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„Göttinger Erklärung“ von 1957

Serie: 275 Jahre Georg-August-Universität, Folge 10 „Göttinger Erklärung“ von 1957

Die Georg-August-Universität Göttingen feiert in diesem Jahr ihr 275-jähriges Bestehen. Den Lehrbetrieb hatte die von Kurfürst Georg-August von Hannover gegründete Universität schon 1734 aufgenommen, feierlich eröffnet wurde sie 1737. In einer Serie stellt das Tageblatt wichtige Stationen der Geschichte der Georgia Augusta, heutige Einrichtungen sowie Forschungsprojekte und ihre Mitarbeiter vor.

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Auf dem Weg zu ihrem Gespräch mit Adenauer: Hahn, Gerlach und Weizsäcker (v.l.)

Quelle: dpa

Göttingen . Die Bundesrepublik war noch jung, die Bundeswehr gerade aufgestellt, da strebten Kanzler Konrad Adenauer und Verteidigungsminister Franz Josef Strauß die Aufrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen an. Bereits 1956 gab es darum heftige Diskussionen.

Mit seiner Formulierung kleinere Atomwaffen mit kürzerer Reichweite seien nur „eine Weiterentwicklung der Artillerie“, die Adenauer am 5. April 1957 in einer Pressekonferenz machte, nahm die Debatte eine neue Form an. Auf Betreiben des Göttinger Physikers Carl Friedrich von Weizsäcker (1912-2007) wandten sich am 12. April 1957 18 prominente Atomforscher mit der „Göttinger Erklärung“ gegen die militärische Nutzung der Kernenergie in Deutschland. „Die Pläne einer atomaren Bewaffnung der Bundeswehr erfüllen die unterzeichnenden Atomforscher mit tiefer Sorge“, schrieben sie.

Die Atombombe, die 1945 über Hiroshima abgeworfen wurde, veränderte die Welt. Das Fotos zeigt den Pilz der Explosion.

Quelle: Wikipedia

Sicherlich waren die „Göttinger 18“ – wie sie in Anspielung auf die „Göttinger Sieben“ genannt wurden, die 1837 gegen die Aufhebung der Verfassung im Königreich Hannover protestiert hatten –  Teil einer starken Protestbewegung gegen die atomare Aufrüstung in den 1950er-Jahren. Ihre Stimme aber hatte Gewicht. Sie alle gehörten zum Ausschuss  „Kernphysik“ der Deutschen Physikalischen Gesellschaft,  und unter ihnen waren zahlreiche Nobelpreisträger. Viele hatten in Göttingen gelehrt oder waren hier tätig.

Max Born, bis zu seiner Entlassung durch die Nazis 1933, zwölf Jahre Professor und Institutsleiter an der Göttinger Universität, hatte in dieser Zeit bahnbrechende Forschungen zum Thema Quantentheorie gemacht. Erst 1953 war er nach Deutschland zurückgekehrt, 1954 erhielt er den Nobelpreis für Physik. Zu seinen Schülern und Mitstreitern gehörte in den 1920er-Jahren Werner Heisenberg. Der Physiker erhielt den Nobelpreis 1932 und war zwischen 1946 und 1958 Abteilungsleiter des Max-Planck-Instituts für Physik in Göttingen.

Zu den Unterzeichnern gehörte auch Otto Hahn (1879-1968), seit 1948 Präsident der Max-Planck-Gesellschaft Göttingen, 1946 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. Hahn, der durch seine Entdeckung der Kernspaltung vielen als Vater der Atombombe galt, setzte sich nach dem Krieg für die friedliche Nutzung der Atomenergie ein. Nach dem Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki 1945 bekam die Frage nach der Verantwortung des Naturwissenschaftlers für sein Tun gerade auch für diese Göttinger Forscher eine neue Dimension.

Die Erklärung stieß auf ein weltweites Echo, das die Unterzeichner eher überraschte, wie Weizsäcker im Jahr 2002 in einem Interview mit dem Göttinger Tageblatt sagte. Auch an der Göttinger Uni gab es Reaktionen, so solidarisierte sich beispielsweise der Studentenrat mit den Forderungen der Wissenschaftler. Adenauer und Strauß waren empört über die „Einmischung“, trafen sich aber nur fünf Tage nach der Veröffentlichung der Erklärung unter anderem mit Hahn und Weizsäcker, um den Streit beizulegen. Zusammen wurde eine allgemein gehaltene Erklärung abgegeben. Der gesellschaftliche Streit um die militärische Nutzung der Atomenergie ging weiter.

Der Text der Göttinger Erklärung komme uns heute eher zahnlos und zurückhaltend vor, erklärt Albrecht Weisker. Der Historiker und Journalist hatte 1999 an der Universität Göttingen eine Magisterarbeit über die Erklärung verfasst. Viele Zeitgenossen aber hätten den Text damals regelrecht als Tabubruch wahrgenommen. Insofern sei die Intervention der Göttinger 18 ein mutiger, weil beispielloser Akt öffentlicher Stellungnahme verantwortungsbewusster Wissenschaftler. Zu Recht sähen Naturwissenschaftlerinitiativen die Göttinger Erklärung als wichtiges Gründungsdokument dessen an, was heute Wissenschaftsethik heißt.

Von Christiane Böhm

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