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Blog: Händel-Festspiele in Göttingen

15. - 25. Mai Blog: Händel-Festspiele in Göttingen

Das  Motto der diesjährigen Internationalen Händel-Festspiele Göttingen lautet „Heldinnen!?“ – der Blog soll auch zeigen, dass Heldinnen und Helden nicht nur auf, sondern auch neben und hinter der Bühne zu finden sind.

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Quelle: EF

Ob Blicke hinter die Kulissen, Probenberichte oder Kurioses aus dem alltäglichen Festspiel-Wahnsinn: Jonas Rohde bloggt, was interessant ist. Mit weiteren Texten, aber auch Fotos und Videos, entsteht ein vollständigeres Bild vom Ausnahmezustand, der einmal im Jahr von der Stadt Besitz ergreift.

Dienstag, 26. Mai: Raumschiff  Enterprise

Mein ganz persönlicher Festspielabschluss hat sich nicht in einem Konzertsaal zugetragen, sondern in einem Truck "mit vielen bunten Knöpfen". Sehr vielen bunten Knöpfen. Tontechniker Wolfgang Wackeldehne  und seine vier Kollegen ("Wir wohnen hier drin") haben mir den Übertragungswagen des NDR gezeigt, während sie das Konzert von Sopranistin Marie Jaermann mit dem Festspielensemble Göttingen aufzeichneten.

Gleich mal vorweg: Wer eine Erklärung erwartet, wie genau dieses bis unters Dach mit Technik ausgestattete Schlachtschiff funktioniert, muss woanders weiterlesen. Oder einen Pilotenschein machen, obwohl es im Cockpit einer Boeing wahrscheinlich weniger Bedienelemente gibt. "Dieses Fahrzeug ist dafür gedacht, größere Konzerte aufzuzeichnen", erklärt Wackeldehne.

Wackeldehne (Mitte) und sein Team

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Mit den in der Uni-Aula installierten 20 Mikrofonen, die alle eine eigene Spur haben, sind die vier Herren und eine Dame heute aber eher klein unterwegs, sagen sie. Der Truck hat zwei Hauptabteile: Im vorderen Teil ist die Musikmischung und Sendeabwicklung untergebracht, im hinteren sitzen ein Toningenieur und ein Tonmeister, die Technik und Ausführung des Konzerts überwachen.

Leider kann ich nicht mit ihnen sprechen, denn die Aufgabe des Tonmeisters ist es, das Konzert in der Partitur zu verfolgen und ihre Umsetzung zu überwachen. Damit ist er der Vermittler zwischen Künstlern und Aufnahmetechnik, und sollten sich Fehler einschleichen, ist es seine Aufgabe, mit den Künstlern eine Nachaufnahme zu besprechen.

Dann werden einzelne Passagen oder auch nur wenige Noten neu eingespielt und in den Originalmittschnitt eingefügt. Wackeldehne erklärt, dass das bei ungefähr jedem zweiten Konzert der Fall ist. "Allerdings auch, weil die Musiker oft den Wunsch haben, noch Kleinigkeiten zu verändern."

Hier ein Clip vom hinteren Raum, in dem Toningenieur und Tonmeister arbeiten:


 

Der Aufnahmetruck ist einer von zweien dieser Größe. Zusätzlich hat der NDR noch zwei kleinere Lastwagen und einige Sprinter, mit denen andere Formate außerhalb von Musik aufgenommen werden. Für die Konzerte der Festspiele braucht man anscheinend aber schwereres Geschütz, das Laien eher an ein Raumschiff als einen Lastwagen erinnert.

Und das fliegt dann mit Lichtgeschwindigkeit bestimmt auch zu den Internationalen Händel-Festspielen 2016. Tageblatt over and out. 

Montag, 25. Mai: Die tausend Saiten des Barock

Wie, schon vorbei? Heute enden die Händel-Fespiele, und ein Rausch geht zu Ende, der sich nicht wie zwölf, sondern wie zwei Tage angefühlt hat. Das Blöde ist: Ich habe noch mehr als eine Geschichte im Block, deshalb mache ich einfach noch bis morgen weiter.

