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Händel-Festspiele bringen Nosferatu mit Live-Musik nach Göttingen

Beben in der Johanniskirche Händel-Festspiele bringen Nosferatu mit Live-Musik nach Göttingen

Beide sind knapp 100 Jahre alt, die Händel-Festspiele und Friedrich Wilhelm Murnaus Film „Nosfe­ratu“. Die Festspiele starteten 1920 in Göttingen, der Stummfilm hatte seine Premiere 1922 in Berlin. Am Sonnabend lief „Nosferatu“ im Rahmen der Händelfestspiele in der ausverkauften Johanniskirche – spät­abends, wie es sich für einen Vampirfilm gehört.

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Neue Musik für einen legendären Film von Ehsan Ebrahimi, Victoria Constien, Tobias Hegele und Laurence Cummings (von links).

Quelle: Heller

Göttingen. Eigentlich ist „Nosferatu“ kein Thema für ein barockes Musikfestival. Aber wenn der musikalische Leiter des Festivals, der englische Dirigent und Cembalist Laurence Cummings, höchstpersönlich den Orgelpart in der Musik zum Stummfilm übernimmt, ist das schon etwas Besonderes. Und das hat einen biografischen Hintergrund: Die Großmutter von Cummings war Stummfilmpianistin.

Hans Erdmann (1882-1942) schrieb die originale Nosferatu-Musik. Für das Projekt der Händel -F estspiele hat der aus dem Iran stammende Komponist Ehsan Ebrahimi, der an der Musikhochschule Hannover studiert, die Filmmusik neu arrangiert – eine schlanke Produktion mit nur drei Musikern, neben der Orgel Violoncello (Victoria Constien) und Schlagzeug (Tobias Hegele).

Das funktioniert prächtig. Denn schon allein das Schlagzeug kann drohen, markant unterstreichen, Wellen rauschen und Sturm brausen lassen, aber auch wunderbar vage Flächen malen, die man im Horrorgenre vor allem braucht. Ein solistisches Violoncello wirkt vor diesem Hintergrund beinahe wie eine Operndiva – aber es kann auch Gänsehaut-Töne im Flageolett oder dicht am Steg produzieren.

Auch Orgelklänge können perfekt Gänsehaut erzeugen. Dafür reicht schon ein einzelner tiefer Basston, der mehr Vibration als Klang ist und ein ganzes Kirchenschiff beben lassen kann. Ansonsten klingt die Orgel auch mannigfaltig genug, um die in Erdmanns Musik geforderten Stimmungen darzustellen. Welche das sind, belegen die Titel. Sie heißen Idyllisch, Lyrisch, Spukhaft, Stürmisch, Vernichtet, Wohlauf, Seltsam, Grotesk, Entfesselt und Verstört.

Gebannt sah sich das Publikum den legendären Film an. Bei aller Faszination durch die expressionistischen Bilder spürt man dabei allerdings auch stets den historischen Abstand. Doch wenn man die Musik während eines Films live erleben kann, wird aus Kinogeschichte ein Hier-und-jetzt-Ereignis. Tosender Beifall für den Komponisten und die hochprofessionellen musikalischen Akteure, die zu dritt mühelos ein ganzes Orchester ersetzt haben.

Diese „Nosferatu“-Fassung ist noch einmal bei den Kunstfestspielen Herrenhausen am Sonntag, 14. Juni, um 20.30 Uhr im Galeriegebäude zu erleben.

Von Michael Schäfer

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