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Oper Agrippina überzeugt bei den Händel-Festspielen in Göttingen

Abenteuerliche Intrigen Oper Agrippina überzeugt bei den Händel-Festspielen in Göttingen

Viereinhalb Stunden Spaß: Die Premiere von Agrippina im Rahmen der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen ist vom Publikum im Deutschen Theater völlig zu Recht gefeiert worden. Das ist sicherlich in der Ensembleleistung begründet, aber auch in den kreativen Lösungen der Inszenierung, die humoristische Anlage von Händels früher Oper auf das Deutlichste herauszuarbeiten.

Internationale Händel-Festspiele: Premiere der Oper Agrippina im Deutschen Theater Göttingen überzeugt

Quelle: Theodoro da Silva

Göttingen. Agrippina ist nach Rodrigo die zweite Oper, die Georg Friedrich Händel während seines vierjährigen Italienaufenthalts auf die Bühne gebracht hat und darf nach der umjubelten Premiere von 1709 in Venedig als sein Durchbruch als Opernkomponist bezeichnet werden.

Das geistreiche und humoristische Libretto lieferte Vincenzo Grimani, musikalisch greift Händel schon hier klug auf eigene Arbeiten zurück, orientiert sich bei den dramatischen Rezitativen und expressiven Arien aber auch an der italienischen Operntradition Monteverdis. Über allem liegt trotzdem ein Geist der Jugendlichkeit und der Entdeckungslust. 

Laurence Cummings, künstlerischer Leiter der Festspiele, hatte bei der Interpretation dieses Materials sichtlich Spaß. Schon in der berühmten Ouvertüre tat sich sein Festspielorchester hervor: Sowohl die Tremoli als auch die unverhoffte Pause, in der Händel die Auflösung einer Schlusskadenz schuldig bleibt und erst einige Takte später nachliefert, nahm sein Ensemble mit Sensibilität und Spielfreude. 

Das Ränkespiel um Agrippina, der Frau des römischen Kaisers, die ihren Sohn Nerone durch abenteuerlichste Intrigen auf den Thron hieven will, ist einzig mit überspitzten Charakteren besetzt – eine Tendenz des Librettos und der Musik, die in der klugen Inszenierung Laurence Dales noch weiter verstärkt wird. Mezzosopranistin Ulrike Schneider lässt in Vortrag und Gestus keinen Zweifel daran, wem die Bühne gehört.

Premiere der Oper Agrippina im Deutschen Theater Göttingen überzeugt. © Theodoro da Silva

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Diese Frau nimmt sich einfach alles heraus – auch, ihren Papiermüll kurzerhand im Orchestergraben zu entsorgen. Die Entwicklung ihres Charakters ist bemerkenswert: Im zweiten Akt präsentiert Schneider die verletzliche Seite der Agrippina und brilliert mit der Arie „Pensieri, voi mi tormentate“ – eine von vielen Darbietungen großer Stimmkunst des gesamten Ensembles, die für Zwischenapplaus sorgten.

Dieser starken Frau wird mit mit dem stimmlich und schauspielerisch großartigen João Fernandes (Bass) als Kaiser Claudio ein dickliches Weichei gegenübergestellt. Countertenor Jake Arditti als Agrippinas Sohn Nerone pubertiert derweil in einem verdrehten Kostüm irgendwo zwischen Liftboy und Schuljunge über die Bühne.

Was dem Muttersöhnchen an Männlichkeit fehlt, machen Countertenor Owen Willetts als Narciso und Bariton Ross Ramgobin als Pallante mit Schulterpolstern und ausgestopften Schritt locker wett (Kostüme: Robby Duiveman). Die wichtige Rolle der Poppea singt Ida Falk Winland mit strahlendem Sopran, Countertenor Christopher Ainslie als ihr Geliebter Ottone überzeugt mit hohem Ausdruck ebenfalls. Der kleineren Rolle des Lesbo schenkt Bariton Ronaldo Steiner ruhige Wärme.

In Tom Schenks schlankem Bühnenbild spiegeln sich die Eitelkeiten und Intrigen durch sich gegenüberstehende Spiegel in die Unendlichkeit – ein kluger Griff, von dessen interessanten Möglichkeiten in der Inszenierung oft Gebrauch gemacht wird. Das alles liefert einen unterhaltsamen und vor allem hochwertigen Opernabend mit genug Kurzweil, dem man seine viereinhalb Stunden nicht anmerkt. 

Weitere Vorstellungen am 17. und 18. Mai um 15 Uhr, am 22. Mai um 19 Uhr, am 24. Mai um 16 Uhr und am 25. Mai um 15 Uhr. Eine Familienfassung gibt es am 24. Mai um 12 Uhr in der Göttinger Stadthalle, ein Public Viewing am 22. Mai um 19 Uhr.

 Von Jonas Rohde

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