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Harry Rowohlt: Von der Wiege bis zur Biege

Reaktionen Harry Rowohlt: Von der Wiege bis zur Biege

Harry Rowohlt war ein Naturereignis. Der „Paganini der Abschweifung". Übersetzer, Vortragskünstler, Kolumnist, Gentleman, Raubein, Charmeur, Freund, Kollege, Ratgeber, Helfer, Kritiker, Gelegenheitsschauspieler, Elch-Preisträger und Busch-Preis-Laudator. Ein Gesamtkunstwerk, dem alles Künstliche fehlte.

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Harry Rowohlt ist mit 70 Jahren gestorben

Harry Rowohlt (Mitte) bei einem Besuch in Göttingen.

Quelle: Archiv

Nun fehlt er allen: Fans, Freunden und Kollegen. Sie würdigen Rowohlt, auf den ein englisches Attribut tatsächlich besser passt als dessen deutsche Übersetzung: one in a million.

 

Dietmar Wischmeyer ehrt den sprachgewaltigen Übersetzer, Autor und Vortragskünstler: „Ein Held der Deutschen Sprache, der nicht nur in ihr schreiben, sondern in ihr sogar denken konnte und - man mochte es kaum glauben bei einem deutschen Autor - sie sogar fürs Publikum ermüdungsfrei vorzulesen vermochte."

 

Harm Wörner, Geschäftsführer des Frühstyxradios, würdigte den Weggefährten so: "Winni Pooh, gesprochen von Harry, war das tägliche Gute-Nacht-Ritual meines Sohnes. Harrys Lesungen waren jedesmal ein Fest. Für uns war es eine große Ehre, dass er den Prolog für das erste Frieda-und-Anneliese-Stück gesprochen hat. Um es in seinen Worten zu sagen: Vielen Dank, schönen Gruß, allzeit gute Fahrt und immer eine Handbreit Wasser im Bidet."

 

 

Bernd Gieseking war vor wenigen Tagen selbst noch als Vortragskünstler in Göttingen zu Gast: "Schnief!! Wie traurig! Harry war als Übersetzer ein Genius, als Mensch ein wahrer Kumpel. Das Schönste aber war, ihm zuzuhören, egal ob auf der Bühne oder in kleiner Runde: diese Stimme und Gestalt, seine Gestik, die Modulationen, dazu seine Haltung. Harrys Lesungen waren die Sternstunden deutscher Bühnen- und Erzählkunst. Deutschlands begnadetster Erzähler, egal ob auf Bühnen oder an Theken, wird nie wieder mit uns reden!"

 

WP Fahrenberg, einer der Elch-Preis-Organisatoren hat regelmäßig Kontakt zu Rowohlt gehalten: „Harry war eines der Monumente in der Literaturszene, dem kein Denkmal gerecht werden könnte. Eine hochsensible, unendlich gebildete, weise Rampensau. Und ein so zutraulicher, herzinniglicher Mensch, dass einem der Atem stockte. Nun fehlte ihm der Atem, und er wird wohl froh darüber gewesen sein, denn er war mit dem, was aus ihm geworden war, nicht mehr glücklich oder auch nur zufrieden. Es wird nicht leicht werden, ohne ihn auskommen zu müssen."

 

Achim Frenz, Chef des „allerschönsten Museums der Welt", der Caricatura in Frankfurt, erinnert an ein Rowohlt-Zitat: „ ,Wenn man in seiner Jugend ein Hippie war und sich einigermaßen treu geblieben ist, sieht man eben als alter Sack aus wie ein Penner und nicht wie Joschka Fischer.' Genau so isses, Harry! Hau rein!"

 

Der Schriftsteller, Theaterregisseur, Schauspieler und Musiker Hartmut El Kurdi, von Rowohlt während einer gemeinsamen Auftrittstour gelegentlich als dessen "Lieblingskanake" tituliert, würdigt diesen so: "Harry, der genialische Übersetzer, Bühnenkünstler und Teilzeitkolumnist, der für sich selbst nie in Anspruch nahm, ein Schriftsteller zu sein, konnte spontan, aus der kalten Hose heraus besser, genauer und unterhaltsamer formulieren als die meisten Schriftsteller und Jounalisten nach stundenlangem Im-Kämmerlein-Grübeln. Irgendwie beschämend für unsereins. Und trotzdem freute man sich ob der funkelnden Sätze. An irgendwas muss man sich ja orientieren."

 

Der Journalist, Autor und taz-Korrespondent Ralf Sotscheck hat mit Rowohlt dessen höchst unterhaltsam geschriebene Lebensgeschichte verfasst: "In-Schlucken-zwei-Spechte. Harry Rowohlt erzählt Ralf Sotscheck sein Leben von der Wiege bis zur Biege." Er blickt auf Rowohlts Talent als Übersetzer zurück: „Harry hatte viele Berufe, zuallererst war er aber ein genialer Übersetzer. Rund 150 Bücher hat er geschafft. Er war wohl der einzige deutschsprachige Übersetzer, dessen Name genau so groß auf den Umschlag gedruckt wurde wie der des Autors. Es gibt ein Cartoon dazu. Ein dicker Verleger sitzt hinter seinem Schreibtisch und sagt zu dem schmächtigen Schriftsteller auf der anderen Seite des Schreibtisches: ,Wie heißt ihr Buch? Übersetzt von Harry Rowohlt? Ist gekauft.'"

 

Knapp, präzise und treffend, wie er auch Juryentscheidungen begründet, beschreibt Martin Sonntag, Leiter der Caricatura-Galerie in Kassel, die Bedeutung Rowohlts: "Dieser Verlust wiegt schwer, denn wir haben viel von Harry Rowohlt lernen können: über die Lust am Leben, über Genauigkeit und über Geradlinigkeit. Wenn er formulierte, dann virtuos und präzise. Wenn er kritisierte, dann mit Stil, Gerechtigkeit und Donner, und dieser Donner wird noch lange nachhallen."

 

Von Christoph Oppermann

 

Göttinger Elch-Jury

Nach langer und schwerer Krankheit verstarb der Übersetzer, Rezitator, Autor, Kolumnist und Schauspieler Harry Rowohlt im Alter von 70 Jahren.

Seine grandiose Übersetzungskunst, seine wundervoll ironischen Kommentare voller Herz und Witz, seine auf deutschen und internationalen Bühnen einmalige Vortragskunst, seine herrlich schrägen Qualitäten als Schau-Spieler und „Schau-Steller“, seine Fähigkeit, Dinge zusammen zu bringen, die wahrlich nicht zusammengehören, und sein Bart haben ihn einmalig und unvergesslich gemacht. Ihm gleichzukommen, wird auf absehbare Zeit niemandem gelingen.

Für sein satirisches Gesamtwerk und seine Multibegabung erhielt er im Januar 2001 als einer der ersten den Göttinger ELCH. Seitdem war er zusammen mit seiner Frau Ulla ein ständiger und nicht wegzudenkender Begleiter der alljährlichen Elch-Preisverleihungen.

Seine Herzlichkeit, sein Humor und sein Rat werden uns fehlen.

 
Rowohlt-Zitate

„Ach“
... zum Tod von Loriot im August 2011. 

„Selbst wenn es hülfe, käme es doch ein wenig zu spät.“
... über die Aktion „Batiken gegen Auschwitz“. 

„Die haben mich da eben nach Typ besetzt.“
... über seine Rolle in der „Lindenstraße“. 

„Die lange Nacht der Amateure.“
... über das allgemeine Trinkgebaren zu Silvester.

 

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