Jörg Gillwald im Festspiel-Dauereinsatz

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Berichtenswert ist nämlich auf jeden Fall die Arbeit des folgenden Mannes: Jörg Gillwald, Chef der Göttinger Klaviatour GmbH, hat einen anstrengenden Job. Er ist dafür verantwortlich, dass die Cembali der Festspiele perfekt gestimmt sind. Moment mal, Cembali? Plural? Wie viele sind das denn? "Ich habe die selbst noch nie durchgezählt", lautet Gillwalds bescheidene Antwort.

Nina Hornig, Leiterin der Festspiel-Pressestelle, hat sich für mich netterweise mal die Mühe gemacht: 10 (!) Cembali sind bei den Festspielen im Einsatz. Bei allen Konzerten kommt man so auf eine stattliche Zahl von mindestens 130 Stimmungen, die Gillwald mit seinem Fuldataler Kollegen Friedemann Kahl in der Festspielzeit vornehmen muss.

Der Klavier- und Cembalobaumeister Gillwald ist dann im Dauereinsatz. "Das sind empfindlichere Instrumente als Flügel. "Das bedeutet, dass sie die Stimmung nicht so gut halten wie ein Klavier: "Man hat eher so ein Gitarrengefühl beim Stimmen", sagt Gillwald, der oft Feinjustierungen vornehmen muss.

Für die Vorbereitung eines bereits eingestimmten Cembalos nimmt er sich 45 Minuten. Allerdings hat er nicht für jede Stimmung so viel Zeit: "Das Knappste waren mal siebeneinhalb Minuten. Das war dann richtig, richtig Stress." Knapp wird es immer in den Pausen der Konzerte, in denen die Instrumente oft ebenfalls noch mal nachgestimmt werden.

Das sei wichtig, sagt Gillwald, denn die Cambali stünden durch Transport und ständige Temperaturunterschiede unter hoher Belastung. Auch die unterschiedliche Luftfeuchtigkeit der verschiedenen Spielstätten mache sich bemerkbar. Es gibt also immer viel zu tun für die Männer mit den Stimmschlüsseln.

Sonntag, 24. Mai: Blumen-Ordnung und Konzert-Knigge

Warum gibt es eigentlich keine Konzertsoziologen? Die hätten – in allen Kulturen der Welt – alle Hände voll zu tun, um die vielen Rituale zu durchleuchten, mit denen Menschen die öffentliche Darbietung von Musik versehen haben. 

Eine von 32 Hilfskräften: Julia Nacimiento

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Eines davon ist die Überreichung von Blumen am Ende des Konzerts. Jeder kennt das Ballett: Die Künstler verbeugen sich artig, gehen ab, kommen wieder, gehen ab, kommen wieder – bis jemand auf die Bühne kommt, um ihnen ein Bouquet zu überreichen. 

Erst dann gibt es eine Zugabe, wobei im Konzert-Knigge bewanderte Künstler vorher am Strauß riechen und seinen Wohlgeruch kraft anerkennenden Gesichtsausdrucks auch dem Publikum kommunizieren. 

Hört sich kompliziert an – ist es auch. Denn bislang haben wir den Moment der eigentlichen Übergabe ja noch nicht mal gestreift! 

Julia Nacimiento ist eine von 32 Hilfskräften, deren Aufgabe unter anderem darin besteht, die Blumen zu überreichen. Und das ist nicht so einfach, wie es sich anhört. 

Gibt man einfach nur die Hand? Oder doch lieber Bussi links? Oder gar beidseitig? Und was ist, wenn die Künstler abgehen, bevor man die Bühne erreicht hat? 

Nacimiento weiß, dass die Erwartungen an eine Begrüßung ganz überwiegend von der Herkunft abhängen, oder wie der fiktive Konzertsoziologe etwas verschwurbelt sagen würde: „soziokulturell determiniert sind“. 

