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Freundlicher Ton, bohrende Fragen

Orientalist Albert Dietrich Freundlicher Ton, bohrende Fragen

Sein großes Fachgebiet macht ihm Freude, seine Kompetenz ist unbestritten. Und seine Autorität lässt die Zuhörer heute so verstummen wie vor 50 Jahren seine Studenten im Michaelishaus. Am Freitag hat der Orientalist Prof. Albert Dietrich im Kreis von Kollegen, ehemaligen Schülern, Vertreter aus Universität, Stadt und Gesellschaft seinen 100. Geburtstag gefeiert.

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Gefeierter Hundertjähriger und Orientalist: Albert Dietrich (Mitte) mit seinen Amtsnachfolgern Tilman Nagel (rechts) und Sebastian Günther, dem heutigen Leiter des Instituts.

Quelle: Hinzmann

Am Ende der Reden des 100-Minuten währenden Empfangs erhob er das Wort und sprach seinen Dank hörbar und flüssig, aber für viele Anwesenden nicht verständlich in der Sprache seiner Profession: Arabisch.  „Alles Lob sei dem Herrn der Welten, möge Euch der Herr ein langes Leben gewähren, und lasse Gott Euch seine Güte zuteil werden“, lautete einer der Sätze, mit denen Dietrich seinen Gästen im Parthenonsaal der Gipsabdrucksammlung der Universität Göttingen dankte.

1959 nahm Dietrich, am 2. November 1912 in Hamburg geboren, den Ruf an die Universität Göttingen an. In Heidelberg hatte er sich habilitiert und danach einige Jahre in Istanbul geforscht. Das Michaelishaus in der Prinzenstraße war das Institutsgebäude, wo er anfangs in einem Zimmer lehrte, forschte und – wohnte.

Als Professor habe Dietrich seinen Studenten und Doktoranden viele Freiheiten gelassen, für die er ihm dankbar sei, sagte Prof. Lutz Richter-Bernburg von der Universität Tübingen. Zudem habe Dietrich, der bis 1981 lehrte, zu Zeiten als das noch nicht die öffentliche Debatte bestimmte im patriarchalischen System Universität „eine große Liberalität gegenüber den Studentinnen gezeigt, die so damals an der Universität und in dem Fach nicht üblich war“.

Als Lehrer, so seine ehemalige Schülerin und derzeitige  Dekanin der Philosophischen Fakultät der Universität Göttingen, Prof. Irene Schneider, war Dietrich in der Sache genau, im Umgang freundlich: „Jeder kam vorbereitet, weil er Ihre bohrenden Fragen fürchtete“. Mancher Student sei oft nicht ohne Furcht vor den Fragen nach Kasus oder Aussprache gewesen, erinnerte Laudator Prof. Hinrich Biesterfeldt von der Universität Bochum an seine Studienzeit von 1965 bis 1970 bei Dietrich. Dieser selbst studierte von 1931 bis 1937 in Hamburg und Tübingen Semitistik, Klassische Philologie und Alte Geschichte, wurde in seiner Geburtsstadt promoviert.

Danach folgte ein Jahr Kriegsmarine, ein weiteres am Institut für Islamkunde und Arabistik der Universität Berlin und dann „acht schwere Jahre in Krieg und in der Nachkriegszeit“, die Prof. Christian Starck, Alt-Präsident der Göttinger Akademie der Wissenschaften erwähnte. Mit 48 Jahren wurde Dietrich Akademie-Mitglied. Sein Werk und Wirken, so Starck, habe aufhorchen lassen: Herausgeber der Bibliotheca Islamica, Vorträge in arabischer Sprache und eine Publikation über den Drogenhandel im islamischen Ägypten. Dietrich war von 1963 bis 1976 Sekretär der Akademie, was nach Starck „dem Amt eines Ministerpräsidenten entspricht“.

Über zwei Jahrzehnte sei Dietrich für die Universität tätig gewesen, auch als Senator und Dekan. Vor allem aber habe er „den Grundstein gelegt für das wissenschaftliche Wirken am Seminar für Orientalistik und Islamwissenschaften“ und so dafür gesorgt, dass „die Arabistik in Göttingen nun ganz besonders gut aufgestellt ist“, sagte Markus Hoppe, Vize-Präsident der Universität. Prof. Tilman Nagel, Direktor des Seminars für Arabistik und Islamwissenschaften von 1981 bis 2007, dankte für eine gute Zusammenarbeit: „Außer Mittelknappheit gab es keine Erschwernisse“. Dem heutigen Team des Seminars seien Dietrichs wissenschaftliche Leistung „Ansporn und Verpflichtung zugleich“, so Direktor Prof.  Sebastian Günther. Man werde die Tradition weiterführen und „mit neuen Ideen in der arabistisch-islamwissenschaftlichen Forschung und Lehre bereichern“.

Orientalist Dietrich, der nach seiner Emeritierung in Fachkreisen mit drei Veröffentlichungen zur arabischen Heilmittelkunde und Pflanzensynonimik auf sich aufmerksam machte, genoss den Empfang mit seiner Ehefrau und seinen vier Söhnen. Vielen Gästen konnte er mit hanseatischem Charme ein Kompliment machen: „So viele junge Menschen sind gekommen“, freute sich der Hundertjährige, der sich weiterhin mit arabischer Dichtung beschäftigt.

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