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Die Trägheit des Auges

Doku „Seefeuer“ im Lumière Die Trägheit des Auges

Als „Fuocoammare“ im Februar den Goldenen Bären davontrug, waren sich die allermeisten Festivalgänger einig: Dieser Dokumentarfilm war der richtige Berlinale-Sieger zur richtigen Zeit. Jetzt, ein halbes Jahr später, gilt dieser Befund noch immer, und das spricht für die Haltbarkeit von Gianfranco Rosis Film.

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Seekrank im Ausnahmezustand: Der zwölfjährige Samuele lebt auf Lampedusa, der Insel, die wie keine andere für die Flüchtlingskrise steht.

Quelle: Weltkino

„Fuocoammare“, der den deutschen Verleihtitel „Seefeuer“ trägt, ist alles andere als Betroffenheitskino. Hier wird ein unverbrauchter und unsentimentaler, gänzlich unjournalistischer, gelegentlich verwunderter Blick auf das gewagt, was wir Flüchtlingskrise nennen.

Eine Ahnung von der Besonderheit dieses Films hat man schon nach wenigen Minuten: hier ein Junge, der mit seinem Hund an der Küste herumstromert und sich eine Steinschleuder bastelt; dort ein Hafengelände bei Nacht, eine sich drehende Satellitenschüssel, die einen bruchstückhaften Notruf auffängt. Ein Flüchtlingsboot droht offenbar draußen auf dem Meer zu kentern. Zwischen diesen Szenen: nichts als ein harter Schnitt – keine Erklärung, keine Einordnung,
keine vermittelnde Instanz. Kommentare gibt es hier nirgends.

In „Seefeuer“ muss man die Wucht des Zusammenpralls zweier Welten aushalten, die in Wahrheit doch ein und dieselbe ist: Wir befinden uns auf Lampedusa, dem 20 Quadratkilometer großen Eiland zwischen Sizilien und Tunesien. Schon seit vielen Jahren ist die Insel Umschlagplatz für Hunderttausende Flüchtlinge, die in Europa lange nur als abstrakte Zahlenbewegungen wahrgenommen wurden. Hierher war der Regisseur Rosi ursprünglich gekommen, um einen Kurzfilm zu drehen. Dann blieb er viel länger als geplant.

Wir begleiten den zwölfjährigen Samuele bei seinen kleinen Abenteuern auf seiner Mittelmeerinsel. Der Fischerssohn deponiert Knaller in Kakteen, schlürft beim Abendessen mit der Familie lautstark Sepia-Spaghetti, wird auf dem Meer sogleich seekrank und fachsimpelt wie ein Alter. Das alles ist ziemlich lustig – und wird unterbrochen von Bildern eines permanenten Ausnahmezustands, den die Inselbewohner gar nicht mehr als solchen wahrnehmen.

Man möchte lieber wegschauen und mit Samueles Vater weiter nach Schwämmen tauchen, aber das geht nicht. Immer wieder müssen wir hinaus mit den Schiffen der Küstenwache, treffen auf ausgekühlte Flüchtlinge, gehüllt in knisternde Wärmefolien. Die Haut der Menschen ist vom Schiffsdiesel verätzt. Die härteste Szene: In einem Schiffsrumpf stapeln sich die Leichen von Flüchtlingen.

Hätte uns Rosi den schaurigen Anblick nicht ersparen können? Ein Mitglied der Schiffsbesatzung habe ihn aufgefordert, die Kamera anzuschalten, hat er in Berlin gesagt. Da habe er es getan.

So stehen sich Samueles Erlebnisse und der Tod im Mittelmeer gegenüber. Lampedusa wird zum europäischen Mikrokosmos. „Fuocoammare“ ist der Titel einer Schlagerschnulze, die sich Samueles Mutter vom Inselradio wünscht, in dem sie immer wieder von den Katastrophen vor ihrer Haustür hört.

Eine Schnittstelle zwischen Flüchtlingselend und Fischeridylle allerdings gibt es: Pietro Bartolo ist der einzige Arzt auf Lampedusa. Er zählt den „kleinen Hypochonder“ Samuele zu seinen Patienten, aber er ist auch derjenige, der den Toten Finger oder Ohr abschneiden muss, um sie identifizieren zu können. Er werde sich nie an den Anblick der Opfer gewöhnen können, sagt er im Film. „Jeder Mensch, der sich Mensch nennt, muss diesen Menschen helfen.“

Sein Patient Samuele hat ein träges Auge, wie Bartolo diagnostiziert, und dieses wird unversehens zum Symbol: Ein träges Auge haben wir Europäer, die wir so lange wie möglich das große Sterben übersehen haben.

Die Berlinale ist nicht das erste Festival, das die Filmkunst von Rosi zu schätzen gewusst hat. Vor drei Jahren gewann er das Venedig-Festival mit der Doku „Das andere Rom“ über gesellschaftliche Außenseiter an der Ringautobahn rund um die italienische Hauptstadt.

Geboren wurde Rosi 1964 in Eritrea. Während des Unabhängigkeitskrieges wurde er als 13-Jähriger nach Italien ausgeflogen. Seine Eltern blieben zurück. Bei der Berlinale sagte Rosi: „Mir geht es darum, eine Tragödie zu zeigen, die sich vor unseren Augen abspielt. Wir tragen alle die Verantwortung dafür. Ich denke, was dort passiert, ist nach dem Holocaust vielleicht eine der größten Tragödien der Menschheit.“ Der große Unterschied aber sei: Dieses Mal sind wir live dabei.

Man könnte Rosis Film vorwerfen, dass auch er den Flüchtlingen nicht wirklich nahekommt. Wir begegnen ihnen nur kurz, bevor sie im Auffanglager verschwinden und dann aufs Festland gebracht werden. Von ihrem individuellen Schicksal erfahren wir nichts. Aber so ist das eben auf Lampedusa und anderswo.

Meryl Streep: „Das Herz der Berlinale“

Es war ein berührender Auftritt: Gianfranco Rosi widmete seinen Goldenen Bären bei der Festgala in Berlin den Menschen auf der Mittelmeerinsel Lampedusa, Jurypräsidentin Meryl Streep nannte Rosis Film „das Herz der Berlinale“. Und der italienische Kulturminister Dario Franceschini fühlte sich an die Notwendigkeit erinnert, „dem Flüchtlingsdrama gemeinsam und menschlich zu begegnen“. Viele hatten auf „Seefeuer“ als Sieger gewettet, bei der Premiere im Berlinale-Palast hatte es geradezu euphorischen Beifall gegeben. Bescheiden hatte Rosi davon gesprochen, nicht daran zu glauben, Filme könnten die Welt verbessern. „Filme können höchstens ein bisschen Aufmerksamkeit auf ein Thema lenken.“

Es war das erste Mal seit 1951 und zum zweiten Mal überhaupt, dass bei den Filmfestspielen in Berlin ein Dokumentarfilm den Hauptpreis gewann. Rosis Vorgänger James Algar errang damals für seinen 32-minütigen Naturfilm „Im Tal der Biber“, eine Disney-Produktion, den Goldenen Bären. Damals gab es allerdings noch die Kategorie „Dokumentarfilm“ und es wurden vier weitere Goldene Bären vergeben, unter anderem an Disneys Trickfilm „Cinderella“. big

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