Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Zwischen bitterem Ernst und brillanter Komik

„Eine Familie“ im Deutschen Theater Göttingen Zwischen bitterem Ernst und brillanter Komik

Im Original heißt das Stück des Autors Tracy Letts „August: Osage County“, ein Hinweis auf die Jahreszeit in der es spielt, und die Gluthitze, die über der Geschichte lastet – und auf den Ort, an dem sich das Geschehen abspielt: Osage-County, ein ehemaliges Indianergebiet mitten im Irgendwo, im Zentrum der USA. In der deutschen Übersetzung heißt die mit dem Pulitzer-Preis für Theater ausgezeichnete Tragikomödie „Eine Familie“ und das ist die Untertreibung des Jahrzehnts.

Voriger Artikel
Jahrzehntelange Arbeit an der „Mette-Lade“
Nächster Artikel
Geldgier und Fischquirl

Die trauernde Familie: Gaby Dey, Johanna Diekmeyer, Marie-Isabel Walke, Anja Schreiber, Florian Eppinger, Paula Hans, Gerrit Neuhaus, Angelika Fornell, Paul Wenning, Nora Decker und Gerd Zinck (von links).

Quelle: Wienarsch

So harmlos wie der Titel daher kommt, so abgründig präsentiert Autor Letts diese Familie, die wie jede andere sein könnte. Regisseurin Antje Thoms hat das Werk im Deutschen Theater Göttingen inszeniert, Premiere war am Sonnabend.
Beverly Weston und seine Ehefrau Violet haben sich in ihrem Leben eingerichtet. Die drei Kinder sind bis auf eine erwachsene Tochter aus dem Haus, haben selbst schon Nachwuchs in die Welt gesetzt. Er trinkt offensiv, sie ist tablettensüchtig, beide lassen sich in Ruhe. Dann verschwindet Beverly, der Clan rückt an, um Beistand zu leisten. Kurz danach wird Beverly gefunden. Er ist ertrunken, ein Freitod. Rund um die Trauerfeier brechen alte Wunden auf, neue werden geschlagen. Hier wurde viel zu lange nicht miteinander geredet.

14 Schauspieler hat Thoms auf der Bühne versammelt, zu den unglücklichsten muss Johannes Granzer zählen. Er spielt den Patriarchen Weston, der nach einem eindrucksvollen Einstiegsmonolog von der Bildfläche verschwindet. Schade für Granzer, der an dem folgenden Triumph nicht mehr teilhaben darf. Denn was sich in den knapp drei Theaterstunden abspielt, ist schlichtweg grandios.

Dazu trägt zum einen der intelligente Text des Autors Letts bei, dem es tatsächlich gelungen ist, allen handelnden Charakteren Raum zur Entfaltung und eine selbstverständliche Notwendigkeit zu geben. Fehlen darf hier keine der Figuren. Seine Dialoge changieren zwischen bitterem Ernst und brillanter Komik. Sein Humor ist feinsinnig und schwarz wie die Nacht. Zum anderen aber hat die Regisseurin ganze Arbeit geleistet.

Thoms, 1976 in Stralsund geboren, hat mit offensichtlichem Fingerspitzengefühl alle Schauspieler zu Höchstleistungen motiviert. Jeder der Beteiligten hat einen eigene, tragfähige Figur entwickelt, und auch hier macht sich der Eindruck von Selbstverständlichkeit breit. Beeindruckend, wie sie die finstere Geschichte der Familie nach und nach preisgeben, wie sie aufarbeiten, sich verbünden, sich trennen und finden, wie sie streiten und versöhnen, das Heft in die Hand nehmen oder sich in ihr Schicksal ergeben. Hier hat alles Hand und Fuß – eine große Demonstration theatralischer Logik.

Angeführt wird das Ensemble von den Erfahrensten. Gaby Dey zeigt als tablettensüchtige Violet eine große emotionale Bandbreite zwischen Bösartigkeit, Schuld und Hilflosigkeit. Marie-Isabel Walke liefert ihr als Tochter Barbara einen brutalen Kampf um Liebe und Wahrheit. Und Paul Wenning streitet als Violets Schwager nicht nur gewaltig mit seiner Ehefrau Mattie, gespielt von Angelika Fornell. Er hält auch eine Trauerrede, die das Zeug hat, als Szene mindestens dieser Spielzeit in die Geschichte einzugehen. Ob er die Huldigung an den Verstorbenen improvisiert oder improvisiert spielt, wird nicht wirklich klar. Aber die Trauernden prusten gemeinsam mit dem Publikum vor Vergnügen. Paula Hans schließlich gibt den pubertierenden Teenager Jean diesmal überzeugend altersgerecht.

Einen würdigen Rahmen für dieses großartige Schauspiel hat Bühnenbildner Florian Barth entworfen. Er arbeitet viel mit Projektionen in verschiedenen Bühnenebenen. Dort zeigt er das typisch amerikanische Holzhaus der Familie, lässt die Darsteller comichaft vorfahren und bringt sogar den Mond zum Weinen angesichts der Tragik dieser Familie. Und Fred Kerkmann, in der Besetzungsliste als Präriehund aufgeführt, begleitet das Geschehen musikalisch auf der E-Gitarre und dem Banjo rockig-balladesk sehr stilsicher. Ein ganz großer Theaterabend, an dem alles passt.

Weitere Vorstellungen: 20. und 27. Januar, sowie am 5., 7., 18. und 22. Februar um 19.45 Uhr, am 9. Februar um 20.30 Uhr im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 05 51 / 49 69 11.

Von Peter Krüger-Lenz

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Hier bloggen wir zu den Göttinger Händel-Festspielen 2017 – berichten von Vorbereitungen, besuchen Opernproben und werfen einen Blick hinter die Kulissen. mehr

NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag