Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 4 ° Regen

Navigation:
„Die RAF funktionierte wie eine Sekte“

Göttinger Historikerin Terhoeven „Die RAF funktionierte wie eine Sekte“

Vor 40 Jahren endete der so genannte „Deutsche Herbst“: In der Nacht zum 18. Oktober 1977 begingen die Anführer der terroristischen Vereinigung „Rote Armee Fraktion“ (RAF) in ihren Gefängniszellen Suizid. Die Göttinger Historikerin Petra Terhoeven hat jetzt ein neues Buch über die RAF vorgelegt.

Voriger Artikel
Nobelpreis-Chance für Erstsemester
Nächster Artikel
Neue Blicke auf Forschung

Göttinger Historikerin Petra Terhoeven

Quelle: PID

Göttingen. Beim Göttinger Literaturherbst stellt Terhoeven ihr neues Buch am Mittwoch, 18. Oktober, um 19 Uhr in der Alten Mensa vor. Für Terhoevens Forschungen interessiert sich auch der Bundespräsident: Frank-Walter Steinmeier lud die Göttinger Historikerin kürzlich mit zwei weiteren RAF-Experten zu einem Gespräch in die Villa Hammerschmidt ein, um sich über den Forschungsstand zum Linksterrorismus zu informieren und offene Fragen zu diskutieren.

Wie gefährlich war die RAF damals?

Aus heutiger Perspektive war sie keine große Gefahr. Die RAF hatte in ihrer 30-jährigen Geschichte deutlich weniger Mitglieder als die heutigen islamistischen und rechten Szenen hierzulande Gefährder haben. Gemessen daran haben Staat und Gesellschaft sicher überreagiert – zweifellos auch deshalb, weil es sich um eine völlig neuartige Form der Bedrohung handelte. Gerade in den Anfangsjahren 1970-1972 hat der Staat allzu demonstrativ Härte gezeigt. Damit hat er ein Stück weit das terroristische Kalkül erfüllt, denn Terrorismus ist eine Kommunikationsstrategie zur Provokation der Macht.

Die RAF hatte viele Sympathisanten. Was machte sie so anziehend?

Vorsicht – die Zahl der Sympathisanten ist schon zeitgenössisch gern übertrieben worden! Aber tatsächlich sind viele Linke in eine Solidarisierungsfalle getappt. Vor dem Hintergrund des rabenschwarzen Bildes von den Verhältnissen, das um 1968 gezeichnet worden war, fielen sie auf die Strategie der RAF herein, die behauptete, nur Feigheit könne ein Grund sein, gegen dieses „System“ nicht zu den Waffen zu greifen. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs, als dessen Komplizen man die Bundesregierung deutete, wurde die von der RAF ausgeübte Gewalt als Gegengewalt wahrgenommen. Viele Linke fühlten sich auch selbst als Opfer eines als repressiv empfundenen Staates. Nur wenige haben sich explizit und früh gegen die Gewaltstrategie der RAF ausgesprochen.

Inwiefern hat auch der Staat zu dieser Entwicklung beigetragen?

Der Staat trägt eine Mitverantwortung dafür, dass sich die Gewalt, die in Teilen der 68-er Bewegung angelegt war, nicht mehr hat einhegen lassen. Hier hat insbesondere der Westberliner Verfassungsschutz eine unrühmliche Rolle gespielt, der linke Aktivisten 1968/69 sogar mit Bomben versorgt hat, um sie weiter in die Illegalität zu drängen. Später hat die konservative Opposition eine verhängnisvolle Dynamik in Gang gesetzt, indem sie versucht hat, das Thema aufzubauschen und parteipolitisch zu instrumentalisieren. Das kam einem Kulturkampf gegen alles Linke sehr nahe. Die sozialliberale Regierung wurde von der Union ein Stück weit vor sich hergetrieben.

Welche Rolle spielten die Medien?

Eine denkbar wichtige! Die Medien haben zu einer Hysterisierung beigetragen und gerade in der Anfangszeit die RAF zum Staatsfeind hochgeschrieben. Vor allem die BILD-Zeitung verbreitete unrealistische Bedrohungsszenarien, indem sie 1974 etwa Mutmaßungen darüber anstellte, dass die RAF das Trinkwasser in deutschen Großstädten vergiften wolle.

