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Händel-Festspiele Göttingen: Dallas im antiken Rom

Thema des Tages Händel-Festspiele Göttingen: Dallas im antiken Rom

Die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen 2015 sind vorbei. Die Veranstalter zeigen sich mit ihrem Verlauf zufrieden. Der aktuelle Jahrgang endete experimentierfreudig und familiengerecht mit Konzerten, der Familien-Oper und einem Feuerwerkskonzert.

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Schwindelerregende Koloraturen, virtuoser Vortrag: Mezzosopranistin Ann Hallenberg ist eine Meisterin ihres Fachs.

Quelle: Heller

Göttingen. Die ebenso sympathische wie direkte Autorin Donna Leon hat keine Zeit für ein „Guten Abend“ verschwendet, um gleich klarzustellen, dass die Agrippina-Hommage in der Stadthalle die alleinige Leistung von Mezzosopranistin Ann Hallenberg ist. Und obwohl sich die Starautorin und langjährige Festspiel-Besucherin nicht zu verstecken braucht, hatte sie Recht: Ann Hallenberg vollbrachte am vorletzten Festspiel-Tag eine denkwürdige Leistung.
 

Hallenberg durchforstete gemeinsam mit ihrem Mann, der Musikwissenschaftler ist, etliche Archive, um vergessene Partituren und Libretti zu rekonstruieren, die sich mit der historischen Agrippina beschäftigen. Verkompliziert wurde ihr Vorhaben durch den Umstand, dass es in der römischen Adelsfamilie drei Frauen mit diesem Namen gibt: zwei Schwestern und eine Tochter, letztere die ohne Frage ebenso berühmteste wie berüchtigtste der drei. Hier half Leon klug und kurzweilig auf die Sprünge. Im ersten von zwei kurzen Vorträgen erklärte sie, dass es sich um zwei Töchter des Konsuls Marcus Vipsanius Agrippa handele, von denen die jüngere die Mutter jener Agrippina war, deren überlieferte Gräueltaten etliche Komponisten und Librettisten faszinierte. „Das war wie Dallas im antiken Rom. Es versteht sich von selbst, dass Opernschreiber diese Agrippina angehimmelt haben.“

 
Hallenberg begann mit „Ogni vento“ aus Händels Agrippina, der Schwerpunkt des Abends aber lag auf unbekannteren Opern von Komponisten wie Nicola Antonio Porpora, Giovanni Battista Sammartini oder Giuseppe Maria Orlandini. Und in diesem Fundus gab es einiges zu entdecken: Vor der Pause rief die Arie „Mi paventi il figlio indegno“ aus Carl Heinrich Grauns Britannico, in der Agrippina ihrem Sohn Nero droht, zu Recht Begeisterungsstürme in der Stadthalle hervor: Die Arie enthält schwindelerregende Koloraturen, in denen Hallenberg eine Kraft auch in den höchsten Höhen entfaltete, die die Hörer fast schon ungläubig zurückließ. Begleitet wurde sie in ihrem hochvirtuosen Vortrag vom italienischen Ensemble „il pomo d’oro“, das auch zwei Konzerte Vivaldis vortrug. Die Musiker um Violinist Riccardo Minasi waren ebenso besonders wie Hallenberg selbst: Minasi hatte sichtlichen Spaß an dynamischen Kontrasten und opferte Genauigkeit bewusst für zusätzlichen Druck hinter den Melodien. Im Ergebnis klang das fabelhaft, vor allem bei Vivaldi, weil dieser Ansatz eben sehr gut zu dessen hemmungsloser und feuriger Präsentation von Virtuosität passt.

 
Hallenberg, die den regulären Teil ihres Konzerts mit „Non ho più vele“ aus Sammartinis Agrippina-Oper beschloss, musste drei Zugaben geben, bevor das Publikum sie gehen ließ. Dass die Stadthalle an diesem Abend noch voller hätte sein können, war nicht zu merken: Der Applaus und die zahlreichen Bravo-Rufe waren ungewöhnlich laut und voll der Begeisterung.

 

Von Jonas Rohde

Nur für Kinder!? Familienfassung der Oper Agrippina

Es ist in jedem Jahr wieder bezaubernd, die aktuelle Opernproduktion in neuem Licht zu sehen: Die Familienfassung empfiehlt sich längst nicht nur für Kinder, sondern erlaubt auch interessante Reflexionen für Erwachsene, die die Oper bereits in voller Länge gesehen haben. Dem als Moderator beim Kinderkanal bekannten Juri Tetzlaff gelang es auch in diesem Jahr, viel Drama und Musik auf eine Stunde herunterzubrechen. Das Ergebnis in der vollen Stadthalle war keine Lightfassung der Oper, sondern ein eigenständiges Format, das zur festen Instanz der Festspiele geworden ist.

