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Göttinger Wissenschaftler: Die Soziologie von Pilgerungen im Eichsfeld

Gehen mit Gott Göttinger Wissenschaftler: Die Soziologie von Pilgerungen im Eichsfeld

Man kennt ihn aus Filmen und Reportagen: den einsamen Jakobspilger, der sich auf den Weg gemacht hat, um Gott und sich selbst zu finden. Aber mit der Wallfahrts-Wirklichkeit im Untereichsfeld, erklärt Dr. Udo Mischek von der  Theologischen Fakultät der Universität Göttingen, hat das wenig zu tun.

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Auf dem Weg zum Papst: Fußwallfahrt des Bistums Hildesheim zur Papstvesper an der Wallfahrtskapelle Etzelsbach (2011).

Quelle: Blank

Göttingen/Germershausen. „Drei Viertel der Pilger kommen mit ihrer Familie zur Großen Wallfahrt, weitere 15 Prozent mit Freunden.“  Der Ethnologe und Religionswissenschaftler hat im vergangenen Sommer mit Studierenden die Große Wallfahrt und die Sinti-Wallfahrt in Germershausen wissenschaftlich begleitet.

253 Fragebögen haben die Studierenden nach der Großen Wallfahrt ausgewertet. In der Katholischen Bildungsstätte Sankt Martin in Germershausen hat Mischek jetzt seine Studie vorgestellt.

„Vielleicht wurde das Bild vom Pilger, der Gott ganz individuell sucht, ja vor allem von den Medien erzeugt“, vermutet Mischek. „Die Große Wallfahrt in Germershausen ist gemeinschaftsgebunden und bildet oder bestärkt die Identität der Untereichsfelder ganz entscheidend.“

Darin, meint der Experte, ist sie vergleichbar mit den großen Wallfahrtszielen der Menschheit: „Die Wallfahrt nach Mekka ist auch immens wichtig für die Identität als Muslim.“

Vor knapp zwei Jahren richtete sich der Blick der Öffentlichkeit auf das Eichsfeld und seine reiche Wallfahrtstradition, als der damalige Papst Benedikt XVI. als Pilger nach Etzelsbach kam. „Das Thema wird gerade in der Religionswissenschaft und Ethnologie wieder ausführlich diskutiert, auch weil es weltweit eine Zunahme an Wallfahrten gibt.

„Mit Ende Dreißig gibt es einen richtigen Schub“

In China musste sogar der atheistische Staat auf diesen Trend reagieren und eine neue Infrastruktur für die Pilger schaffen.  „Das lädt zum Vergleich mit unseren Verhältnissen ein“, erklärt Mischek.  Für die kommende Wallfahrts-Saison im Untereichsfeld hat ein Team um Propst Bernd Galluschke eine Kampagne gestartet, um die lokalen Pilgerziele bekannter zu machen.

Es gibt eigene Angebote für Kindergarten- und Erstkommunionkinder, um sie ans Pilgern heranzuführen. Alle Kirchengemeinden im Bistum Hildesheim sind nach Germershausen eingeladen.

Überraschend war für das Forschungsteam die Altersstruktur der Wallfahrer. „Mit Ende Dreißig gibt es einen richtigen Schub“, sagt Mischek. Während kaum jüngere Erwachsene dabei sind, schnellt die Kurve in diesem Alter nach oben. Ebenfalls erstaunlich: Nur ein Fünftel der Befragten gab an, bereits im Ruhestand zu sein.

Innovationspotenzial in der Untereichsfelder Wallfahrtstradition

Offensichtlich, schlussfolgert der Forscher, gibt es zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt in der Lebensgeschichte das Bedürfnis, den eigenen Glauben auf diese Weise auszudrücken. „Wenn das so ist, braucht sich die Kirche eigentlich keine Sorgen machen, dass die Wallfahrt aussterben könnte“, kommentiert er.

Unter den Pilgern ist ein hoher Anteil an Akademikern: Mehr als acht Prozent arbeiten allein in freien akademischen  Berufen.

Um einen Kontrapunkt zur traditionellen Wallfahrt zu setzen, haben die Forscher auch noch die wenige Wochen später stattfindende Sinti-Wallfahrt untersucht. „Die Sinti-Wallfahrt hat erst vier Mal stattgefunden und wird trotzdem so gut angenommen. Das zeigt, welches Innovationspotenzial in der Untereichsfelder Wallfahrtstradition steckt“, kommentiert Mischek und lobt: „Die Kirche hier hat es geschafft, das gegenseitige Misstrauen aufzubrechen und ein gutes Miteinander zu leben.“

eb

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