tritt nicht wieder auf. Das Publikum wundert sich nicht und geht davon aus, dass das Verschwinden Teil des Stücks ist. Einige Minuten später erscheint dann aber der Regisseur und berichtet, dass Huber übel geworden sei. Worauf sich die Zuschauer zweifelnd fragten: Ist das jetzt echt?

Ja, es war echt. Nach einiger Verwirrung und kurzer Unterbrechung las Dehler dann den Schluss vor. Trotzdem ein ergreifender Nachmittag und ein lohnendes Stück.

Nächste Vorstellung am Mittwoch, 17. Februar, um 20.15 Uhr im Göttinger Apex, Burgstraße 46. Karten unter Telefon 05   51   /   4   68   86.

Von Indra Hesse

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