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Göttinger Studierende debattieren mit Juristen und Künstlerin Marion Vina

Sexismus und die Grenzen der Kunstfreiheit Göttinger Studierende debattieren mit Juristen und Künstlerin Marion Vina

„Kunst, die nicht aneckt, hat ihren gesellschaftlichen Auftrag verloren“: Das hat Jurist Alexander Thiele am Donnerstag in Göttingen erklärt. Der Privatdozent nahm die Künstlerin Marion Vina in Schutz. Sie hatte ihre in der Zentralmensa des Studentenwerks Göttingen ausgestellten Bilder nach Sexismus-Vorwürfen entfernt.

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Zu Gast sind die Künstlerin Marion Vina und PD Dr. Alexander Thiele, Öffentliches Recht. Moderiert wird die Diskussionsrunde auf Einladung der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Juristinnen und Juristen von Matthias Jakubowski (links).

Quelle: Mischke

Göttingen. „Ich habe für die – von unserer Künstlergruppe abgebrochene – Gemeinschaftsausstellung ‚Geschmackssache’ bewusst nicht meine harmlosen Bilder herausgesucht“, erklärte Vina den 150 Teilnehmern einer von Matthias Jakubowski moderierten Veranstaltung der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Juristinnen und Juristen. Die Werke seien drei Jahrzehnte nach einer sexuellen Missbrauchserfahrung im Alter von 13 Jahren ihre erste Annäherung an das Thema Erotik, so Vina.

Die freizügigen Darstellungen erhielten durch zweideutige Wortspiele noch einen „Pieks in die andere Richtung“, führte die Künstlerin aus. Ein Student erklärte dagegen, dass Vina Frauen zu Sexualobjekten herabwürdige. Die Werke sollten aus diesem Grunde nicht in der Mensa hängen. Eine Studentin lobte, dass die Gleichstellungsbeauftragte der Universität Göttingen nach Beschwerden eingeschritten sei und sich beim Studentenwerk beschwert habe.

Eines der Bilder von Künstlerin Marion Vina aus der Ausstellung „Geschmackssache“, das wegen Sexismusvorwürfen abgehängt wurde

Eines der Bilder von Künstlerin Marion Vina aus der Ausstellung „Geschmackssache“, das wegen Sexismusvorwürfen abgehängt wurde.

Quelle: Hinzmann

„Sie dürfen sich ruhig angegriffen fühlen und die Bilder für sexistisch halten“, gestand der Privatdozent den Studierenden zu. „Individuelle Empfindungen“ geben aber niemandem das Recht, ein Abhängen von Kunstwerken – im konkreten Fall durch Androhen von nicht näher ausgeführten „Aktionen“ – zu erzwingen, so Thiele. Vinas Bilder seien „meilenweit“ davon entfernt, „Verfassungsgüter“ zu verletzen, zu beleidigen oder persönlich zu diffamieren. Bürger einer pluralistischen Gesellschaft müssten solche Werke aushalten, auch wenn sie für sie „unerträglich“ seien. Genau das stelle die im Grundgesetz verankerte Kunstfreiheit sicher. Gerade eine öffentlich-rechtliche Einrichtung wie eine Universität habe Kunst zu fördern.

Thiele, der in Göttingen Öffentliches Recht lehrt, ging allerdings auf Distanz zu Diskussionsteilnehmern, die die Bildergegner frontal angingen und sich gegen „Zensur“ verwahrten. Der Privatdozent forderte beide Seiten auf, sich gegenseitig „ernst“ zu nehmen. Sie sollten in einen „Diskurs“ eintreten, der „ohne ins Persönliche gehende Angriffe“ auskomme. Die Fähigkeit zu so einem solchen „Streit in der Sache“, bei der sich die Gegner in die Augen schauten, gehe in der deutschen Gesellschaft zunehmend verloren. Stattdessen gebe es einen Trend zur „Skandalisierung“. Konfliktparteien sprechen nicht mehr miteinander, sondern beschimpften sich in sozialen Medien, bedauerte Thiele.

Eines der Bilder von Künstlerin Marion Vina aus der Ausstellung „Geschmackssache“, das wegen Sexismusvorwürfen abgehängt wurde

Eines der Bilder von Künstlerin Marion Vina aus der Ausstellung „Geschmackssache“, das wegen Sexismusvorwürfen abgehängt wurde.

Quelle: Hinzmann

Zur Sprache kam in der Diskussion auch das Bild einer Künstlerin, die ebenfalls in der Ausstellung „Geschmackssache“ ausstellte. Darauf war der Physiker Albert Einstein mit Schweineohren dargestellt. Das Werk spiele mit dem „antisemitischen Bild der Judensau“ erklärte ein Diskussionsteilnehmer. Dieser Vorwurf habe die Künstlerkollegin und den Rest der Gruppe „erschüttert“, berichtete Vina. Auch das sei ein Grund gewesen, die Ausstellung – trotz der Rückendeckung durch das Studentenwerk – abzubrechen. Privatdozent Thiele räumte ein, dass Antisemitismus in Deutschland „ein schwerer Vorwurf“ sei. Eine solche Wirkung sei von der Künstlerin aber „nicht intendiert“ gewesen. Zur Kunstfreiheit gehöre auch, dass Menschen einmal „Fehler“ machen dürften. Ein Aspekt, der ebenfalls in einer Diskussionsveranstaltung zu erörtern sei.

Von Michael Caspar

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