Nacimiento hat deshalb einen einfachen Tipp: „Man sollte Präsenz zeigen, sich aber nicht in den Vordergrund stellen.“ Und so ist man dann sowohl für dreifache französische Bisous als auch für den deutschen Händedruck bestens gewappnet. 

Für die Koordinierung der Hilfskräfte verantwortlich ist Festspiel-Assistentin Anna-Katharina Wittlage. Sie hat nicht nur die Einsatzpläne erstellt, sondern den Mitarbeitern auch das „Hilfskraft-Einmaleins“ erteilt. 

Eine Lektion daraus: „Den Künstlern bei der Blumenübergabe nicht um den Hals fallen“. Zumindest nicht, wenn die es nicht wollen.

Eine Frage hat mich auch noch umgetrieben: Was passiert eigentlich mit den Blumen nach dem Konzert? „Die Künstler behalten sie immer, wenn sie noch länger im Hotel bleiben“, sagt Wittlage. 

Und wenn nicht? „Dann schenken sie sie den Hilfskräften hinter der Bühne einfach zurück.“ Im Müll sei noch nie ein Strauß gelandet. Das wäre bei den vielen Dingen, die es zu beachten gibt, auch jammerschade.

Sonnabend, 23. Mai: Unverhoffter Besuch

Wen man nicht so alles im Foyer trifft: Donna Leon, also  die Donna Leon, deren Brunetti-Krimis regelmäßig zu Bestsellern werden. Die in Venedig lebende Autorin hat die Aufführung des Oratoriums "Theodora" in der Stadthalle besucht – kein Zufall, denn zur Musik Georg Friedrich Händels hat sie eine besondere Beziehung. Nicht zum ersten Mal ist sie bei den Festspielen zu Gast. 

Leon wollte ein Foto zu zweit – aber gerne!

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Am Sonntag ist sie gemeinsam mit der Mezzosopranistin Ann Hallenberg und dem großartigen Ensemble il pomo d'oro für einen  besonderen Abend in der Stadthalle: In ihrer Agrippina-Hommage wird Hallenberg die Verarbeitung des Agrippina-Stoffs von unterschiedlichsten Komponisten präsentieren.

Leon, selbst große Händel-Verehrerin, wird das musikalische Programm mit historischen Hintergründen anreichern. "Ich habe sofort zugesagt, als man mich gefragt hat", erzählt sie.

Das erste Mal habe sie Agrippina vor 30 Jahren in Venedig gesehen – in jener Stadt, in der die Oper 1709 ihre Uraufführung hatte und Leons Brunetti-Romane spielen. Gibt es eine bessere Besetzung für den Agrippina-Abend? 

Leon bleibt bescheiden: "Der Abend gehört Ann. Sie und ihr Mann haben viel Forschung betrieben. Ich habe ihr Musikprojekt bereits gehört und bin begeistert." 

Neben den Festspielen zieht sie aber noch etwas anderes nach Göttingen: "Ich gehe auf jeden Fall noch türkisch essen." Dann grinst sie verschmitzt: "Das ist der wahre Grund, warum ich hier bin!"

Leon, die tatsächlich zwei türkische Lieblingsrestaurants in Göttingen hat, meint das natürlich nicht ernst. Das beweist ihr Besuch von "Theodora", das zu ihren liebsten Oratorien zähle. "Die Musik ist großartig!" Und der Abend mit ihr wird es am Sonntag bestimmt auch. 

Freitag, 22. Mai: Kollegen

  Auf den Händel-Festspielen treffe ich nicht nur Musikfans und Musiker, sondern auch eine ganze Menge Kollegen. Und manche von denen sind weit gereist: Vanessa Taylor hat den langen Weg aus Melbourne auf sich genommen, wo sie für zwei Fachmagazine und den Radiosender 3MBS arbeitet .

