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Einseitiges europäisches Geschichtsbild

Birthler zu Gast in Göttingen Einseitiges europäisches Geschichtsbild

Ehrengast und Rednerin auf der zweiten Adam-von-Trott-Lecture war Marianne Birthler. Ihr Vortrag „Erinnern und Gedenken – eine europäische Aufgabe“ betonte die Bedeutung, die das Erinnern an die zahlreichen europäischen Widerstände gegen Diktaturen für das heutige Europa hat.

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Marianne Birthler

Quelle: Hinzmann

Göttingen, Göttingen. Ehrengast und Rednerin auf der zweiten Adam-von-Trott-Lecture war Marianne Birthler. Ihr Vortrag „Erinnern und Gedenken – eine europäische Aufgabe“ betonte die Bedeutung, die das Erinnern an die zahlreichen europäischen Widerstände gegen Diktaturen für das heutige Europa hat.

Birthler selbst ist in der DDR aufgewachsen und entwickelte dort früh eine oppositionelle Haltung. Sie habe sich nicht als Kind der DDR gefühlt, charakterisierte Prof. Andreas Busch sie in seiner Vorstellung. Birthler sei dadurch selbst zum Abhöropfer geworden. 2000 wurde sie zur Nachfolgerin von Joachim Gauck als Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR gewählt. Ein Amt, das sie bis 2011 innehatte.

Nachfolgerin von Joachim Gauck

Birthler sprach nicht nur über kommunistische Diktatur und den Widerstand gegen diese in den Ländern Osteuropas. Sie rückte vielmehr den sehr unterschiedlichen Umgang mit diesen Erfahrungen innerhalb Europas in den Mittelpunkt. „Die vier Jahrzehnte kommunistischer Herrschaft, ihre Begleiterscheinungen und ihre Folgen werden in Westeuropa zumeist ebenso unterschätzt wie der freiheitliche Widerstand dagegen“, sagte Birthler. Im westeuropäischen Geschichtsbild kämen die prägenden Erfahrungen der Menschen in den früheren Ostblock-Ländern allenfalls am Rande vor. „Von einer gesamteuropäischen Identität werden wir aber erst sprechen können, wenn die osteuropäischen Erfahrungen auch in Paris, in Wien oder London als Teil der gemeinsamen Geschichte angesehen werden.“

Birthler meinte damit nicht nur die blutig niedergeschlagenen Revolutionen in den 1950er- und 1960er-Jahren sowie die entschlossenen und würdevollen Massenbewegungen, die zum Fall des Eisernen Vorhangs führten. Es seien vor allem die Alltagserfahrungen, die die Menschen und ihre Gesellschaften nachhaltig geprägt hätten: Unfreiheit, Überwachung, „Zersetzung“, Verhöre, Haft, Anpassungszwänge, Schweigen, der alltägliche Verrat an Mitmenschen und den eigenen Überzeugungen, das Misstrauen. „Darüber wird kaum gesprochen“, bis heute, so Birthler. „Es wäre naiv zu glauben, dass die Folgen jahrzehntelanger Isolation und Indoktrination mit einem Systemwechsel abgeschüttelt werden könnten.“ Ein einseitiges Geschichtsbild, das Unangenehmes verschweigt, ermögliche es aber, Menschen für politische Zwecke zu manipulieren. Umso wichtiger sei das Erinnern an diese vielschichtigen Facetten.

Tradition des Humanismus

Viele der Aufstände fänden sich beispielsweise in keinem Geschichtsbuch. „Und das, obwohl die antikommunistischen Freiheitsbewegungen zum Besten gehören, was die europäische Freiheitsgeschichte des 20. Jahrhunderts aufzubieten hat“, sagte Birthler. Sie stünden in der jahrhundertealten europäischen Tradition des Humanismus, der in Krakau und Prag ebenso lebendig und wirksam war wie in Wien oder Amsterdam. Insofern hätten die „westlichen Werte“ gesamteuropäische Wurzeln.

Angesichts der Verunsicherung und Ängste im öffentlichen europäischen Diskurs und der aufflackernden Fremdenfeindlichkeit und Abgrenzung scheinen „unsere europäischen Grundwerte Freiheit und Demokratie in die Defensive zu geraten“, so Birthler. Weil aber ein gemeinsames Wertefundament für eine humane europäische Zukunft so wichtig ist, „können wir es uns nicht leisten, auf die Vergangenheit zu verzichten“.

