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„Eine Entwicklung, die die ganze Welt betrifft“

Erster Computer in Göttingen „Eine Entwicklung, die die ganze Welt betrifft“

Jedes Computerprogramm habe mindestens einen Fehler, sagt Prof. Rudolf Kippenhahn. Und: „Vor laufender Maschine ist man beliebig dumm.“ Das gilt heute in der Informatik und das hat auch damals gegolten, als Kippenhahn am ersten Computer in Göttingen gearbeitet hat.

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Die „G1“: 476 Röhren und zwei Rechenoperationen pro Sekunde.

Quelle: EF

Damals hieß er noch „Rechenmaschine“, programmiert wurde mit Lochstreifen. Die Leistung: Zwei Rechenschritte pro Sekunde. Heutige Superrechner schaffen etwa 1000 Billionen. Und wenn man den Programmierfehler nicht sofort gefunden hatte, musste man zwei Wochen warten, bis man wieder Rechenzeit zugesprochen bekam.

Am Dienstag hat Kippenhahn zum Auftakt in der Vortragsreihe „Faszinierendes Weltall“ gesprochen, die vom Förderkreis Planetarium organisiert wird. Und sein Vortrag beginnt vor etwa 60 Jahren: „Niemand erinnert sich mehr“, sagt Kippenhahn, „dass in Göttingen eine Entwicklung begann, die die ganze Welt betrifft“.

Ludwig Biermann war damals Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik und Astrophysik in Göttingen. „Der interessierte sich immer für etwas anderes, und seine Mitarbeiter mussten mitziehen“, sagt Kippenhahn. Um 1950 interessierte er sich für Computer. „Das war segensreich. Was er anpackte, klappte.“ Der Physiker Heinz Billing war für die Konstruktion verantwortlich.

Anregungen kamen allerdings nicht von Computerpionier Konrad Zuse, der bereits 1941 den ersten Rechner baute, sondern aus England: Alan Turing war nämlich in Göttingen um herauszufinden, welche wissenschaftlichen Fortschritte während des Zweiten Weltkrieges gemacht worden waren. Turing war maßgeblich an der Entzifferung der mit der Enigma verschlüsselten deutschen Funksprüche beteiligt. Er zählt heute zu den einflussreichsten Theoretikern der frühen Computerentwicklung – und er arbeitete mit den Göttinger Wissenschaftlern eng zusammen.

Billing konstruierte schließlich mit Turings Anregungen im Jahr 1948 den ersten Datenspeicher, auf dessen Prinzip noch heutige Festplatten funktionieren. „Irgendwo musste man ja die Zwischenergebnisse und Befehle speichern.“ Die Astrophysiker nannten die Platte nur „die Trommel“: Ein Magnet magnetisierte in speziellen Abständen die Oberfläche der metallenen Trommel, ein Fühler konnte die Daten dann interpretieren. Der Speicher war im Vergleich zu heute sehr gering: Er reichte für 26 zehnstellige Zahlen.

Kippenhahn stieß erst später zum Astrophysik-Institut. Vorher musste er als studierter Mathematiker in der kleinsten Sternwarte in Deutschland, nämlich in Bamberg, die Präzisionsuhren nach dem Rundfunk stellen. „Bis ich merkte, dass nur ich auf die Uhren schaue“, sagt der 84-Jährige. Warum diese Aufgabe? „Während des Studiums habe ich keine Astronomie-Vorlesung gehört und danach nur meine eigenen“. 1963 wurde er Mitarbeiter des Instituts in der Gruppe um Billing, Biermann und Nobelpreisträger Werner Heisenberg.

„G1“ hieß die Rechenmaschine „mit 476 Röhren. Tranistoren waren nämlich noch nicht erfunden“. Mit seinen zwei Rechenoperationen pro Sekunde und dem geringen Speicher war der Rechner aber immerhin noch zehn- bis 20mal so schnell, wie ein geübter menschlicher Rechner mit Schieber. „Aber das gab einen Krach“, sagt Kippenhahn, wenn auf der Rückseite der Maschine die Relays angefangen haben zu klackern. Und die Astronomen fragten sich natürlich, ob man solch eine Rechenmaschine überhaupt bräuchte.

„Wir haben damals gelernt, dass man mit Stromstößen rechnen konnte“, erzählt Kippenhahn. „Jede Zahl wurde durch Stromstöße codiert. Und mit gewissen Regeln konnte man dann multiplizieren oder dividieren.“ Und vor allem: „Es gab Möglichkeiten, Leben in ein Programm einzubauen.“ In der Informatik spricht man von Schleifen, die in Programmen so lange durchlaufen werden, bis man sie stoppt oder ein vorgegebener Parameter erreicht wird. Damals wurden die Programme allerdings nicht auf Bildschirmen geschrieben, sondern in Lochstreifen gestanzt. „Die wenigsten Informatiker wissen noch, dass man den Uhu mit Aceton verdünnen muss, wenn man die Streifen zusammenklebt – ansonsten bleiben sie nämlich im Lesegerät stecken.“

Indem dann diese Schleife immer und immer wieder durch das Lesegerät lief, konnte sie sich beispielsweise immer genauer Brüchen nähern. „Ich habe mal mit meinen Studenten ein Programm geschrieben, um eine Differentialgleichung auszurechnen“, sagt er. Sie standen dann vor der Maschine und legten den Lochstreifen ein. „Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ein Programm auf Anhieb lief.“ Und wie er anfügt „auch das letzte Mal“. Mit Hilfe der Computer konnte Kippenhahn sich später immer weiter in die Sterne vorrechnen. „So tief ist bis dato niemand gekommen. Aber wie es so ist: Kurze Zeit später kam jemand, der besser war.“

Und was sagten die Astronomen? Die wollten einmal ausrechnen, an welchem Ort sich der Amor-Asteorid zu einem bestimmten Zeitpunkt befindet, erzählt Kippenhahn. „Wir machten da mit. Wir hatten zwar keine Ahnung, aber die Gleichungen standen im Buch und das Rechnen machte die Maschine.“ Beide Parteien kamen zu einem unterschiedlichen Ergebnis, und die Tischrechner jubelten.

„So etwas können die eben nicht“, zitiert Kippenhahn die Astronomen. Aber dann, „dann kam Armor“ – und er befand sich dort, wo es die Rechenmaschine vorhergesagt hat. Gerechnet haben die Astrophysiker mit dem Nachfolgemodell, der „G2“, die in München stand. Göttingens erster Computer erhielt keinen Ehrenplatz im Museum – er wurde verschrottet .

Von Florian Heinz

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