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Gedenktafel für Zwangssterilisierte

1580 Betroffene Gedenktafel für Zwangssterilisierte

Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen“, meint Margret Hamm bitter. Die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Bund der „Euthanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten berichtete gestern vom Schicksal jener 400 000 Menschen im ehemaligen Deutschen Reich, die aufgrund des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1933 gegen ihren Willen sterilisiert wurden. Anlass war die Enthüllung von Gedenktafeln an zwei Tatorten auf dem Gelände der früheren Universitätskliniken.

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Enthüllung: die Dekane Prof. Hedwig Röckelin und Prof. Cornelius Frömmel.

Quelle: Vetter

„Das Gesetz bestand nach dem Krieg in den meisten Bundesländern weiter“, sagte Hamm. 1974 sei es in der Bundesrepublik außer Kraft gesetzt worden. Doch erst 2007 habe der Bundestag die Opfer von dem Stigma befreit, „lebensunwert“ zu sein. Die Menschen seien allerdings bis heute nicht als Verfolgte des Naziregimes im Sinne des Wiedergutmachungsgesetzes anerkannt worden. Damit müsse der Staat ihnen keine Entschädigung zahlen. Das habe der Bundestag in diesem Jahr erneut bekräftigt, beklagte Hamm.

Die Berliner Historikerin Prof. Gisela Bock ging auf die Hintergründe des Gesetzes ein. Es habe zu den ersten Maßnahmen der „Erb- und Rassenpflege“ im Dritten Reich gehört. Die Nationalsozialisten hätten so den von ihnen ausgerufenen „kulturellen und völkischen Niedergang des deutschen Volkes“ stoppen wollen. Betroffen seien die „leichten Fälle“ von angeblichen Erbkrankheiten gewesen. Die „schweren Fälle“ hätten nach Einschätzung der Machthaber nicht als „fortpflanzungsgefährlich“ gegolten, weil sie sich in Heilanstalten befanden. Die meist berufstätigen Betroffenen hätten sich verzweifelt gegen den von Gerichten angeordneten Eingriff gewehrt, führte Bock aus.

Bei zwei Dritteln der Zwangssterilisierten diagnostizierten die hinzugezogenen Ärzte und Psychiater laut Historikerin „Schwachsinn“. Als „schwachsinnig“ hätten zum Beispiel Menschen gegolten, die die Redensart „Hunger ist der beste Koch“ nicht verstanden oder die Frage, „Woher kommt der Kaffee?“ mit „Aus dem Laden“ beantworteten. Andere Diagnosen seien Schizophrenie, manisch-depressives Irresein, Epilepsie oder Alkoholismus gewesen. Das Gesetz habe auch viele Sinti, Juden und Schwarze getroffen.

„Die Eingriffe hatten gravierende Folgen“, stellte Bock klar. 4500 Frauen und 500 Männer seien sogar gestorben. Die soziale Stigmatisierung habe viele traumatisiert. Über Entschädigungsanträge von Betroffenen hätten nach dem Krieg oft jene Mediziner befunden, die zuvor Eingriffe angeordnet hätten.

Dass auch Göttingen zu den Tatorten gehörte, erfuhren die Teilnehmer eines Seminars von Historikerin Prof. Petra Terhoeven. In der ehemaligen Universitätsfrauenklinik, dem heutigen Dekanatsgebäude der Philosophischen Fakultät in der Humboldtallee 17, wurden mehr als 780 Frauen zwangssterilisiert, in der ehemaligen Chirurgischen Universitätsklinik, heute Seminar für Deutsche Philologie im Käte-Hamburger 3, mehr als 800 Männer. Dort wurden gestern Gedenktafeln angebracht. Die Initiative hatten Terhoevens Studierende ergriffen. Dafür dankten die Dekanin der Philologischen Fakultät, Hedwig Röckelin, und der Dekan der Medizinischen Fakultät, Prof. Cornelius Frömmel.

Von Michael Caspar

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