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Peer Steinbrück und Claus Leggewie debattieren im Deutschen Theater Göttingen

„Sauerteig der Demokratie“ Peer Steinbrück und Claus Leggewie debattieren im Deutschen Theater Göttingen

„Wir richten uns bequem in einer permanenten Gegenwart ein“, kritisiert der Bundestagsabgeordnete Peer Steinbrück (SPD) die Grundstimmung in Deutschland. Zusammen mit Claus Leggewie, Leiter des Kulturinstituts in Essen und Professor für Politikwissenschaft, diskutierte er im ausverkauften Deutschen Theater über die entpolitisierte Gesellschaft und das Dilemma der SPD.

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Kontrollierter Auftritt: Peer Steinbrück (SPD), ehemaliger Bundesfinanzminister.       

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Steinbrück , ehemaliger Bundesfinanzminister, und Leggewie haben einiges gemeinsam: Sie gehören derselben Generation an und studierten in der Zeit der 1968er-Jahre. Beide wollten ursprünglich Journalist werden, und beide haben jetzt ein Buch geschrieben.

„In den 60er-Jahren gab es eine ideengebende Zivilgesellschaft, die Feuer machte“, stellt Leggewie fest. Bürger, die sich politisch engagieren und denken, seien der „Sauerteig der Demokratie“. Anekdotenreich und lebendig erzählt der Professor, der sein Fach nie studiert hat, und benutzt dabei teilweise starke Worte („bescheuert“) und Verballhornungen, zum Beispiel wenn er Horst Seehofer  „Horsti“ nennt.

Steinbrück pflichtet ihm bei und sagt: „Beschlüsse dürfen den Bürgern nicht im Frontalunterricht vermittelt werden.“ Er fordert mehr politische Beteiligung und meint, dass die Parteien mehr Interesse und Enthusiasmus für Politik wecken müssen. Er kritisiert die „Mediendemokratie“ und den Bundeswahlkampf 2013, in dem er selber als Kanzlerkandidat antrat: „Wenn es in der Berichterstattung um die Kette der Bundeskanzlerin geht, dann ist das ein deutliches Zeichen für die Entpolitisierung.“

Mangelnde Politikbegeisterung und Gestaltungswillen seitens der Bürger ist nicht nur insgesamt betrachtet ein Problem – es ist vor allem auch ein Problem für die SPD. Leggewie stellt dazu eine gewagte These auf: „Die SPD hat seit Willy Brandt eine virtuelle Mehrheit.“ Die Grünen und die CDU/CSU seien ebenfalls sehr sozialdemokratisch geprägt, der SPD gelänge es aber nicht, ein Programm links der CDU zu formulieren. Sie habe kein Alleinstellungsmerkmal mehr.

Steinbrück, der kontrollierter auftritt als Leggewie, aber nicht weniger leidenschaftlich seine Positionen vertritt, findet häufig eingängige Bilder, um die politische Situation auf den Punkt zu bringen.

Er beschreibt die Zwickmühle, in der sich die SPD befindet. „Parteien, die streiten, werden nicht gewählt. Davon müssen wir uns freimachen“, fordert Steinbrück. Moderierte wurde das Gespräch von Andreas Busch, Professor der Politikwissenschaft an der Universität Göttingen.

Von Jorid Engler

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Künstleratelier: Leena Krüger