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Unsere Schauspieler: Nikolaus Kühn

Tageblatt-Serie Unsere Schauspieler: Nikolaus Kühn

Zwei Theaterhäuser stehen in Göttingen. Dazu kommen professionell arbeitende freie Theater und ein studentisches. Eine Tageblatt-Serie stellt die Schauspieler vor.

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Nikolaus Kühn

Quelle: CH

Göttingen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich so lange bleibe“, sagt Nikolaus Kühn. Im Jahr 2004 kam er aus Berlin nach Göttingen, wo er als freier Schauspieler mit seiner Ehefrau Sandra Visscher und den gemeinsamen Kindern Valentin und Lotte gelebte hatte.

 

Bereits 2002 hatte er als Gast in der Produktion „Comedian Harmonists“ gespielt, sicher eine der erfolgreichsten Inszenierungen am DT der vergangenen Jahrzehnte. „Die Leute standen bis auf die Straße“, erinnert sich Kühn. Im November sei dann ein Brief der Intendanz gekommen mit Dank für sein Engagement, im Januar ein zweiter mit der Ankündigung seiner Umbesetzung „aus wirtschaftlichen Gründen“. Es sei schon traurig, „dass wir Schauspieler das Ende der Nahrungskette sind“, sagt Kühn mit Blick auf den Theaterbetrieb. Im Jahr 2004 dann das feste Engagement.

Foto: Hinzmann

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In Berlin wohnte die Familie neben einem Park. Kühn berichtet von einer Schießerei und dem Projektil, das anschließend neben der Wickelkommode gelegen habe. Das erleichterte den Schritt, nach Göttingen zu gehen.

 

Kühn ist in Leipzig aufgewachsen, der Vater Theologe, die Mutter Kinderärztin, zwei Brüder, eine Schwester. Kühns erste Ausbildung: Krankenpfleger. Heute sagt er: „Ich wollte nie Krankenschwester werden.“ Warum? Das frühe Aufstehen habe ihm nicht behagt und das Arbeiten in drei Schichten. „Das ist nicht aushaltbar“, meint der 45-Jährige.

 

Seiner Mutter habe er damals offenbart, dass er Schauspieler werden wolle. Die habe ihm das nicht zugetraut und er mit seinem Dickkopf gemeint: „Jetzt erst recht.“ Unter 2000 Bewerbern zählte Kühn schließlich zu den 20 Auserwählten, die an der staatlichen Schauspielschule in Leipzig aufgenommen wurden. Das erste Engagement in Greifswald/Stralsund sei „harte Arbeit gewesen, „Elektra“ vor manchmal nur zehn Zuschauern und Fragen wie dieser: „Wann machen sie den mal wieder was Lustiges?“ Dresden sei heute noch das Tal der Ahnungslosen, zu DDR-Zeiten wegen der Unmöglichkeit, dort Westfernsehen zu empfangen, heute wegen Pegida. Mit Blick auf diese Rechtspopulisten sagt Kühn: „Manchmal schäme ich mich für meine Landsleute.“ Seine Erklärung dafür: „Der Osten hat keine Werte mitbekommen.“ In Göttingen lebe es sich völlig anders. „Die Stadt geht total entspannt mit den Flüchtlingen um.“

 

Göttingen erinnere ihn an seine Heimatstadt Leipzig, „ein Ring um die Innenstadt, viel Kultur, und man trifft sich immer wieder“. Die letzten Jahre hatten es dann allerdings in sich. Im Januar 2015 starb Kühns Ehefrau nach langer Krankheit, und im vergangenen Sommer wechselte der Theaterchef und mit ihm das halbe Ensemble des DT. „Toll, wie Erich und das Team darauf reagiert haben“, lobt Kühn den DT-Intendanten Sidler, der ihn wohl auch wegen seiner schwierigen familiären Situation übernommen hatte. Er habe in diesen Monaten für sich „eine neue Ehrlichkeit entdeckt, seinen Kindern gegenüber, aber auch dem täglichen Leben. „Morgens denke ich: Das ist alles nicht zu schaffen. Dann gehe ich den Tag an – und es ist nicht zu schaffen.“ Wurzeln will er seinen Kindern mitgeben – und kommendes Jahr mit ihnen vier Wochen mit dem Wohnmobil durch die USA fahren. „Ich will den Kindern zeigen, dass Göttingen schön ist, die Welt aber größer.“

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