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Jonathan Franzen liest „Unschuld“ in der Göttinger Lokhalle

Literaturherbst Jonathan Franzen liest „Unschuld“ in der Göttinger Lokhalle

Ein souveräner und sympathischer Auftakt für den diesjährigen Literaturherbst: der amerikanische Bestseller-Autor Jonathan Franzen stellte vor mehr als 800 Zuhörern im vollbesetzten Nebenraum der Lokhalle seinen neuen Roman „Unschuld“ vor. Es war einer seiner wenigen Auftritte in Deutschland.

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Jonathan Franzen liest aus seinem Roman "Unschuld" in der Lokhalle.

Quelle: Vetter

Göttingen. Er findet es eigentlich in bisschen zu heiß in der Lokhalle. Und zieht gleich das Jackett aus und krempelt die Hemdsärmel hoch. „Ich habe heute nicht viel mehr getan, als sitzen und Angst haben vor der Lesung“, beginnt Franzen. Er könne sein Deutsch selten üben und dabei sei es ihm doch wichtig, dass alles perfekt rüberkomme. „Ich weiß, wie es klingen soll.“ Trotzdem oder gerade deswegen bestreitet er sein Programm allein. Kein Moderator, kein lesender Schauspieler, 90 anregende Minuten lang Franzen pur.

 

Er liest drei deutsche Passagen aus „Unschuld“, eine englische, dann stellt er sich den Fragen des Publikums. Souverän wechselt er dabei zwischen Deutsch und Englisch.Die junge Pip, mit vollem Namen Purity – so auch der englische Titel des Buches – hat ein schwieriges Verhältnis zu ihrer klammernden Mutter. Ihren Vater kennt sie nicht, ihre Mutter gibt den Namen nicht preis. Pips Suche nach dem Vater bildet den Rahmen der Handlung.

 

Eine der weiteren Hauptfiguren ist der deutsche Whistlerblower Andreas Wolf, einst in der DDR privilegiert aufgewachsen. Internet, Datensammelwut, das streift Franzen, vor allem aber schreibt er über familiäre Abgründe, Schuld und Schuldgefühle. „Für mich geht es immer um die Beziehungen zwischen den Menschen“, sagt Franzen. 

 

Zum Grundton des Buches gehören Ironie und Humor. „Humor ist mir immer nah, in allen Romanen“, sagt Franzen. Es sei auch die Art und Weise wie er denke: gründlich und humorvoll. Mit eben dieser Haltung widmet er sich auch den Fragen aus dem Publikum. „Purity“, eigentlich Reinheit, warum „Unschuld“? Reinheit, so habe er in Gesprächen mit seinem deutschen Verlag gelernt, sei ein schwieriges Wort. Er sei zufrieden mit Unschuld. Alle seine Figuren leiden an Schuldgefühlen, ein Titel, der das Wort „Schuld“ beinhalte, erschien ihm „not crazy“.

 

Überhaupt halte er sich beim Thema Übersetzungen zurück. Er lese seine Bücher eigentlich nie in anderen Sprachen. Weil „Unschuld“ aber so ein „deutsches Buch“ sei, habe er es auf Deutsch gelesen. Die Übersetzung „ist sehr gut“. Längere Passagen des Buches spielen in Ostberlin. Wie hat er recherchiert, und war er Anfang der 1980er Jahre in Ostberlin?  Einmal, so Franzen, sei er 1981 oder 1982, als er an der Freien Universität Berlin war, in Ostberlin gewesen. Aber lange Recherchen? Nein, ganz ehrlich: „Ich bin nicht gut im recherchieren!“ Er hasse es. Lieber schreibe er seine Kapitel und checke hinterher die Fakten. Bei der deutschen Hauptfigur Andreas Wolf habe er mit einer Freundin, die in Ostberlin gelebt hat, gesprochen. „Here is my character! Is that ok?“ Leider habe sie geantwortet: „Totally not!“ In Diskussionen haben sie ihn so weit verändert, bis sie sich zu einem „unwahrscheinlich, aber möglich“ durchringen konnte. 

 

Franzen hat den Ruf, ein bisschen arrogant und schwierig zu sein. In Göttingen präsentiert er sich heiter, nachdenklich und sehr offen. Und beim Gespräch mit seinem Publikum war es dann auch nicht mehr zu heiß in der Lokhalle!

 

Von Christiane Böhm

 

Der Beitrag wurde aktualisiert.

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