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Gelehrte Konversation auf dem Biedermeier-Sofa

Bibliothek des Lichtenberg-Kollegs Gelehrte Konversation auf dem Biedermeier-Sofa

Über eine kleine Bibliothek mit 2500 Büchern verfügt das Göttinger Lichtenberg-Kolleg in der Alten Sternwarte. Hier treffen sich die Fellows des Kollegs – die Gastwissenschaftler - regelmäßig. Das Tageblatt stellt den 1888 eingerichteten Raum in der Reihe Campus-Ansichten (Folge 68) vor.

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In der Bibliothek der alten Göttinger Sternwarte: Dominik Hünniger (Geschäftsführer des Kollegs) mit den Fellows Ere Nokkala und Zofia Lorand (v.l.).

Quelle: Christina Hinzmann

Göttingen. „Carl Friedrich Gauß, der Gründungsdirektor der 1816 außerhalb der Stadt an der Geismar Landstraße 11 eröffneten Sternwarte, nutzte unsere heutige Bibliothek als Aufbewahrungsraum für kleine, bewegliche Fernrohre“, erzählt Dominik Hüninger, der Geschäftsführer des Kollegs. Der Raum habe genau zwischen dem Büro von Gauß und einem der beiden Meridiansäle gelegen. Vom Saal aus habe der Wissenschaftler seine astronomischen und geodätischen (erdvermessenden) Beobachtungen gemacht. Gewohnt habe Gauß im Westflügel der Sternwarte.

„Im alten Instrumentenraum richteten die Astrophysiker Ende des 19. Jahrhundert ihre Bibliothek ein“, berichtet Hünniger. Der Raum mit den bis zur Decke reichenden Fenstern erhielt eine Empore, die sich über eine Wendeltreppe erreichen lässt. Dort oben befindet sich ein Arbeitszimmer. In den Schränken unter den Bücherregalen lagerten einst Sternenkarten. „Wir bewahren dort heute Broschüren und Tagungsmaterialien auf“, sagt der Geschäftsführer.

Die Astrophysiker zogen 2005 in Räume der Neuen Physik auf dem Nordcampus um. Drei Jahre lang dauerte die Sanierung der Sternwarte. Dann übernahm das Lichtenberg-Kolleg, eine Einrichtung der Universität, das Gebäude. „Wir holen herausragende Geistes- und Sozialwissenschaftler nach Göttingen, die hier – befreit von universitären Alltagspflichten – forschen und schreiben können“, erläutert Hünniger. Junge Wissenschaftler nach der Promotion kämen jeweils für zwei Jahre. Ältere Wissenschaftler arbeiteten für drei bis zehn Monate im Kolleg, wo jeder der derzeit 20 Fellows ein Büro habe. Ziel sei es, die Gäste untereinander und mit Wissenschaftlern der Universität ins Gespräch zu bringen. So entständen internationale und interdisziplinäre Projekte.

In der Bibliothek finden sich heute Lexika, Handbücher und Übersichtswerke sowie Fachliteratur zu den verschiedenen Forschungsschwerpunkten des Kollegs. „Wir sind an drei Clusteranträgen der Universität beteiligt“, sagt dazu Hünniger. Auf Wunsch der Fellows könne das Kolleg 200 bis 300 Bücher im Jahr beschaffen, Spezialliteratur, die sich in den Bibliotheken der Universität nicht fände.

Zwischen den hohen Bücherregalen wird nicht nur gelesen. Die Fellows treffen sich dort auch oft. In der Mitte des Raumes stehen Biedermeier-Möbel, die zur Zeit der Sternwarten-Gründung modern waren: ein Sofa, zwei Sessel und mehrere Stühle um einen großen Tisch. „Wir haben sie gestiftet bekommen“, berichtet Hünniger. Vom ursprünglichen Mobiliar aus den Zeiten von Gauß habe sich nichts erhalten. Vier weitere Sitzecken gibt es in der Bibliothek.

Jeden Dienstag um 11 Uhr kommen die Fellows dort in lockerer Runde auf einen Kaffee zusammen. „Es gibt einen Lesekreis, der sich dort 14-tägig trifft“, erzählt Ere Nokkala aus Finnland, der über die Aufklärung forscht. „Die Universität Göttingen, die Anfang des 18. Jahrhunders als Aufklärungsuniversität gegründet worden ist, gehört heute zu den Zentren der Aufklärungsforschung“, erläutert der Finne.

Gastwissenschaftler halten in der Bibliothek Seminare für Studierende. „Manchmal treffen wir uns auch spontan dort, um eine Frage zu klären oder eine Idee zu diskutieren“, berichtet die Ungarin Zsófia Lóránd, die sich mit der Ideengeschichte des Feminismus in Osteuropa befasst. Wenn die Bibliothek bereits besetzt sei, wichen sie in andere Räume des Gebäudes aus.

Von Michael Caspar

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