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Betrachter der Bestände

Lesen: Neuer Roman von Wilhelm Genazino Betrachter der Bestände

Er leidet. Ihn plagen Sorgen. Dieser Mann hat es wirklich nicht leicht. Auch dieser, muss man sagen, denn die Protagonisten in Wilhelm Genazinos Romanen sind nie zu beneiden. Nach „Das Glück in glücksfernen Zeiten“, „Wenn wir Tiere wären“ oder „Bei Regen im Saal“ ist nun „Außer uns spricht niemand über uns“ erschienen.

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Der Autor Wilhelm Genazino

Quelle: dpa

München. „Ich lebte fast ohne Grund, ohne Absicht und ohne Ziel, aber mit viel Gedanken. Deswegen fühlte ich mich oft überfordert und daher oft löcherig oder halb angefressen.“ Dies ist nur eine Bestandsaufnahme von vielen, genau genommen macht dieser Mann ständig Inventur. Was für ihn bedeutet: „1. Eine Bestandsaufnahme dessen, was da ist. Und 2. Nach der Bestandsaufnahme eine Handlungsüberlegung: was zu tun sei mit den Beständen.“ Am liebsten aber bleibt er ein Betrachter der Bestände, „alles andere war mir zu kompliziert und deswegen Angst hervorrufend“.

So viel Angst muss sein, will man sein Leben in Klage und Abscheu, Sorge und Verdruss, Scham und Überforderung vergehen sehen wie dieser gescheiterte Schauspieler, der von Jobs als Rundfunksprecher lebt und auch mal eine Moderation bei Modenschauen annimmt, nicht zuletzt wegen der Aussicht auf ein überschaubares Abenteuer mit einem Mannequin. Genazino schreibt tatsächlich Mannequin, was schön ist, so ein bisschen antiquiert. Dennoch wirkt dieser Mann zeitlos, ein Witwer, der, als seine Armbanduhr stehenbleibt, allein deshalb eine neue Batterie kauft, weil er sichergehen möchte, dass die Zeit verstreicht. Ob nun mit ihm oder ohne ihn

„Alles andere war mir zu kompliziert und deswegen Angst hervorrufend.“

Hier ist wieder einer, der durch die Straßen streift, der – im Wortsinn – seinen Gedanken nachgeht. Er tut dies aus verschiedenen Gründen, einer davon ist: zu vergessen. Vergessen will er Carola. Die ihn verlassen hat. Sie arbeitet als Telefonistin in einer Spedition, was ihr peinlich geworden ist, und trainiert für einen Marathon, was ihr Weg ist, auf der Stelle zu treten. Gern würde sie bei ihm einziehen, doch er übergeht die Frage. Sie hätte gern ein Kind mit ihm, nur bietet er keine Sicherheit.

Den Rahmen bietet Frankfurt am Main, im Kern gehört alles zum Inventar des unbehausten Mannes. Was diesem fehlt, ist Phantasie für Möglichkeiten.  Wenn einer immerzu ängstlich ist, gehemmt und leicht zu erschöpfen, dann lässt man ihn irgendwann ziehen.

So ist die Gefahr groß, während der Lektüre das Interesse zu verlieren an dieser Figur, der Genazino keinen richtigen Gegenspieler gibt. Dabei hat sie neben dem Widerwillen gegen Hunde, Fahrräder und Rucksäcke, neben abklingenden Bedürfnissen nach Frauen durchaus auch ein Verlangen: „Zuweilen hatte ich den Eindruck, das Verlangen nach Bedeutsamkeit sei ein verhülltes Heimweh.“

Wilhelm Genazino: Außer uns spricht niemand über uns. Roman, Hanser Verlag, 160 Seiten, 18 Euro

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