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Fühlen wie ein Pferd: Unterwegs mit Stute Glenna

„Wahrnehmungsspaziergang" Fühlen wie ein Pferd: Unterwegs mit Stute Glenna

Ein Pferd steht grasend auf dem Campus an der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek (SUB). Eine Frau hält die Stute am Führstrick. Leute gehen vorbei, manche bleiben stehen. Fast ist es, als wäre es ganz normal, dass ein Pferd auf dem Rasen am Platz der Göttinger Sieben grast.

Zu Fuß ist Helgard Greve mit ihrer Islandstute Glenna aus Geismar in die Innenstadt gekommen. „Das finde ich schön, dass Sie nicht so ein Riesenpferd haben, sondern einen Isländer“, sagt Irmtraut Walloschke. Sie ist einer von rund 20 Menschen, in der Mehrheit Kulturanthropologen, die mit Glenna durch die Stadt ziehen wollen.

Gemeinsam mit dem Unternehmen HorseArt für Hippologische Happenings und Greves „Verein für angewandte Stadt- und Verkehrsökologie – Unterwegs“ hat das Institut für Kulturanthropologie / Europäische Ethnologie der Georgia Augusta einen Wahrnehmungsspaziergang mit Pferd angeboten. Die Aktion stand in inhaltlicher Verbindung mit der Ausstellung „Pferd – Kultur – Niedersachsen“, die am Freitag im SUB-Foyer eröffnet wurde. Ziel sei es, die Stadt aus anderer Perspektive, aus den Augen des Pferdes wahrzunehmen, erklärt Anja Schwanhäußer von HorseArt.

Wahrnehmungsspaziergänge sind, so erläutert sie weiter, eine Methode der neuen Stadtforschung. Indem man einen Menschen durch den Stadtraum begleitet und seine Sinneseindrücke festhält, versucht man, die Gefühlswelt des Stadtraums zu erkunden.
In der Ausstellung „Pferd – Kultur – Niedersachsen“ werden Menschen vorgestellt, die sich im Alltag mit Pferden befassen. „Wir werden umgekehrt das Pferd in unseren Alltag herein holen“, erklärt Schwanhäußer die Idee. Gerade Pferden werde ein Potential zugeschrieben, den Menschen Dinge klar zu machen.
Als Fluchttier im Gegensatz zum Raubtier sei das Pferd sehr offen, sagt Pferdebesitzerin Greve. „Sein Überleben hängt davon ab, dass es rechtzeitig flieht“, erklärt sie. Bei einem Blickwinkel von fast 360 Grad habe es „alle Sinnesantennen ganz weit ausgefahren“. Die Sozialpädagogin und Körpertherapeutin , die mit Pferden und Menschen arbeitet, fordert ihre Begleiter auf, „dem Lauschen des Pferdes zu lauschen“, zu hören, sehen, riechen und fühlen wie ein Pferd. Eine Gruppe soll beobachten, wie die Stadt das Pferd wahrnimmt und wird feststellen: Viele Passanten reagieren mit Befremden.

Los geht es in Richtung Goßlerstrasse zum Theater und über den Wall zurück. Bis zur ersten Pause nach dem Weg über den Campus ist den Spaziergängern noch nicht viel aufgefallen. Zu schnell sei Greve mit dem Pferd unterwegs. Auch Schwanhäußer ist außer Atem. Greve macht deutlich: Glennas Zeichen sind klein.
Ruhig läuft die Stute an der Straße weiter. Fahrradfahrer radeln vorbei, Greve winkt ein Auto am Pferd vorbei. Doch als Glenna vor dem Deutschen Theater grast, gibt es schon deutlich mehr Gesprächsstoff. Erstaunen, dass das Pferd kaum auf das Auto reagiert hat und sich auch über die Radler nicht aufregt. Lediglich an einer Baustelle habe es bei einer Plane den Kopf hochgezogen. Eher Neugierde als echtes Erschrecken lautet hier die Interpretation.

Die Wahrnehmungsspaziergänger erfahren, dass das Kreisen mit dem Führstrick für Glenna bedeutet, dass sie nicht so rasen soll. Ihr lockeres Schnauben zeigt Entspannung an. „Auf dem Rasen läuft das Pferd entspannter“, hat ein Mann in der Empfindungsgruppe gesehen. Ein Beobachter aus der Ohrengruppe meint, es sei schwierig, Irritationen zu entdecken. So sehr vertraue Glenna ihrer Chefin.
Überraschend ist für viele die Erkenntnis: Nicht vom Verkehr und den vielen Menschen fühlt die Stute sich bedroht. Von der Enge auf dem tunnelartigen Wall wird sie getrieben. „Hinter jedem Busch könnte ja ein Tiger sitzen“, erklärt Greve. Bei einem der Rundblicke des Pferdes nach hinten wird deutlich: Glenna hat die Menschen als Herde adoptiert. Die Leitstute passt auf, dass alle zusammen bleiben.

Wieder auf dem Campus, muss sich Glenna erstmal wälzen. Viel hat sich in einer Stunde verändert. Die Menschenherde hat ein wenig gelernt, „ihre Leitstute“ zu lesen. Die allerdings möchte nun nach Hause und grast längst nicht mehr so gelassen wie zu Beginn ihres Auftrags.

Von Ute Lawrenz

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