 
Ausgewählte Arien aller Darsteller, begleitet vom Festspielorchester, werden von Tetzlaffs Moderation pointiert und vor allen Dingen lustig zusammengeführt. Das war auch bei Agrippina nicht anders: Alle Zutaten einer Händel-Oper wurden den jungen und alten Operngängern vor Augen und Ohren geführt: Hass, Streit, Liebe, Rache – die wichtigen Konfliktlinien wurden in den Moderationen deutlich und von den Gesangssolisten mit viel Humor in kurzen Szenen illustriert. Ulrike Schneider als Agrippina und dem gesamten Ensemble war anzusehen, wie viel Spaß sie an dem Format hatten. Wenn sich Nero also „wie ein Schnitzel“ über den Thron freut, war das von Tetzlaff nicht zu viel versprochen. Jake Arditti und seine Kollegen überzeichneten ihre Charaktere mit viel Verständnis für die kindliche Wahrnehmung, und so stand Christopher Ainslie als „der arme Ottone, der ganz fies gemobbt wird“, mutterseelenallein auf der Bühne und schien den Tränen nahe. Zumindest bis Ida Falk Winland sich entschloss, ihrem „Ottönchen“ doch noch einmal zu verzeihen.

 
Natürlich lebt eine kindgerechte Inszenierung auch von der direkten Einbindung ihres Publikums. Auch dazu bot Tetzlaff den jungen Hörern etliche Gelegenheiten, etwa als Darsteller der Palastwache oder als Imitatoren von Gewitter- und Kussgeräuschen – eben alles, was man für „eine ganz normale Händel-Oper“ so braucht. Der Dank war eine ausgelassene Stimmung, auch bei erwachsenen Hörern, und ein nicht enden wollender Applaus.

 
Jugend-Musikschule Musi-Kuss und GSO mit Feuerwerksmusik

Da hatten sich drei große Säulen des Göttinger Musiklebens zusammengetan, um ein ganz besonderes Konzert auszurichten: Die Jugendmusikschule „Musi-Kuss“ und das Göttinger Sinfonie-Orchester (GSO) führten unter der Ägide der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen Musik von Georg Friedrich Händel und anderen Komponisten auf. Das Konzert in der sehr gut besuchten Stadthalle lebte vor allem von den Beiträgen der kleinen und kleinsten Musikschüler und war ein Riesenspaß für die ganze Familie.

 
Dreh- und Angelpunkt des Konzerts war die Feuerwerksmusik HWV 351 von Händel. Mit dem ersten Satz, der Ouvertüre, eröffnete das GSO unter Leitung von Chefdirigent Christoph-Mathias Mueller den Abend. Für weitere Sätze (Bourée, Menuett I & II) bekamen die Musiker des GSO Verstärkung an ihren Pulten: Die Schülerinnen und Schüler von „Musi-Kuss“ mischten sich unter die Profis und verdoppelten das Klangvolumen. Kleinere Werke für Harfe und Blockflöte gaben später einzelnen Talenten die Gelegenheit, solistisch aufzutreten. Der jubelnde Beifall des ganzen Saals war ihnen jeweils sicher.

 
Durchs Programm führte der bestens gelaunte Fernseh-Moderator Juri Tetzlaff. Er animierte die Besucher zum Mitmachen: Wie das klingt, wenn ein Feuerwerkskörper gezündet wird? Na, zisch, bumm, und dann: ein bewunderndes Aaah! Schnell war diese Lautfolge auf Besuchergruppen im Parkett verteilt und weidlich per Fingerzeig abgerufen. Auch ein kleines Singspiel um die Person Händels bezog die Besucher mit ein – diesmal als Chor. Das hübsche, von Musikschul-Chefin Christine Büttner erarbeitete Stück stelle vor allem die Begabungen der Jüngsten in Blockflöten- und Xylophon-Gruppen heraus. Zum Finale gab es eine Feuerwerksmusik-Suite, bearbeitet nach Händel von Benjamin Köthe, als Uraufführung. Geschickt hat der Rostocker Komponist, der anwesend war, Blockflöten-Gruppen und Rockband-Instrumentarium in den Orchesterklang eingebunden. Gegen Ende entwickelte das Werk unter Leitung von GSO-Chef Mueller den satten, plakativen Sound von Filmmusik: ein fulminanter Schlusspunkt, der frenetischen Applaus auslöste.

 

Von Matthias Körber

 
Kommentar: Heldinnen für junge Festspiele

Die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen standen in diesem Jahr unter dem Motto „Heldinnen!?“. Sowohl das Ausrufe- als auch das Fragezeichen konnten Intendanz und künstlerische Leitung einlösen: In Konzerten und verschiedenen Veranstaltungsformaten wurden barocke Frauenbilder musikalisch, wissenschaftlich oder einfach nur mit viel Humor reflektiert. Und zwar mithilfe von Heldinnen, die auf kein Fragezeichen mehr angewiesen sind: Dass Künstlerinnen wie Sarah Connolly, Carolyn Sampson, Ulrike Schneider, Ann Hallenberg und viele weitere Göttingen besuchen, ist dem internationalen Stellenwert der Festspiele angemessen, sollte aber nicht als Selbstverständlichkeit betrachtet werden. Ebenfalls nicht selbstverständlich ist, dass sich die Festspiele über die Jahre konsequent verjüngt haben, denn vieles wird dafür getan, andere Zielgruppen anzusprechen. Das ist ungemein spannend – und Händels lebhafter Musik angemessen.

 

Von Jonas Rohde

Jonas Rohde

Jonas Rohde

Quelle: Hinzmann
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