"Die Göttinger Festspiele sind sehr bekannt in Australien", erzählt sie in der Pause des Konzerts von Solamente Naturali auf der Burg Hardeg. "Die Stimmung hier ist total freundlich." Und dann sagt sie etwas sehr Schönes: "Es ist ein Festival, wo sich die Leute mit Vornamen ansprechen." Besser kann man die Stimmung vielleicht nicht in Worte fassen.

Natürlich kann ich nicht widerstehen, sie nach ihrer Meinung zur diesjährigen Opernproduktion zu fragen. "Mir fällt nichts Schlechtes ein, das ich zur Oper sagen könnte. Es war perfekt." Dabei schreibt Taylor gar nicht gerne Rezensionen. "Die schreiben sich zwar schnell, aber für mich ist der einzige Grund, Künstler zu kritisieren, wenn sie dem Publikum gegenüber herablassend sind." Deshalb hat sie sich unter anderem auf das Schreiben von Künstlerporträts spezialisiert.

Taylor kommt seit 2001 fast jedes Jahr für die Festspiele nach Göttingen. Auch wenn sie Experimente genießt, liegt ihr die historische Aufführungspraxis am Herzen. "Authentizität ist wichtig, aber nicht alles. Allerdings möchte ich hören, was Händel wirklich gedacht hat." Und das sei auf historischen Instrumenten eben eher der Fall.

Taylor ist eine von rund 50 Journalisten aus aller Welt, die für Print, Radio oder Fernsehen von den Festspielen berichten.

Donnerstag, 21. Mai: Tea Time

Sarah Connolly strahlt übers ganze Gesicht, als sie aus der Probe kommt. Gut ist es gelaufen. Die international gefeierte Mezzosopranistin gibt heute Abend ein Galakonzert in der Stadthalle. Trotz eines engen Probenplans hat sie sich einen Tag zuvor bereit erklärt, sich mit mir auf ein Getränk zu treffen. Kamillentee, um genau zu sein. Der ist schließlich gut für die Stimme.

Nach einem kurzen Spaziergang vom Gemeindesaal der Jacobikirche zum Deutschen Theater erreichen wir das Bistro. „Über Jahre haben mir Freunde tolle Geschichten aus Göttingen und von den Festspielen erzählt. Jetzt bin ich endlich hier und kann mitreden“, erzählt die Engländerin, als wir uns setzen. Viel Zeit für Sightseeing hat sie aber nicht.

Sie ist nur wenige Tage hier, bevor es zum nächsten Konzert in Schottland geht. Für das Galakonzert sind gerade mal zwei Proben vorgesehen. „Das geht nur, weil Laurence und ich gute Freunde sind. Er kennt mich und ich vertraue ihm.“ Besonders freut sie, dass sie jede einzelne Arie selbst aussuchen konnte. Und so hat sie ein Programm erstellt, in dem jede Arie aus einer Oper oder einem Oratorium stammt, das sie selbst schon mal vollständig aufgeführt hat. 

Auf dem Handy zeigt sie mir einige ihrer Lieblingsrollen, deren Bilder sie mir netterweise hat zukommen lassen:

Ihre schönsten Rollen. © EF

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„So verstehe ich jede Figur und kann hoffentlich in aller Kürze einen Schnappschuss jedes Charakters liefern, sei es Serse, Ruggerio, Dido oder Medea.“ Connolly wirkt ruhig und gelassen, während sie von ihrem anspruchsvollen Programm erzählt. Am Tag der Aufführung werde das aber anders sein, wie sie zugibt: „Vor einem Auftritt spüre ich schon Aggressivität in mir. Wie bei einem Rennpferd. Das ist vielleicht die Energie, die ich für ein Konzert brauche.“

Obwohl sie sich getrost zur Weltspitze zählen darf, fordern sie die mentalen Herausforderungen ihres Berufs noch immer. „Ich glaube, ich bin ein eher nervöser Mensch“, erzählt sie. "Vor Auftritten bin ich, wenn es gut läuft, nervös. Wenn nicht, sehr nervös." Sie grinst. „Man ist eben immer nur so gut wie der letzte Auftritt“, also muss sich auch eine Sängerin vom Format Connollys immer wieder neu beweisen – und das sei nicht immer einfach.  