Warum haben sich die Sympathisanten nicht für die Opfer der Terroristen interessiert?

Manche Linke und Intellektuelle haben das von der RAF produzierte Leid tatsächlich kaum zur Kenntnis genommen – so als ob einzig der Staat Gewalt ausüben könne. Das war nicht zuletzt Ergebnis einer speziellen Vergangenheitspolitik der RAF. So hat man unter anderem durch eine gezielte Bildpolitik Assoziationen mit dem „Dritten Reich“ hervorzurufen versucht. Nach dem Tod von Holger Meins im Hungerstreik wurde ein Foto seines ausgemergelten Leichnams gezielt in die Szene eingespeist. Auf Demonstrationen wurde dieses Foto dann neben Bildern von Opfern aus dem KZ Buchenwald durch die Straßen getragen.

Inwieweit haben Anwälte die Solidaritätswelle befeuert?

Manchen Anwälten kommt ein hohes Maß an Mitverantwortung zu. Allen voran Klaus Croissant war der beste PR-Manager, den sich die RAF nur wünschen konnte. Hans-Christian Stroebele und Otto Schily haben von der Schleyer-Entführung in Rom erfahren, wo sie die italienische Öffentlichkeit über die angeblich schrecklichen Zustände in Stammheim „aufklären“ wollten. Von Folter und Vernichtungshaft konnte zu dieser Zeit aber längst keine Rede mehr sein. Die RAF-Häftlinge in Stammheim hatten ab 1975 absolut privilegierte Haftbedingungen. Hochwertiges Essen, „Umschluss“, ein Fitnesstrainer - all diese Dinge wurden sukzessive den Häftlingen gewährt in der Hoffnung, man könnte so deren Kooperationsbereitschaft erkaufen.

Warum hat die Opfer-Strategie der Stammheimer Häftlinge so gut funktioniert?

Mit dieser Selbstviktimisierung erzeugten sie eine neue Generation von Mitleidsterroristen, die unbedingt die inhaftierten Genossen befreien wollten. Wie gesagt: Ohne den Filter der NS-Vergangenheit, die die Glaubwürdigkeit des deutschen Systems in Frage stellte, wäre das kaum denkbar gewesen. Der Kasseler Soziologe Heinz Bude hat den deutschen Linksterrorismus als „misslungenen Versuch der Entidentifizierung mit der Elterngeneration“ bezeichnet. Man wollte dezidiert anders sein als die Eltern und als „bessere Deutsche“ am weltweiten anti-imperialistischen Aufbruch dieser Jahre teilhaben. Gleichzeitig versuchte man, diese ältere Generation unbewusst auch zu schützen, indem man gegen die einstigen Befreier vorging – die USA. Letzten Endes war die RAF-Strategie auch das Ergebnis einer narzisstischen Kränkung. Man wollte der Nation entkommen, die Auschwitz auf dem Gewissen hat. Dieser Wunsch ging so weit, dass man schließlich sogar den eigenen Selbstmord im Gefängnis als Staatsmord inszenierte. Näher konnte man den Verfolgten des NS-Regimes nicht kommen.

War die RAF also vor allem eine Inszenierung?

Die RAF-Mitglieder vermittelten den Eindruck, dass sie über unangreifbare Gewissheiten verfügten, für die sie sowohl zu töten als auch zu sterben bereit waren. Das machte ihre eigentliche Faszinationskraft aus. Über einen überzeugenden theoretischen Entwurf oder gar konkrete Vorstellungen von einer besseren Gesellschaft verfügten sie nicht. Die RAF hatte sich aus den um 1968 kursierenden Ideologien immer nur die Aspekte herausgepickt, die rechtfertigten, was sie sowieso tun wollten. Sie funktionierte letztlich wie eine Sekte. Kern ihrer moralischen Selbstüberhebung war die Sehnsucht nach Bedeutsamkeit, Berühmtheit und Macht. In diesem Punkt gibt es durchaus gewisse Parallelen zu den heutigen islamistischen Terroristen.

Von Heidi Niemann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Göttingen

Spannende Ausbildungsplätze in Deiner Region warten auf Dich. Starte jetzt durch mit azubify ! mehr

Amnesty-Protest auf dem Campus