Die europäische Widerstands- und Freiheitsgeschichte spiegele die Sehnsucht und den Kampf der Menschen um Freiheit wider, so Birthler. „Wenn Europa in dieser Geschichte sein wertvollstes Erbe sähe, dem gegenüber wir auch künftig verpflichtet sind, müssten wir uns um die freiheitliche Grundausstattung Europas etwas weniger Sorgen machen.“

Birthler im Interview

Marianne Birthler über Geheimdienstkontrolle, schwindende gesellschaftliche Hemmschwellen und die Notwendigkeit von Integrität und Glaubwürdigkeit von Politikern im Kampf gegen den Populismus.

Sie haben in Ihrer persönlichen Biografie und im Umgang mit den Stasi-Akten Ihre Erfahrungen mit der Rolle von Geheimdiensten in einem Staat gemacht. In Deutschland mehrt sich beispielsweise die Kritik an Verfassungsschutzbehörden und deren undurchsichtiger Verbindungen in die rechtsextreme Szene. Wie wichtig ist Transparenz im Umgang mit Geheimdiensten?

Sie sprechen zwei sehr verschiedene Themen an. Die Frage von Geheimdiensten und wie sie kontrolliert werden können, ist meiner Meinung nach ein wichtiges Thema – eines, das jeden Bürger sehr interessieren muss. Beim Thema Staatssicherheit sprechen wir von etwas anderem: Von der Geheimpolizei einer Diktatur, die hunderttausende Menschen überwachte, nach Belieben verhaften konnte und tausende Leben zerstörte. Da gibt es nicht viele Gemeinsamkeiten. Deswegen handele ich diese beiden Themen sehr ungern in einem Atemzug ab.

Das Vertrauen des Bürgers in staatliche Institutionen scheint zu schwinden. AfD-Wähler beispielsweise lehnen zu weiten Teilen ab, was ihnen von Politik und Medien erzählt wird …

Ich weiß nicht, ob das Vertrauen schwindet oder ob sich das fehlende Vertrauen jetzt nur lautstark äußert. Vielleicht sind solche Vorbehalte bis hin zu hasserfüllten Angriffen auf Vertreter von demokratischen Institutionen nicht neu, nur scheint es inzwischen erlaubt zu sein, sich so zu äußern. Es gibt ja durchaus auch öffentlich agierende Personen, die sich nach besten Kräften bemühen, solche zerstörerische Kritik an Demokratie und Rechtsstaatlichkeit hoffähig zu machen. Und offenbar verfängt das zumindest bei Teilen der Bevölkerung. Alles, was solchen Leuten früher vielleicht noch peinlich war oder allenfalls an Stammtischen geäußert wurde, steht jetzt in der Zeitung. Und ihr Geschrei und ihre Trillerpfeifen geben ihnen das Gefühl von Stärke. Ich halte das für eine bedrohliche Entwicklung. Hemmungsloser Hass darf nicht zum Mittel politischer Auseinandersetzung werden – er untergräbt die demokratische Kultur.

Sehen Sie auch reale Gründe für dieses Verschwinden von Hemmschwellen – das Gefühl des gesellschaftlichen Abgehängtseins, beispielsweise?

Sicher ist das Abgehängtsein beziehungsweise Abstiegsängste ein Grund. Ich persönlich glaube, viel schwerer wiegt ein zunehmender Widerstand gegen Modernisierung im weitesten Sinne. Worauf ich oder viele meiner politischen Freunde stolz sind – Offenheit, Akzeptanz gegenüber anderen Lebensformen, Internationalität –, scheint offenbar nur für einen Teil der Bevölkerung attraktiv zu sein. Anderen macht es Angst. Das beobachten wir ja auch in anderen Ländern.

Was wären denn Gegenmaßnahmen gegen den Populismus?

Das eine ist, diese Kommunikationsmuster nicht zu bedienen. Es geht aber auch um eine gute, klare politische Sprache und Glaubwürdigkeit. Es ist heute wichtiger denn je, dass die politischen Verantwortlichen auch als Personen für das stehen, was sie sagen. Aber natürlich sind auch Schulen oder Medien gefordert. Unsere demokratische Kultur zu verteidigen, ist eine große und dauerhafte Aufgabe.

Von Sven Grünewald

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