Ihr Galakonzert „Heroes & Heroines“ wird übrigens live auf Arte übertragen und ist danach für 90 Tage im Internet abrufbar. Connolly freut sich natürlich darüber, ist sich aber nicht sicher, ob sie sich die Aufzeichnung ansehen wird: „Ich kann es nicht leiden, mich selbst zu hören. Ich bin einfach zu selbstkritisch!“

Irgendwie ist es ja beruhigend, dass auch eine hochdekorierte Sängerin und Angehörige des renommierten Order of the British Empire so menschlich ist. Aber bei ihrer Stimme bräuchte sie sich eigentlich keine Sorgen zu machen. 

Mittwoch, 20.Mai: Kartenkunde

Man kauft sie, schaut kurz nach der Sitznummer und wirft sie irgendwann fluchend in den Müll, nachdem man sie aus Versehen im Sakko mitgewaschen hat: Eintrittskarten.

Was für eine Arbeit 16000 Tickets für die Händel-Festspiele bedeuten, war mir bislang nicht bewusst. Dann habe ich Nicole Kiesewetter getroffen, die im Festspielbüro verantwortlich für das Sekretariat, die Mitgliederbetreuung und natürlich das Ticketing ist.

Sie beginnt schon im Herbst damit, die Veranstaltungen und Tickets im Netz einzutragen. Viel Administration hängt an jedem einzelnen Sitzplatz, „Kleinigkeiten, die man gar nicht auf den ersten Blick sieht“, erzählt Kiesewetter, und meint damit beispielsweise das Layout oder die Entscheidung, welche Informationen genau auf jedem Ticket zu finden sind.

Kiesewetter ist aber auch mit unerwarteten Problemen konfrontiert: Seitdem die Generalprobe nur noch für Schüler und Studenten zugänglich ist, muss sie langjährige Händelianer besänftigen und für Verständnis werben.

Um dennoch Einlass zu erhalten, hätten manche Besucher mehr oder weniger überzeugende Argumente vorgebracht, eine große Charme-Offensive gestartet und bis zur letzten Sekunde vor Beginn der Probe diverse andere Tricks und Kniffe probiert.

Die Anwendung von solchen Tricks spricht wohl für die Musik. Kiesewetter bleibt konsequent – und stets gelassen: „ Ich mache meine Arbeit gern. Und ich versuche, den Leuten ihre Wünsche so gut es geht zu erfüllen.“

Dienstag, 19. Mai: Held und Hund

Die beiden haben nicht nur den gleichen Namen, sondern auch die gleiche Frisur: Georg Friedrich Händel (links) und Mr. Händel, der „heimliche Leiter der Göttinger Händel-Festspiele“. Der Cocker Spaniel gehört Sandra Hinz, der stellvertretenden Geschäftsführerin.

Zum Aufgabengebiet des heimlichen Herrschers zählen hauptsächlich die Künstlerbetreuung, die Öffentlichkeitsarbeit sowie das seelsorgerische Mitarbeitermanagement im Büro – ach ja, und ein Radiointerview hat er auch schon mal gegeben. Mich begrüßt Mr. Händel freundlich und routiniert, bevor er in seinem Körbchen wieder über wichtigere Fragen nachzudenken scheint. Wahrscheinlich irgendwelche Finanzierungspläne oder sowas.

„Wenn er mal nicht da ist, beschweren sich die Leute“, erzählt Hinz. Denn ihr Hund, der im wahren Leben Ayk heißt, gehöre für Künstler und Gäste, die das Festspielbüro besuchen, schon zum Inventar. Sein Name kommt vom schwedischen Wort für "Speerspitze", was wohl auf knallharte Führungskompetenz schließen lässt.

