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Harry Rowohlt ist mit 70 Jahren gestorben

Übersetzer, Vortragskünstler, Schauspieler Harry Rowohlt ist mit 70 Jahren gestorben

Er hatte einen, nennen wir es mal, knarzigen Charme. Wer ihn besuchte, musste damit rechnen, von Harry Rowohlt kritisch gemustert und nuschelig begrüßt zu werden. Aber immerhin: Er lud zu sich nach Hause ein. Dort, im Erdgeschoss eines Altbaus in Hamburg-Eppendorf, lebte er mit seiner Ehefrau Ulla – und vielen Büchern. Jetzt, einige Wochen nach seinem 70. Geburtstag, ist Rowohlt gestorben.

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Quelle: dpa

Hamburg. Seit Langem litt er an einer unheilbaren Nervenkrankheit, konnte zudem zuletzt kaum noch laufen. Wenn man ihn in den vergangenen Jahren noch mal in Eppendorf sah, etwa auf dem Wochenmarkt, saß er immer im Rollstuhl.

 

Der Mann mit den wilden Haaren und dem imposanten Bart war der wohl bekannteste Übersetzer und Vorleser Deutschlands. Seine Prominenz verdankte er nicht allein literarischen Arbeiten, sondern auch der Rolle als Penner Harry in der „Lindenstraße“. Seit 20 Jahren trat er in der Fernsehdauerserie in dieser Nebenrolle auf. Die „Lindenstraßen“-Macher werden den Tod ihrer Serienfigur vermutlich am Sonntag einbauen.

 

 

In erster Linie aber war Rowohlt Literaturfreund durch und durch. Nach dem Abitur absolvierte er eine Ausbildung beim Suhrkamp-Verlag. Als er anschließend den Einstieg in das Unternehmen seines Vaters Ernst Rowohlt ablehnte,  war der Verleger wenig begeistert. Er selber war jedoch, erzählte Harry Rowohlt gern, nach der Ausbildung bei Suhrkamp für den Verlag des Vaters verdorben. Wahr oder gut erfunden? Schwer zu sagen. Harry Rowohlt jedenfalls überließ die Verlagsleitung seinem Halbbruder und verkaufte Anfang der Achtzigerjahre seine Anteile.

 

Zu dem Zeitpunkt war er bereits ein renommierter Übersetzer. 1970 übertrug der damals Mittzwanziger das Kinderbuch „Die grüne Wolke“ von Alexander S. Neill, dem Gründer der britischen Summerhill-Schule, ins Deutsche. In der Übersetzung Rowohlts, illustriert von F. K. Waechter gelangte das Buch in die Bestsellerlisten. Und blieb lange dort.

 

Um die 150 Bücher hat Rowohlt übersetzt, darunter Erfolgstitel wie Frank McCourts Roman „Die Asche meiner Mutter“ und zahlreiche Bücher von David Sedaris, Kurt Vonnegut und Philip Ardagh. Zuvor in Deutschland kaum bekannte Autoren wie Flann O’Brien wurde dank Rowohlt von hiesigen Lesern entdeckt. Dazu trugen – sein vielfach prämiertes Übersetzerkönnen in allen Ehren – vor allem seine Lesungen bei: Bei seinen Auftritten trat er mit einem Packen Büchern, einer Flasche Whiskey und ganz, ganz viel Zeit an. Seine markante Stimme, pointierte Kommentare und Abschweifungen sowie ein erhebliches Talent als Unterhalter machten diese Lesungen zu besonderen Darbietungen.

 

Mehrere Jahre tourte der Vorleser durch Deutschland und füllte die Säle; in Hannover war er oft im Literaturhaus und im Pavillon zu Gast. Diese Abende dauerten schon mal mehrere Stunden, und der damals ausgesprochen trinkfreudige Vortragskünstler nannte das „Schausaufen mit Betonung“. Seine späteren Lesungen, ohne Whiskey, waren für ihn „Betonung ohne Schausaufen“.

 

Wer ihn nicht live erlebte, kennt den Vorleser Rowohlt wahrscheinlich von einer der CDs, die er aufgenommen hat. Zahlreiche seiner Übersetzungen hat er selbst eingelesen. Darunter auch Texte von Alan Alexander Milne. Dessen Geschichten von Winnie-the-Pooh, also Pu der Bär, machte Rowohlt mit seiner Neuübersetzung in Deutschland berühmt. Zudem hatte er lange in der „Zeit“ eine Kolumne unter dem Titel „Pooh’s Corner“. Dort veröffentlichte er die Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand – charmant, unterhaltsam, lehrreich.

 

Wenn Rowohlt allerdings den Eindruck hatte, dass jemand mit geringem Verstand sich lautstark eine Meinung anmaßte oder jemand mit geringer Begabung einen Text veröffentlichte, konnte er grantig werden. Fünsch, wie es der Hamburger wohl genannt hätte. Dann schrieb er Beschwerdebriefe oder rief auch schon mal bei Autoren oder Journalisten an, um sich zu beklagen. Nicht verbiestert, sondern im typischen Rowohlt-Duktus: langsam, hamburgisch, mit einem speziellen Sinn fürs Schräge und Absurde.

 

Zahlreiche Autoren und Politiker veröffentlichten gestern Beileidsbekundungen zum Tod des 70-Jährigen. Da ist die Rede von einem „facettenreichen Tausendsassa“, einer „durchaus originellen Persönlichkeit“ – und von jemandem, der „bei alledem sehr tiefgründig“ gewesen sei.

 

Man wüsste schon gern, wie Rowohlt solche salbungsvollen bis ungelenken Statements kommentiert hätte.

Von Martina Sulner

 

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