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„Fortsetzung der Beatmung war nicht vertretbar“

„Erlanger Baby“ „Fortsetzung der Beatmung war nicht vertretbar“

Die Göttinger Ethikprofessorin Claudia Wiesemann sieht das Vorgehen der Mediziner vor 25 Jahren im Fall des „Erlanger Babys“ kritisch. Deren Entscheidung, eine hirntote Frau solle ihr Kind austragen, „hat ethischen Maßstäben nicht genügt“.

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Die Göttinger Ethikprofessorin Claudia Wiesemann.

Quelle: Deutscher Ethikrat

Göttingen. Das sagte die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrates dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der Fall hatte für heftige Diskussionen gesorgt. Die 18-Jährige war bei ihrem Autounfall 1992 in der 14. Woche schwanger gewesen. Die Ärzte der Uniklinik hatten gegen den Willen der Eltern die Hirntote künstlich beatmet und versucht, den Fötus zu retten. Dies gelang nicht.

„Ein solches Experiment in einer so frühen Phase der Schwangerschaft wäre nur gedeckt gewesen durch die mutmaßliche Einwilligung der betroffenen Frau, und davon konnte man unter den gegebenen Umständen nicht ausgehen“, erklärte Wiesemann, Direktorin des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universitätsmedizin Göttingen. „Ich habe damals schon gedacht und meine das auch heute noch, dass diese Fortsetzung der Beatmung der Hirntoten ohne Einwilligung ethisch nicht vertretbar war.“

„Schwerwiegende Entscheidung“

Für eine so schwerwiegende Entscheidung müsse „ein fairer Diskursprozess gewährleistet sein, in dem alle Interessenbeteiligten repräsentiert sind“, betonte die Medizinerin. Damals hätten jedoch allein medizinische Experten der Fakultät entschieden und sich so über das Persönlichkeitsrecht der Patientin hinweggesetzt, das über den Tod hinaus fortwirke. „Die Verfügung über den Körper eines Menschen auch nach seinem Tod liegt in der Hand des Verstorbenen beziehungsweise seiner Stellvertreter“, sagte Wiesemann.

„Man hätte hinterfragen müssen, wie die Verstorbene in dieser Situation entschieden hätte“, erläuterte die Professorin. Die damalige Situation habe klar in die Richtung gewiesen, dass die junge Frau das Kind nicht wollte. Es habe auch keinen Vater gegeben, der sofort und rückhaltlos für das Kind habe einstehen wollen. „Folglich hatte die Aussage der Eltern einen hohen Stellenwert, und diese plädierten eindeutig dafür, die Behandlung zu beenden.“

„Sehr angemessen, wenn sich der Ethikrat auch damit befasste“

Der Ethikrat hat sich bislang nicht mit diesem Problem befasst, doch das Thema sei mittlerweile nicht mehr so abseitig, wie es auf den ersten Blick erscheine: „Denn je mehr wir über den Fötus wissen und je mehr erfolgversprechende medizinische Eingriffsmöglichkeiten der Fetalchirurgie sich während der Schwangerschaft bieten, desto mehr werden wir uns mit Fragen auseinandersetzen müssen, wie wichtig die Wahrung der Interessen des Fötus ist und ob und wie sie womöglich gegen die Interessen der schwangeren Frau durchgesetzt werden müssen.“ Deshalb wäre es „sehr angemessen, wenn sich der Ethikrat auch damit befasste.“

Für eine Studie über hirntote Schwangere aus dem Jahr 2010 wurden 30 Fälle weltweit untersucht. Demnach überlebten nur zwölf Kinder die ersten Wochen nach der Geburt.

Von epd

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