Die meiste Zeit lässt sich Mr. Händel davon aber nichts anmerken: „Er bleibt bei jedem Trubel entspannt und ist gut für die Stimmung“, so Hinz. Das glaube ich ihr sofort. Dieser Hund strahlt Ruhe aus, außerdem ist er als Cocker Spaniel auch noch gewissermaßen Brite.

Wenn der vierjährige Mr. Händel nicht gerade Festspiele leitet, geht er gerne schwimmen und zerkaut Stöcke. Oh, und außerdem modelt er noch ganz nebenbei für die sehenswerte Webseite von Händel 4 Kids!.

Was für ein Hund.

Montag, 18. Mai: Kinder!

Kinder sind was Feines. Auch und besonders, weil sie so begeisterungsfähig sind. Beispiel gefällig? Hier ein Video von der Eröffnung des Familientags am Gänseliesel vom Sonnabend:

Anlässlich des Familientags hat sich die Stadt in einen Musik-Abenteuerspielplatz verwandelt: Die unzähligen Workshops und anderen Mitmach-Angebote für Kinder und Familien zielten dabei auch, aber nicht ausschließlich auf Barockmusik.

Ob nun mit dem Schreiben einer eigenen Komposition oder mit dem Einblick in den Beruf des Klavierstimmers: Es ging darum, Kinder für Musik zu begeistern. Oft hört man, dass Kunstmusik generell einen schweren Stand bei jüngeren Generationen hat. Ich bin mir mittlerweile gar nicht mehr sicher, ob das so stimmt. Carolyn Sampson, die am Sonnabend, 23. Mai, Theodora singen wird, hat mir beispielsweise erzählt, dass sie das ganz locker sieht.

"Es geht halt darum, möglichst früh zu begeistern", sagt die Sopranistin, die selbst zwei Kinder hat und beide gerne zu Proben oder Konzerten mitnimmt. Für die sei eine arienschmetternde Mama eben ganz normal. Es gilt also, Berührungspunkte zu schaffen. Und von denen gab es beim Familientag eine ganze Menge, weitere folgen in den kommenden Tagen. ( Zum Programm)

Ziemlichen Erinnerungswert dürfte auch das "Großmaul" haben, das die Kinder in jedem Jahr beim Familientag begleitet. Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler hat es selbst gesagt: Das Maskottchen, dessen Name Programm ist, hätte auch in die Politik gehen können. Kein Wunder also, dass statt Köhler oder Tobias Wolff das Großmaul den Familientag feierlich eröffnen wollte:

Sonntag, 17. Mai: Der Coole

Preisfrage: Wann beginnt die Arbeit für die Stadthallen-Techniker, wenn das Göttinger Symphonie-Orchester (GSO) um 19 Uhr ein Konzert gibt? 18 Uhr? Falsch. 16 Uhr? Immer noch falsch. Weiter raten würde lange dauern. Die richtige Antwort lautet: 7 Uhr morgens. 

Einer der's gewusst hätte, ist Dietmar Lemke, technischer Leiter der Göttinger Stadthalle. Viel Zeit zum Reden hat er vor dem Konzert „Händel-Variationen“ nicht. „Wir machen hier eigentlich alles, aber unser Schwerpunkt liegt auf der Technik“, erzählt Lemke, bevor sein Telefon zum zweiten Mal in fünf Minuten klingelt. Ich bekomme schon vom Zuhören Stress – Lemke bleibt cool und legt das Telefon wieder beiseite. 

„Ich mache den Job hier schon seit 26 Jahren.“ Das heißt: Schichtbetrieb von 7 bis 23 Uhr, den er sich mit einem Kollegen teilt. Sein Tag begann heute früh mit der Anlieferung des Cembalos, später musste der Klavierstimmer reingelassen werden. Jetzt gerade sitzt Lemke in seinem Büro, „das auch gleichzeitig Werkstatt ist“, und brütet über den Bühnenbelegungsplänen der kommenden Woche. 

