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Un-erhörte Erlebnisse im „Klangraum Lokhalle“

Abschlusskonzert Un-erhörte Erlebnisse im „Klangraum Lokhalle“

Die mit Leben erfüllte Lokhalle ist den Göttinger Bürgern heute selbstverständlich. Was sich dort an Leben abspielt, sind Rock- und Popkonzerte, Shows, Sportveranstaltungen, Messen und vieles andere mehr. Doch hatte die Halle ursprünglich eine ganz andere Funktion: Hier wurden von 1917 bis 1976 Lokomotiven gewartet und repariert.

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Großartige Kulisse

Metallschienen als Klangkörper: Schlag-Töne in der Lokhalle.

Quelle: CH

An diese Zeit erinnert Daniel Ott in seiner musikalischen Rauminstallation „beschleunigung. lokhalle.9/04“, mit der am Montag das Festival „Linien“ zu Ende ging. Der Komponist bezieht alle Elemente des Raumes in den Klang ein. Die metallenen Pfeiler ergeben beispielsweise scharfe, helle, durchdringende Töne. Und wenn man mit locker herabhängenden Holzstäben über die Beton-Bohlen streicht, mit denen die Montagegruben abgedeckt sind, entsteht ein im Rhythmus der Bohlenfugen zart tackerndes, kaum hörbares Geräusch.

Neben den Materialklängen setzt Ott in seinem etwa 60-minütigen Werk auch viele traditionelle Instrumente ein – von der menschlichen Stimme über die Blasinstrumente Posaune, Trompete und Saxhophon, alle Streichinstrumente, Akkordeon und E-Bass bis zu diversen Schlagzeugen.
Die Akteure sind in einer großen Diagonale im Raum angeordnet, aber sie wecheln häufig die Positionen. Einige von ihnen besetzen auch Plätze auf Arbeitsbühnen hoch über den Köpfen der Zuhörer und werfen bisweilen bizarre Schatten an die Wand der Halle.

Dazwischen können die Zuhörer umhergehen, sich setzen oder legen und sich dem ungewohnten Klang-Raum-Erlebnis hingeben. Das besteht aus langen ruhigen Passagen meditativen Charakters, aus aggressiv hervorstechenden Klangexplosionen, aus Ton-Interaktionen der Musiker, die eine Art Frage-Antwort-Spiel aus Tönen vorstellen. Und binnen kurzem, das ist das erstaunlichste Resultat dieses Kunstwerks, ist man dem Hier und Jetzt völlig entrückt, taucht ein in eine Welt aus Klängen und Licht, aus musikalischer Aktion, Reaktion und Interaktion, als deren Bestandteil sich der Hörer zu begreifen lernt und deren fast durchweg ruhiges Zeitmaß zum Taktgeber des eigenen Erlebens wird. Es war dies die zweite Aufführung des faszinierenden Ott-Werks, das 2004 am selben Ort – wo denn auch sonst – seine Uraufführung erlebt hatte.

Der erste Teil des letzten Festivalabends war ebenfalls außerordentlich spannend: Der Schulchor des Ubbo-Emmius-Gymnasiums aus Leer und der Oldenburger Jugendchor zeigten mit ausgewählten Stücken zeitgenössischer (und etwas älterer) Musik, dass auch Nicht-Profis durchaus Zugang zur Musik der Gegenwart gewinnen können.

Beide Chöre arbeiten mit dem Neuland-Projekt des Netzwerks „Klangpol“ zusammen, das nach eigenem Bekunden „möglichst viele Ohren öffnen“ möchte „für neue Klänge, neue Töne“. Das ist den jungen Sängerinnen und Sängern an diesem Abend auf zweifache Weise gelungen: für sich selbst ebenso wie für das Publikum. Und demselben Ziel diente das gesamte Festival. Es hat nachhaltig die Zahl jener Menschen vermehrt, für die Neue Musik nicht von vornherein fremd und abschreckend ist, sondern eine Chance für un-erhörte Erlebnisse.

Von Michael Schäfer

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