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Stummfilm „Metropolis“ mit Live-Musikbegleitung im Deutschen Theater

Händel-Festspiele Stummfilm „Metropolis“ mit Live-Musikbegleitung im Deutschen Theater

Der Blick der Musiker war nicht auf die Noten gerichtet, sondern klebte an der Leinwand. Jeder Ton musste zur gezeigten Szene passen. 143 Minuten spielte das Trioglyzerin zu Fritz Langs 1927 uraufgeführtem Stummfilmklassiker Metropolis. Für diese Leistung gab es am Ende donnernden Applaus im vollbesetzten Deutschen Theater. Dort wurde Langs Film vom Kino Lumière im Programm der Internationalen Händel-Festspiele gezeigt.

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Klassiker: Ausschnitt aus dem Film „Metropolis“.

Quelle: EF

Göttingen. Händels Opern, so erklärt das Programmheft, wurden in der Anfangszeit des Festival vor mehr als 90 Jahren nicht historisierend in Szene gesetzt. Vielmehr griffen die ersten Inszenierungen Elemente des damals modernen Expressionismus und des Bauhauses auf. So ähnelt ihre Bilderwelt jener der Stummfilme. Die wiederum wurden von Musikern live begleitet, erklärte Lumière-Chef Wilfried Arnold in seiner Einführung.

Die Vision der futuristischen Großstadt Metropolis kamen Regisseur Lang und seiner Drehbuchautorin Thea van Harbou beim Anblick der New Yorker Skyline, führte Arnold aus. Für das Projekt eines Science-Fiction-Films, einem der ersten dieses Genres, konnten sie den Produzenten Erich Pommer gewinnen. Der Filmmagnat hatte in Göttingen seine Schulzeit verbracht, bevor er mit 17 Jahren nach Berlin ging, erläuterte Arnold.

Mindestens 500 Wolkenkratzer-Modelle entstanden für den Film. Die Verkehrsszenen wurden mit Modellautos nachgestellt. Für die Massenchoreografien setzte Lang 27 000 Komparsen ein, die er laut Zeitzeugen erbarmungslos herumkommandierte. Die Produktion verschlang nach heutigem Wert 15 Millionen Euro.

Um so bitterer war es für die Verantwortlichen, dass der Film zunächst floppte. „In den ersten Monaten wollten ihn gerade einmal 15 000 Leute anschauen“, verriet Arnold. Die komplizierte Handlung wie auch die rührselig inszenierte Versöhnung der aufständischen Arbeiterklasse mit der arroganten Bourgeoisie fand wenig Anklang.

Um den Streifen dem Massengeschmack anzupassen, verkürzten ihn die Verantwortlichen um ein Viertel. Diese Version ging um die Welt. „Deutschland gehörte damals zu den wichtigsten Filmexportnationen der Welt“, sagte Arnold. Die Langfassung galt lange als verschollen. Erst der Fund einer fast kompletten, allerdings stark abgenutzten 16-Millimeter-Version im argentinischen Buenos Aires 2008 ermöglichte die Rekonstruktion. Diese Version, die es in Göttingen zu sehen gab, feierte 2010 bei der Berlinale Premiere. Sie gehört heute zum Unesco-Welterbe.

Für die Musik sorgten Ulrich van der Schoor am Klavier, Kristoff Becker am Cello und Tobias Becker an der Oboe. Das Trio nahm den Film ernst. Das Göttinger Publikum war zu Recht begeistert.

Von Michael Caspar

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