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Podiumsdiskussion: Geisterfahrer und Herdentrieb

Wirtschaftsexperten diskutieren in Uni-Aula Podiumsdiskussion: Geisterfahrer und Herdentrieb

Ist die Schuldenpolitik der Bundesregierung in Bezug auf die Wirtschaftskrise angemessen? Oder wird dadurch die Zukunft der nachfolgenden Generationen riskiert? Prof. Utz Claassen diskutierte darüber mit drei Wirtschaftswissenschaftlern der Universität Göttingen.

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Diskussion über Wirtschaftskrise: Prof. Kilian Bizer, Prof. Utz Claassen, Moderator. Dr. Bernd Ebeling, Prof. Klaus Möller und Prof. Andreas Busch (v.l.).

Quelle: Mischke

Utz Claassens hat in seinem Buch „Wir Geisterfahrer“ die Schuldenpolitik der Bundesregierung kritisiert. Diese führe dazu, dass schon jetzt die „Ressourcen nachfolgender Generationen verbraucht werden“. Claassen ist unter anderem ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Göttinger Sartorius AG und aktuell Berater des Finanzinvestors Cerberus.

In der Aula am Wilhelmsplatz trifft er auf Kilian Bizer, Professor für Wirtschaftspolitik und die Mittelstandsforschung, Andreas Busch, Professor für Vergleichende Politikwissenschaft und Politische Ökonomie, und Klaus Möller, der eine W3-Professur für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Unternehmensrechnung und Controlling an der Georgia Augusta innehat. 

Bizer fragt, wer denn nun die „Geisterfahrer“ seien: alle oder diejenigen, die sich gegen den Herdentrieb – also die aktuelle Politik – wenden? Es ergebe für ihn keinen Sinn, von der aktuellen Politik der Bundesregierung umzukehren, meint der vom Konjunkturpaket I und II überzeugten Professor für Wirtschaftspolitik. „Die richtige Richtung zu finden ist schwer“, fügt er hinzu. 

Für Möller ist eine der möglichen Ursachen das enorme Wachstum innerhalb der vergangenen fünf Jahre. Erst durch die Krise habe man sehen können, dass dieses Wachstum „unnormal“ gewesen sei. Generell seien die Gründe für die Krise aber „zu komplex“. Claassen hingegen gibt einem „teilweise pervertierten Markt“ eine Hauptschuld. Busch merkt an, dass man in Deutschland eher dem Kapitalismus die Schuld an der Krise gebe, in den USA jedoch dem eingreifenden Staat. 

Kapitalismus unschuldig

Auch Claassen sieht die Schuld nicht beim System des Kapitalismus, sondern in einem „eklatanten Versagen“ des Risikomanagement der Banken, das eigentlich ein Kerngeschäft des Bankenwesens sei. Die Schuldfrage werde aber erst dann relevant, meint Claassen, wenn den Bürgern klar werde, welchen Preis sie für die Behebung der Krise – im wahrste Sinne – zahlen müssten. Die aktuell beschlossene Schuldengrenze ab dem Jahr 2020 hält er jedoch für Makulatur: „Warum sollte ein Süchtiger auf einmal auf seine Drogen verzichten, nur weil er es versprochen hat.“ Einerseits eine Grenze zu verordnen, wenn man andererseits Schulden macht, sei ein Paradox, stimmt Busch ihm zu. Bizer wirft ein, dass der Staat Geld ausgeben müsse, um die Wirtschaft am Laufen zu halten und dadurch gezwungen sei, die Schuldengrenze auf später zu verschieben.

Auf zwei Punkte können sich die vier Wirtschaftsexperten einigen: Zum einen hält keiner von ihnen die Wirtschaftskrise für überstanden. Zum anderen betonen sie alle, wie wichtig es sei, in Zukunft verschiedenen Meinungen zum Thema zu hören, um nicht wieder dieselben Fehler zu begehen. 

Von Corinna Berghahn

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