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Alexander Osang liest im Grenzlandmuseum aus "Comeback"

Das Ende der Stein-Zeit Alexander Osang liest im Grenzlandmuseum aus "Comeback"

Aus Berlin ist am Sonnabend der Journalist und Autor Alexander Osang ins Grenzlandmuseum nach Teistungen gekommen. Er las im Göttinger Literaturherbst aus "Comeback", seinem Roman über die Krise einer Ostrock-Band nach der Wende.

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Quelle: ne

Teistungen. Osang erzählt das Scheitern der Steine. Das Ende der Steine begann mit den Stones. Die Identitätskrise der Ostrock-Bands fing nämlich damit an, dass die, die Stones hören wollten, die Stones auch hören durften. Nora war die Sängerin der Steine, als die DDR noch Bands hatte. Als es die DDR noch gab.

Sie will keine Zahnarztgattin werden, die früher gesungen hat, so viel steht für sie nach der Wende fest. Also zieht sie in ihren engen Lederhosen nach New York, wo sich das Wissen um die DDR auf "The fucking Wall" beschränkt. Dort gelingt es ihr, Kontakt zur Musikszene herzustellen. Allerdings beschränkt sich ihr Erfolg auf einen Alkoholexzess während eines Konzerts - und die Tatsache, dass sie ein Exemplar der letzten "Steine"-Platte über den großen Teich bringen konnte. In eine Stadt, in der es nur noch CDs zu geben scheint.

Im Jahr 2012 trifft Nora Carola Jürgensen, eine Journalistin, die über das Comeback der Band schreiben will, aber mehr mit Faltenvermeidung und Gewichthalten zu tun hat als mit der Recherche zu der Band. Gemeinsam fahren sie nach Jena, zu einem Konzert der Steine. Nora, Axel, Alex, Paul und Vonnie werden dort als "Legenden" angekündigt. "Vielleicht werden wir dreistellig", glaubt der Konzertveranstalter und meint damit die Besucherzahl. Das Geld verdient er mit Rammstein-Coverbands. Bands wie die Steine leistet er sich.
Paul ist der Bassist. "Nicht die kreative Rakete", wie Osang sagt, aber ein guter Musiker, der sich seinen Lebensunterhalt damit verdient, jugendlichen Talenten und Untalentierten Musikunterricht zu geben. Als die Mutter seiner Tochter vorschlägt, er könne beim Herbstfest in der Schule spielen, spürt er das Alter. "Die Band ist getrennt", antwortet er. "Emmas Vater ist immer von irgendetwas getrennt", setzt Emmas Mutter einen obendrauf.

Paul nimmt es gelassen, als beim Elternsprechtag rauskommt, dass einige der Neuntklässler hin und wieder kifften. "Ist immerhin die John-Lennon-Schule", sagt er. Emmas Mutter geht. Paul auch. Mit Frau Krause, der Lehrerin.

Der Mann, der mit einem abgegriffenen Exemplar von "Comeback" an einem kleinen weißen Tisch im Grenzlandmuseum sitzt, liest mit leicht rauchiger Stimme. Vor ihm liegt eine Schachtel Club Zigaretten - allerdings raucht der Autor nicht sichtbar, und die Kippen dürften auch nicht der Grund seines Stimm-Hauchens sein. Ben Thustek erklärt, sie seien ebenso für diesen Abend aus den Beständen des Grenzlandmuseums geholt worden wie die Amiga-Singles von Silly und der Klaus-Renft-Combo.

Mit Thustek führt Osang im Anschluss an die Lesung ein unterhaltsames Gespräch zwischen Jugenderinnerungen an das erste gewonnene Tischtennis-Turnier in Heiligenstadt und den damit verbundenen Feldgieker-Konsum und Gedanken an das Älterwerden. "Ich habe mich nicht hingesetzt und gesagt, jetzt schreibe ich mal ein Buch für alte Männer", sagt Osang. Aber er gab zu: Es ist schon ein eher trauriges Buch mit einigen lustigen Episoden.

Zu den ernsten Passagen in Osangs Buch gehört eine Stasi-Episode. Osang, der zunächst geplant hatte, ein Sachbuch zu schreiben, nimmt damit ein Thema auf, das es in der Realität durchaus gab: Auch der Gitarrist von Pankow, berichtet er, habe eine Akte gehabt.

Der Sänger der Ostrock-Band gehöre zu seinen Freunden, erzählt Osang. Auf deren Comeback-Bestrebungen sei das Entstehen des Buches zurückzuführen. Eigentlich, sagt Osang, habe er ein Sachbuch über den zweiten Versuch von Pankow schreiben wollen. Dann sah er, wie die Band vor einer Handvoll Gästen spielen musste. Und konnte nicht mehr berichten. Also habe er sich für einen Roman und die Fiktion entschieden.

Der Unterschied zwischen den Bands im Osten und denen im Westen, sagt Osang, sei gewesen, dass die DDR-Musiker zugleich die Rolle der Journalisten wahrnehmen und Kritik üben mussten. Und sie hatten eine Stellvertreterrolle einzunehmen für die Bands, die das Publikum nicht hören durfte. Dafür, was er im Interview sagte, für seine Lesung und für sein Buch erhielt er viel Applaus.

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