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Nehlsen-von Stryk über Recht im Mittelalter

Sühnevertrag und Gewohnheitsrecht Nehlsen-von Stryk über Recht im Mittelalter

Bittet man einen Freund ein Geheimnis zu bewahren oder möchte man seine Hilfe etwa bei einem Umzug in Anspruch nehmen, so freut man sich, wenn dieser einem sein Wort gibt, dieses oder jenes zu tun. Im Mittelalter reichte das gegebene Wort über den freundschaftlichen Bereich hinaus und war als Eid oder Treuegelöbnis Basis vieler Geschäftsbeziehungen.

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Mittelalterliches Strafverzeichnis: von Bann bis Todesurteil.

Quelle: EF

Göttingen. Um die vertragliche Verfügbarkeit von Ehre, Freiheit, Leib und Leben in dieser Epoche ging es im Gastvortrag der emeritierten Rechtswissenschaftlerin Karin Nehlsen-von Stryk aus Freiburg am Institut für Rechtsgeschichte der Juristischen Fakultät der Universität Göttingen.

Lieh man sich beispielsweise Geld oder wollte einen Kauf abschließen, so sei es nach dem mittelalterlichen deutschen Gewohnheitsrecht durchaus üblich gewesen, sich für die Einhaltung der Vereinbarung sogar mit Leib und Leben zu verbürgen , verdeutlichte Nehlsen-von Stryk die Lebenswirklichkeit in diesem aufgrund von Umbrüchen für die Entwicklung des Rechts elementaren Zeitalter. In Bezugnahme auf den Titel des Vortrages – „Grenzen der Privatautonomie“ – legte die Juristin anschaulich dar, wo die Ursprünge  des heutigen Rechtssystems im Machtgefüge der damaligen Gesellschaft auf dem Territorium der heutigen Bundesrepublik liegen, zu einer Zeit, als es weder ein Gewaltmonopol des Staates gab, noch der Einfluss des Gelehrtenrechts schon dominierte.

Das Gewohnheitsrecht sei dabei durch verschiedene Klauseln in Erscheinung getreten, die aufeinander aufbauend den Verlauf des Vorgehens gegen eine in Schuld geratenen Person beschrieben. Ein Schuldner „verwillkürlichte“ sein Leib und Leben durch ein Treuegelöbnis , das als eine Art Pfand für genossene Leistungen oder als Strafe für Unterlassungen oder Zuwiderhandlungen fungierte.

Gegen einen säumigen Schuldner, der sowohl adligen als auch bürgerlichen Standes sein konnte, sei dann zunächst mit Schmähbildern, die seine Ehre angriffen , vorgegangen worden oder mit der Maßnahme des Einlagers, wonach sich der Schuldner an einen vom Gläubiger festgesetzten Ort (meist ein Gasthaus, wo dann auf Kosten des Schuldners „Geiselmahle“ gehalten werden konnten) habe begeben müssen, um von ihm die Tilgung zu erzwingen. Später sei diese Praxis durch die „Schuldhaftklausel“ verdrängt worden, die eine prompte Festsetzung des Schuldners nach „ergebnisloser Vermögensvollstreckung“ bedeutet habe.

Eine ungleich höhere Strafe, besonders für den Adel , sei die Reichsacht gewesen: Durch sie habe der Schuldner jegliche Rechte – einschließlich das Recht auf sein Leben – sowie sein gesamtes Vermögen verloren. Allerdings konnte die Reichsacht nur durch einen Kaiser, König oder durch Gerichte vollstreckt werden. Später ging die Reichsacht sogar mit der kirchlichen Exkommunikation Hand in Hand und der Schuldner befand sich acht Tage nach Ablauf der vertraglichen Zahlungsfrist unverzüglich im Kirchenbann.

Gelöbnisse unter Einsatz der eigenen Gesundheit habe es aber bei Weitem nicht nur auf dem Gebiet der Kreditvergabe gegeben, verdeutlichte Nehlsen- von Stryk anhand von drastischen Beispielen. So seien auch Fälle bekannt, in denen sich jemand beispielsweise selbst zu Alkoholabstinenz verpflichtet und als Strafe das Abschneiden seines Zehs gewählt habe. Ein anderer habe auf Alkohol und das Würfelspiel verzichten wollen, andernfalls dürfe man ihm ohne Strafe die Hand abschlagen und ein Auge ausstechen.

In der Zeit des Umbruchs im 14. und 15. Jahrhundert habe dann der Einfluss des Gelehrtenrechts auf die Strafvereinbarungen immer weiter zugenommen, wie Nehlsen-von Stryk mit interessanten Primärtextzitaten untermauerte. Die Sühneverträge seien eingegrenzt und die Fehde bekämpft worden. Unter dem Credo „Niemand ist Herr seiner Glieder“ sei folglich die Privatautonomie durch das Recht begrenzt worden.

Von Anna Kleimann

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