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„Böse Kinder“ beim Literaturherbst in Ebergötzen

Max und Moritz & Co. „Böse Kinder“ beim Literaturherbst in Ebergötzen

Die erste Umland-Veranstaltung des Göttinger Literaturherbstes führte in die Wilhelm-Busch-Mühle. Hier referierte der Germanist, Buchkünstler und -sammler Hans Witte über die historische Entwicklung der Kinderbücher. Schwerpunkte waren „Böse Kinder“ wie Max und Moritz oder Struwwelpeter.

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Wilhelm-Busch-Mühle in Ebergötzen

Quelle: CH/Archiv

Ebergötzen. Als Wilhelm Busch seinen Bestseller Max und Moritz schrieb, hatte er die Umgebung seiner eigenen Kindheit vor Augen: die Mühle in Ebergötzen, wo er von 1841 bis 1846 mit seinem Freund Erich Bachmann ebenfalls Streiche ausheckte. Um den etwa 30 Gästen der Lesung diese Zeit näherzubringen, führte Marianne Tillmann, Vorsitzende des Fördervereins, durch das 300 Jahre alte Gebäude, erzählte aus dem Leben Buschs und warf auch die Mühle an. „Rickeracke! Rickeracke! Geht die Mühle mit Geknacke...“ beschrieb Busch den Lärm des Mahlwerks, der Tag und Nacht zu hören war.

 
Max und Moritz seien ebenso wie der ein paar Jahre zuvor erschienene Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann negative Helden, die gegen die Erwachsenenwelt protestierten, erklärte Witte. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts habe es für Kinder nur Bücher gegeben, die artige und fromme Protagonisten zeigten, perfekte Vorbilder als gutes Beispiel. „Der junge Leser musste sich als Verlierer fühlen, niemand konnte so perfekt sein. Doch dann erschien der Struwwelpeter als Anführer einer pädagogischen Revolution“, sagte Witte.

 
Die Erwachsenenwelt wurde durch unangepasste Protagonisten gestört. Die Figuren beim Struwwelpeter bewiesen durchweg Entscheidungskraft bis zur letzten Konsequenz (Hungertod beim Suppenkasper), Max und Moritz seien sogar kriminell (Tierquälerei, Körperverletzung, Einbruch, Diebstahl). Die Bücher enthielten zwar Lehre und Warnung, dennoch kehre keiner der Protagonisten zurück in die Moralität der Erwachsenenwelt. Während Hoffmann den Struwwelpeter noch als Erziehungsbuch verfasste, habe Busch mit Max und Moritz die dunkle Seite der menschlichen Seele gezeigt. Zuvor sind in der Literatur nur Erwachsene, niemals Kinder, die Täter bei bösen Handlungen gewesen. Auf die Frage, ob solche Bücher für Kinder schädlich seien, sagte Witte: „Für Verhaltensstörungen sind weder Max und Moritz noch der Struwwelpeter verantwortlich. Es sind keine Figuren aus der realen Welt, sondern Symbole der Unangepasstheit und Willensstärke.“

 
Witte ging auch auf die Ikonografie, den hohen Wiedererkennungswert der Figuren ein, die bis in die heutige Zeit kopiert werden. Max und Moritz in Soldatenuniform aus dem Ersten Weltkrieg sei nur eine von weltweit mehr als 2200 Nachahmungen der bösen Buben. Ebenso sei die frontale, aufrechte, breitbeinige Haltung des Struwwelpeters auf dem Buchtitel häufig kopiert worden und bleibe auch in der Abstraktion wiedererkennbar.

 

Von Claudia Nachtwey

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