„Irgendwie müssen da 100 Musiker draufpassen“, murmelt er vielsagend und wirft einen Blick auf den Bildschirm. Auf dem ist das Geschehen auf der Bühne zu sehen: Christoph-Mathias Mueller probt mit dem GSO für das Konzert am Abend. Dann klingelt wieder das Telefon, danach muss Lemke mit irgendjemandem sprechen. Nett, dass er sich trotz der vielen Arbeit für mich Zeit genommen hat.

Sonnabend, 16. Mai: Sitzfleisch

Dass die Oper ein Erfolg war, steht hier. Hier soll in informeller Weise mal ein anderes Thema behandelt werden. Ein Thema, das alle Operngänger betrifft und trotzdem irgendwie tabu ist.

Die Rede ist vom Problem, über lange Zeit möglichst still zu sitzen. Es ist ja nun mal so: Zuzugeben, dass einem nach vier Stunden die Beine eingeschlafen sind, dass man seine Sitzmuskeln nicht mehr spürt und am liebsten mal kurz aufstehen würde, übersetzen manche Opern-Hardliner sofort in Geringschätzung der Musik.

Ist das so? Zu Händels Zeiten jedenfalls ging es im Opernhaus sehr viel legerer zu. Die Musik als etwas Absolutes in andächtiger Stille zu genießen, hat sicherlich auch seine Berechtigung, ist aber eine Entwicklung des 19. Jahrhunderts. So ändern sich die Zeiten. Die Körper aber ändern sich nicht – und das ist nichts, wofür man sich schämen müsste.

Wer seine Oper also lieber auf original barocke Weise genießen möchte, sollte am Freitag um 19 Uhr die Lokhalle aufsuchen. Beim Public Viewing „Agrippina für alle“ können sich Besucher jederzeit die Beine vertreten oder sich bei einem Imbiss für die nächste Arie stärken. Auch wenn eine Aufzeichnung gezeigt wird, ist es toll, eine Oper einmal außerhalb ihres natürlichen Aufführungskontextes zu erleben.

Ich erinnere mich noch gut an das Public Viewing von Admeto in der Inszenierung von Doris Dörrie im Jahr 2009 am Göttinger Kiessee. Auf Picknickdecken statt in Sitzreihen hat hier ein bunt zusammengewürfeltes Publikum zwischen Pommes und Thermoskannen Barockmusik genossen, ohne den nächsten Nieser unterdrücken zu müssen. Die Stimmung war großartig, der Sonnenuntergang hinter der Leinwand ebenfalls.

Großartige Stimmung führt mich nun aber doch noch mal zurück ins Deutsche Theater. Die Premierenatmosphäre von Agrippina war ausgesprochen ausgelassen, was maßgeblich Ulrike Schneider als intrigierende Agrippina zu verdanken war. Dafür hat sich Laurence Cummings beim Empfang im Alten Rathaus bedankt:
 

Das Lob, das er Schneider hier macht, gilt natürlich für das gesamte Ensemble. Und für diese Leistung nimmt man selbstverständlich auch gerne eingeschlafene Beine in Kauf. Oder wie es ein Premierengast in der Pause formulierte: „Für Händel sitze ich mir immer noch am liebsten den Hintern platt.“

Freitag, 15. Mai: Heldenhaft!?

Zwischen Festspielauftakt und Opernpremiere ist vielleicht die richtige Zeit, ein wenig über das diesjährige Motto „Heldinnen!?“ nachzudenken. Am Donnerstag habe ich in Einbeck eine Heldin gesehen: Sopranistin María Espada hat die Kirche St. Alexandri während einer Marienkantate Händels mit ihrer wundervollen Stimme rund 300 Jahre in die Vergangenheit versetzt.

Dafür braucht es schon Superkräfte, also darf man Espada auch getrost als Heldin bezeichnen. Auch Laurence Cummings, künstlerischer Leiter der Festspiele, hat das Konzert besucht und wirkte einen Abend vor der Opernpremiere ganz entspannt – das ist ein gutes Zeichen.

