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Nachrichten aus Russisch-Amerika

Buchpräsentation Nachrichten aus Russisch-Amerika

Ein Zufallsfund in einem Leipziger Antiquariat brachte 1936 ein lange verschollenes Werk ans Licht: das sibirisch-amerikanische Tagebuch von Carl Heinrich Merck. Erst jetzt, fast 80 Jahre nach der Entdeckung, ist dieses Werk gedruckt worden. Am Dienstag wurde es im Institut für Ethnologie der Öffentlichkeit präsentiert.

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Das Herausgeber-Team: Dittmar Dahlmann, Diana Ordubadi und Anna Friesen (von links).

Quelle: Mischke

Merck, geboren 1761 in Darmstadt, war Mediziner. Er hatte in Gießen und Jena studiert, seine Dissertation über die Anatomie und Physiologie der Milz geschrieben und war kurze Zeit nach seiner Promotion 1785 nach Russland gegangen. Er starb bereits 1799.

Doch weniger Mercks medizinische als vielmehr seine Leistungen als Naturforscher sind es, die seine historische Bedeutung ausmachen. Er war Teilnehmer einer russischen Expedition in den Nordosten Asiens und den Westrand Alaskas zwischen der Halbinsel Kam­tschakta und den Alëuten in den Jahren von 1788 bis 1791. In seinen Aufzeichnungen hat er präzise Informationen über Tiere und Pflanzen, das Wetter, die Geologie, die Topographie sowie die Bewohner dieser Regionen, ihre Sitten, Gebräuche und Kultur zusammengestellt.

Die drei Herausgeber des im Göttinger Wallstein-Verlag erschienenen Tagebuchs waren zur Buchpräsentation nach Göttingen gekommen: die Bonner Ethnologen Prof. Dittmar Dahlmann, Diana Ordubadi und Anna Friesen. Ordubadi stellte die Persönlichkeit Mercks in den Mittelpunkt ihrer Einführung. Sie charakterisierte den Forscher als „fleißig, tüchtig und zurückhaltend“ mit einer „beinahe in Furchtsamkeit ausartenden Bescheidenheit“. Merck sei ein gänzlich vorurteilsloser Beobachter gewesen. Seine Aufzeichnungen über die indigenen Ethnien Nordostasiens seien die ersten ihrer Art überhaupt. Bemerkenswert sei es, dass Merck in seinen Tagebüchern „kaum Persönliches, keine Emotionen, ja nicht einmal Bemerkungen über seinen Gesundheitszustand“ notiert habe.

Ethnographischer Schatz

Einleitend hatte der Göttinger Ethnologe Gundolf Krüger auf die Beziehungen zwischen Merck und Baron von Asch (1729-1807) hingewiesen. Zahlreiche Exponate der im Göttinger ethnologischen Institut beherbergten Asch-Sammlung müssten von Merck stammen, führte Krüger aus. Asch habe nur organisiert, nicht selbst gesammelt. Erst mit der Edition dieses Tagebuches könnten diese Zusammenhänge überprüft werden. Bislang sei auch in Ethnologenkreisen Mercks Name kaum bekannt gewesen. Den wissenschaftlichen Stellenwert der Edition umriss Krüger mit dem Satz: „Dieser ethnographische Schatz wird noch ausgewertet werden.“

Verleger Thedel von Wallmoden stellte Merck in den Kontext des Zeitalters der Aufklärung, in dem man sich „ein Bild von der Welt machen“ wollte, „die aber noch unvollkommen beschrieben“ gewesen sei. Während Georg Christoph Lichtenberg noch gängige Vorurteile übernommen habe – in seinen Sudelbüchern findet sich eine Notiz, die Frauen der „Kamtschadalen“ würden ihre Neugeborenen den Hunden zum Fraß vorwerfen –, habe Merck eine andere Position bezogen: Er habe „den deskriptiven Blick des modernen Ethnologen“, der eine „Beschreibung ohne jede interkulturelle Wertung“ vornehme. Zwar sei seit 1936 die Existenz dieses Tagebuchs – das im Merckschen Familienarchiv in Darmstadt aufbewahrt ist – bekannt gewesen und habe auch Niederschlag in der Forschung gefunden. Die Veröffentlichung des Textes aber könne „als Sensation gelten“.

Carl Heinrich Merck, Das sibirisch-amerikanische Tagebuch aus den Jahren 1788–1791. Göttingen, Wallstein Verlag 2009, 413 Seiten, 24,90 Euro.

Von Michael Schäfer

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