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Islam-Wissenschaftler Bassam Tibi verlässt Uni

Versöhnter Abschied Islam-Wissenschaftler Bassam Tibi verlässt Uni

"Tibis ist der Orient, Tibis ist der Okzident“ – frei nach Goethe würdigte der Münchner Historiker Michael Wolffsohn seinen Göttinger Freund und Kollegen Bassam Tibi, als der Nestor sozialwissenschaftlicher Islamologie am Mittwoch in der Aula am Wilhelmsplatz feierlich verabschiedet wurde.

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Freunde und Kollegen: Bassam Tibi mit Laudator Michael Wolffsohn (von links).

Quelle: Mischke

Nachdem der in Frankfurt ausgebildete Tibi 1973 neunundzwanzigjährig nach Göttingen berufen worden war, wirkte er hier nicht weniger als 72 Semester; daneben nahm er zahlreiche Gastprofessuren besonders in Amerika wahr, darunter 18 Jahre lang in Harvard, seit 2004 an der Cornell University in Ithaka/New York, 2008/09 auch in Yale.

Laudator Wolffsohn bemühte das Jesus-Wort aus Markus 6,4, wonach ein Prophet im eigenen Lande wenig gelte, was im Fall Tibi nicht auf sein Herkunftsland Syrien, sondern seine akademische Heimat Deutschland zu beziehen sei – besonders auch auf die Georg-August-Universität, in der Tibi manchen Konflikt durchfocht.

Wolffsohn zeichnete am Beispiel Tibis Probleme der Integration in die deutsche Gesellschaft nach. Dieser sei ein „bunter Vogel“, dem die Universität kein bequemes Nest gebaut habe. Seine vom Kritiker inkriminierte „Egomanie“ verdanke sich seiner akademischen Redlichkeit, die ihm als Anhänger der Kritischen Theorie Frankfurter Provenienz die Darlegung seines „erkenntnisleitenden Interesses“ und also die Offenlegung seiner persönlichen Motivation abfordere.

Überragende Strahlkraft

Tibis gewissermaßen „orientalischen“ Darlegungen etwa zu europäischen Identitäten seien als „unsachlich“ denunziert worden. So sehr dieser „morgenländische Adelige“ in der deutschen akademischen Landschaft ein Fremdling geblieben sei, so sehr verstehe er sich selbst als ein europäischer „Ci toyen“, ein Bürger des aufgeklärten, säkularen Europa.

Tibi sei der Typus des akkulturierten, aber nicht assimilierten Deutschen ausländischer Herkunft. Wie auch Wolffsohn selbst müsse sich Tibi als „Paradigma-Neudeutscher“ von (auch akademischen) „Urdeutschen“ nicht darüber belehren lassen, wie er seine Bürgerschaft und Fremdheit leben müsse.

Dass Tibi durch Konzepte wie den „Euro-Islam“, die „Leitkultur“ – die Simplifizierung durch konservative Politiker dürfe man dem Wissenschaftler nicht anrechnen – und „Parallelgesellschaft“ den politischen und gesellschaftlichen Diskurs verdienstvoll befördert habe, hatten zuvor Prof. Joachim Münch als Vizepräsident der Universität sowie für die Fakultät die Dekanin Prof. Gabriele Rosenthal und die Professoren Andreas Busch und Walter Reese-Schäfer hervorgehoben. Neben seinem beachtlichen Oeuvre von 30 Büchern und unzähligen Aufsätzen wiesen nicht weniger als 18 Gastprofessuren Tibi als international renommierten Wissenschaftler aus. Interdisziplinär arbeitend verfüge Tibi über eine „überragende Strahlkraft“, so Vizepräsident Münch, die der künftige Emeritus gewiss nicht verliere.

Dank mit Anekdote

Sein persönliches Dankwort begann Tibi in bester Harvard-Manier mit einer im usbekischen Sarmakand erlebten Anekdote über die Wertschätzung eines Lehrers. Tibi, hocherfreut über die Anwesenheit seines einstigen Frankfurter Lehrers Iring Fetcher und am Revers geschmückt mit dem ihm 1995 verliehenen Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, wertete seine überaus feierliche Verabschiedung als „Versöhnung“, die freilich manche Unverzeihlichkeit nicht aufhebe – man denke an die Schließung seiner Abteilung für internationale Beziehungen, die auch Wolffsohn ein „akademisches Eigentor“ nannte.

Von Karl Friedrich Ulrichs

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