In wenigen Stunden beginnt dann die Oper Agrippina im Deutschen Theater. Da wird eine machtbesessene und skrupellose Dame über die Bühne wüten, die kein anderes Ziel hat, als ihren Sohn zu großer Macht zu verhelfen. Das klingt nicht besonders heldenhaft. 

Das „!?“ im Festspiel-Motto ist deshalb mehr als nur Deko: Es ist Programm. Abseits der Musik gibt es daher einige Veranstaltungen, die eine Reflexion von Frauenbildern im Barock möglich machen und so sicher auch dem Musikgenuss förderlich sind. Am 13. Mai zum Beispiel wurde die Ausstellung „ Schönheit. Macht. Mutterschaft“ in der Kunstsammlung der Universität (Weender Landstraße 2) eröffnet. Hier kann dem weiblichen Heldentum noch bis zum 14. September anhand von Frauenbildern von Sandro Botticelli bis Niki de Saint Phalle auf den Grund gegangen werden. 

Außerdem gibt es heute um 15 Uhr in der Uni-Aula mit dem Festvortrag des Germanisten Dr. Cord-Friedrich Berghahn sicher weitere lohnenswerte Weibs-Bilder zu entdecken. Und wer weiß, vielleicht verstehe ich ja dann auch Agrippina besser. 

Apropos Agrippina: Im Deutschen Theater ist gerade schon die Hölle los: Das Cembalo wird gestimmt (das kann dauern!), die Bühne eingeleuchtet und der NDR bereitet die Übertragung vor – von Ruhe vor dem Sturm kann keine Rede sein. Ab 16 Uhr geht es für die Künstler dann schon zur Maskenbildnerin. Eigentlich ist das auch eine Heldin, die ich während der Festspiele mal besuchen müsste...

Premiere der Oper Agrippina im Deutschen Theater Göttingen überzeugt. © Theodoro da Silva

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Donnerstag, 14. Mai: Toi toi toi!

Guten Morgen! Heute beginnen die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen – und zwar für manche Menschen schon früher als man denkt.

Im Festspiel-Büro zum Beispiel brennt schon um acht Uhr morgens Licht. Als ich eintrete, ist die Spannung greifbar. Stress liegt in der Luft, sicher. Aber auch Vorfreude. Und an genau die erinnert der geschäftsführende Intendant Tobias Wolff sein Planungsteam zu Beginn der Frühkonferenz: „Vergesst bei all dem Stress nicht, die kommende Zeit zu genießen!“

Frühkonferenz

Frühkonferenz

Quelle: Rohde

Damit das etwas leichter fällt, wird die allmorgendliche Konferenz in diesem Jahr eine halbe Stunde später um 8.30 Uhr abgehalten. „Das ist die einzige Zeit, wo wir alle zusammen sind“, so Wolff. „Die einzige Alternative wäre ein Treffen um Mitternacht.“ Na dann doch lieber morgens bei Kaffee und Rosinenbrötchen.

Wenn ich während der halbstündigen Konferenz etwas gelernt habe, dann dieses: Wer gedacht hat, so ungefähr zu wissen, was man bei der Organisation von internationalen Festspielen alles in den Kopf zu nehmen hat, der irrt. Und zwar gewaltig.

Die aktuellen Aufgaben liegen in Form einer zweiseitigen Tabelle auf dem Tisch im Konferenzraum: Regieteams von A nach B bringen, Kasse besetzen, Stellwände abholen, Autos klar machen, Telefondienst besetzen, Infostand aufbauen, Festspielzentrum betreuen, Straßenschilder beim Baubetriebshof abholen – die Liste wirkt endlos. Aber immerhin steht  vor jeder Aufgabe ein Name.

Und die zehn Leute am Tisch scheinen zu wissen, was sie tun. In diesem Sinne ist nicht nur allen Künstlern „toi toi toi!“ zu wünschen – sondern auch dem Leitungsteam und allen Helfern, die jetzt jeden Tag Dinge erledigen, von denen man als Festspiel-Besucher (Gott sei dank!) keinen blassen Schimmer hat. 

Von Jonas Rohde

 
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