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Neue Orang-Utan-Art entdeckt

Primatenforschung Neue Orang-Utan-Art entdeckt

Schädelform und Gebiss sind anders - und seine Gene. Dies hat eine genetische Analyse an wildlebenden Orang-Utans ergeben, an der Christian Roos vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen beteiligt war. Bislang waren zwei indonesische Orang-Utan-Arten beschrieben.

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Gerade erst identifiziert: der Tapanuli-Orang-Utan, eine neue Art.

Quelle: R

Göttingen. Seine Schädelform und sein Gebiss sind anders - und seine Gene. Dies hat eine umfangreiche genetische Analyse an wildlebenden Orang-Utans ergeben, an der auch Christian Roos vom Deutschen Primatenzentrum - Leibniz-Institut für Primatenforschung beteiligt war. Bislang waren zwei indonesische Orang-Utan-Arten offiziell beschrieben: der auf Sumatra lebende Pongo abelii und der auf Sumatra beheimatete Pongo pygmeaeus. 1997 entdeckten Forscher der Australian National University bei Feldstudien eine auf Nordsumatra lebende Orang-Utan-Population. Ein internationales Forscherteam konnte nun belegen, dass es sich hierbei um eine dritte Orang-Utan-Art handelt, den nach seiner Herkunftsregion benannten Pongo tapanuliensis (Current Biology).

Erste Hinweise für die Einzigartigkeit der Tapanuli-Population lieferte das Skelettmaterial eines im Jahr 2013 getöteten männlichen Orang-Utans. Im Vergleich mit den Schädeln der bekannten Orang-Utan-Arten sind beim Tapanuli-Orang-Utan gewisse Merkmale der Zähne und des Schädels einzigartig. „Wir waren völlig überrascht, dass der Schädel in einigen Merkmalen anders ist, als alles, was wir zuvor gesehen hatten“, erklärt Matt Nowak, der die morphologischen Merkmale im Rahmen seiner Doktorarbeit erforscht hat und heute für das Sumatra-Organ-Utan-Schutzprogramm (SOCP) arbeitet.

Frühere Studienergebnisse sowie die aktuelle Genomsequenzierung von 37 Orang-Utans wiesen auf die Existenz von drei sehr alten evolutionäre Abstammungslinien unter allen Orang-Utans hin, es waren jedoch nur zwei Arten beschrieben. „Als wir feststellten, dass sich die Tapanuli-Population morphologisch von allen anderen Orang-Utans unterscheiden, passten unsere Puzzleteile zusammen“, sagt Michael Krützen, Professor für Evolutionäre Anthropologie und Genomik an der Universität Zürich.

Das Team um Krützen erforscht seit längerem die genetische Abstammung aller lebenden Orang-Utan-Populationen. Christian Roos, Experte für Primatengenetik am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen, betont: „Genetische Untersuchungen ermöglichen es uns, Unterschiede zwischen verschiedenen Arten viel besser zu definieren, als das mit früheren Methoden möglich war. Denn erst im Erbgut findet man viele wichtige und bedeutende Belege für eine getrennte, eigenständige Entwicklung.“ In diesem Fall sei bei genetischen Untersuchungen anderer Orang-Utans zufällig diese Probe aufgetaucht. Die Genetik habe „auf eine ganz eigene Linie hingedeutet“, so Roos.

Anhand von umfangreichen Computermodellierungen zur Rekonstruktion der Populationsgeschichte verifizierten die Forscher ihre neue Erkenntnis. Ihre Berechnungen zeigen, dass die Tapanuli-Population für mindestens 10 000 bis 20 000 Jahre von allen anderen auf Sumatra lebenden Orang-Utans isoliert gewesen war. Die älteste evolutionäre Linie in der Gattung Pongo findet sich tatsächlich bei den Tapanuli-Orang-Utans. Sie sind daher wahrscheinlich die direkten Nachkommen der ersten Population im Sunda-Archipel. Verhaltensbeobachtungen sowie ökologische Studien belegen die genetischen und morphologischen Analysen. Roos nennt dies „evolutionsgeschichtlich sehr interessant“.

„Es ist wirklich sehr spannend und aufregend, eine neue Menschenaffenart im 21. Jahrhundert zu identifizieren“, sagt Hauptautor Krützen. Jetzt gehe es aber vorderhand darum, den Tapanuli-Orang-Utan zu schützen. „Jegliche Bemühungen zur Erhaltung der Art müssen sich primär auf den Schutz ihres Lebensraums richten“, unterstreicht Krützen. Immer mehr Regenwaldgebiete gehen zugunsten der Landwirtschaft verloren. Unberührte Wälder im Batang-Toru-Ökosystem fallen etwa Palmölplantagen zum Opfer. Geplant ist auch der Bau eines hydroelektrischen Damms, der den Lebensraum der Tapanuli-Orang-Utans weiter beschneiden wird. Nur noch rund 800 Exemplare zählt die Tapanuli-Population, wie eine kürzlich durchgeführte, unabhängige Studie von indonesischen und internationalen Wissenschaftlern bilanziert. 1997 war die Population entdeckt worden. Anhand von Fressspuren und Kotproben konnte die Größe der Population bestimmt werden. Die Methoden dazu seien sehr gut, erklärt Roos, „gerade bei großen Menschenaffen, die dem Menschen am nächsten sind, wird sehr genau untersucht“.

Der Tapanuli-Orang-Utan gilt somit als die am meisten bedrohte Menschenaffenart überhaupt. „Wenn nicht früh genug Maßnahmen eingeleitet werden, um gegenwärtige und zukünftige Bedrohungen zu reduzieren, und um jedes noch verbleibende Waldstück zu bewahren, stirbt eine Menschenaffenart bereits in wenigen Jahrzehnten aus“, warnt Matt Nowak, der sich als Forschungsleiter des Sumatra-Orang-Utan-Schutzprogramms für den Tapanuli-Orang-Utan einsetzt. Und: Die 800 Exemplare des Tapanuli-Orang-Utans wurden früher zu einer der anderen Populationen gezählt. Deren Zahl sei jetzt um die 800 Exemplare reduziert und daher auch stärker bedroht, erläutert Roos. Eine Möglichkeit, dem entgegenzusteuern, sei die Auswilderung von Tieren, sagt Roos. In Indonesien würden Orang-Utans häufig als Haustiere gehalten. Dabei müsse allerdings nun aufgepasst werden, die Affen nicht in der falschen Population auszusiedeln und somit „künstlich Hybride zu produzieren“.

Dies ist bereits die dritte Menschenaffenart, an deren Beschreibung DPZ-Wissenschaftler Roos beteiligt war. 2010 wurde eine in Indochina lebende Gibbonart anhand ihres Gesangs und ihrer genetischen Abstammung als neue Art klassifiziert, 2016 eine weitere Gibbonart in China. Roos weist darauf hin, dass die Bedrohung einiger Gibbon-Arten viel dramatischer sei als bei den Tapanuli-Orang-Utans. Doch bei den großen Menschenaffen werde genauer geschaut.

Von Peter Krüger-Lenz

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