Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 2 ° Regenschauer

Navigation:
Intime Bekenntnisse

Ulrich Joost über Lichtenbergs Tagebücher Intime Bekenntnisse

International geächtet sei es, die privaten Aufzeichnungen von Bürgern ohne deren Zustimmung zu lesen, erklärte Prof. Ulrich Joost am Dienstagabend in Göttingen. Der Literaturwissenschaftler tut es trotzdem. 2018 will er mit Christian Wagenknecht Georg Christophs Lichtenbergs Tagebücher herausgeben.

Voriger Artikel
Küken haben kaum eine Chance
Nächster Artikel
Beste Initiative für Geflüchtete

Göttingen. Viele aufschlussreiche Informationen über die Arbeit und das Privatleben des Göttinger Schriftstellers, Physikers, Aufklärers (1742-1799) enthielten die persönlichen Aufzeichnungen, verteidigte sich der gebürtige Duderstädter, der am Max-Planck-Gymnasium in Göttingen Abitur gemacht hat und seit 2001 in Darmstadt lehrt. Das Schreiben eines Tagebuchs sei Ende des 18. Jahrhunderts in Europa modern geworden, führte Joost aus vor 90 Zuhörern in der Aula am Wilhelmsplatz aus.

Ein Tagebuch im engeren Sinn, also private Aufzeichnungen von Tag zu Tag, habe Lichtenberg erst während seines letzten Lebensjahrzehnts geführt. Es gebe aber auch ein Reisetagebuch. Es setze 1770 mit der Reise des jungen Physikers nach England ein. Er habe es später mit monate-, teilweise jahrelangen Unterbrechungen weitergeführt. Einschneidende Ereignisse hätten dazu jeweils den Anstoß gegeben.

Im weiteren Verlauf seines Lebens habe Lichtenberg für persönliche Einträge ein ledergebundenes Buch im Taschenformat verwendet, berichtete Joost. Es enthalte stilistisch ausgearbeitete Gedanken, die sich zum Teil in Briefen wiederfänden. Vereinzelt fänden sich in seinen Sudelbüchern, in denen er Lesefrüchte dokumentiert und Aphorismen niedergeschrieben habe, autobiographische Informationen.

„Mit dem echten Tagebuchschreiben begann Lichtenberg, als er den ersten Schub seines Krampfasthmas erlitt“, führte der Professor aus. Sieben Jahre lang habe der Schriftsteller konsequent Tag für Tag stichwortartig Notizen angefertigt. Drei Jahre habe er ausgesetzt, um dann acht Wochen vor seinem Tod erneut mit dem Schreiben zu beginnen.

Das Tagebuch, so Joost, berichtet von Streitereien der Nachbarn untereinander sowie von der Ermordung des Adelebser Försters. Politische Nachrichten, etwa die Enthauptung der französischen Königin, seien festgehalten. Es gebe Schilderungen von Naturereignissen wie den Sonnenaufgängen über Nikolausberg oder von Gewittern. Vor Blitzen habe der Physiker eine „Heidenangst“ gehabt. Deshalb sei von ihm Göttingens erster Blitzableiter installiert worden. Verzeichnet habe er seine häufigen Aufenthalte in seiner Gartenlaube im heutigen Kreuzungsbereich von Weender Landstraße und Güterbahnhofstraße.

„Das Diarium enthält zudem genaue Informationen zu Lichtenbergs körperlicher Verfassung“, sagte Joost. Der Naturwissenschaftler habe seinen Urin beschrieben, damals ein übliches diagnostisches Verfahren. Bei seinen Barbierbesuchen habe er die Zahl der Schnitte, zum Teil mehrere 100, gezählt. Gut dokumentiert sei sein Sexualleben: der eheliche Beischlaf, ein zweijähriges Verhältnis mit dem Dienstmädchen sowie Akte der Selbstbefriedigung. Diese Passagen seien aus Angst vor unbefugten Lesern auf Englisch, einer damals in Deutschland wenig verbreiteten Fremdsprache, sowie auf Latein und Griechisch verfasst. Aufgrund der Verschlüsselung hätten seine Söhne nach seinem Tod die Bücher nicht vernichtet, mutmaßte Joost in der Lichtenberg-Vorlesungsreihe von Universität und Akademie.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Spannende Ausbildungsplätze in Deiner Region warten auf Dich. Starte jetzt durch mit azubify ! mehr

Amnesty-Protest auf dem Campus