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Unter Brüdern: „Wir sind uns gut, aber selten eng“

Wilhelm und Alexander von Humboldt Unter Brüdern: „Wir sind uns gut, aber selten eng“

Das klingt nun gar nicht nach Bruderliebe: Wilhelm, geboren 1767, sperrte seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Alexander ein und ließ ihn beinahe ertrinken – so steht es jedenfalls in Daniel Kehlmanns Roman „Die Vermessung der Welt“. Doch das ist Fiktion, betont Prof. Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin. „Ich werde Ihnen heute keine Klatschgeschichten erzählen“, sagt Markschies gleich zu Beginn den rund 150 Zuhörern in der Universitäts-Aula am Wilhelmsplatz.

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Namesgeber der Humboldt Universität: Statue von Alexander von Humboldt.

Quelle: dpa

Sein Vortrag „Wilhelm und Alexander. Das Verhältnis Alexanders zu seinem älteren Bruder Wilhelm von Humboldt“ zeigt ein ganz anderes Bild des so verschiedenen und doch ähnlichen Brüderpaars. Markschies spricht im Rahmen des Xlab-Science-Festivals über die Brüder – durchaus passend, da Alexander für die Naturwissenschaften, sein Bruder für die Geisteswissenschaften steht.
Seit 1949 sind sie die Namensgeber der zweitgrößten und ältesten Universität Berlins. Bei ihrer Gründung 1810 hieß sie noch Berliner Universität, von 1828 bis 1946 führte sie den Namen Friedrich-Wilhelms-Universität. Dabei war Alexander „nur als Gastprofessor tätig“, wie Markschies erklärt. Wobei seine Kosmos-Vorlesungen 1827/28 bis heute die erfolgreichste Vorlesungsreihe in der Geschichte der Universität ist. Wilhelm, der preußische Politiker, Sprachwissenschaftler, Jurist und Mitinitiator der Universitätsgründung in Berlin, war ein in sich ruhender Charakter. Ein „Gelehrter am Schreibtisch“. Konservativer und ruhender als sein Bruder Alexander. Diesen zog es in die weite Welt.
Trotz der Unterschiede seien sie „zwei Typen eines gemeinsamen Wissenschaftstyps“, so Markschies. „Es ging ihnen um das Ganze“, sagt der Universitäts-Präsident. Beide seien sie vom Gedanken einer totalitären Wissenschaft fasziniert gewesen. So wollte Alexander mit seinen Studien die Natur als ein Ganzes darstellen, Wilhelm mit seiner Bildungsreform Studenten eine ganzheitliche Bildung ermöglichen.
Für seinen Vortrag hat Markschies in Briefen der Brüder untereinander und an dritte Personen und in Vorworte, die diese den Büchern des jeweils anderem voranstellten, gesucht. Dies sei gar nicht so einfach gewesen, sagt Markschies, da Alexander viele Briefe nach der Lektüre vernichtet hat. Ein Sohn Wilhelms habe zudem die noch übrigen Briefe zwar editiert, jedoch „nicht unter wissenschaftlichen Standarts“.
Interessant sei, dass sich die öffentliche Wertschätzung Wilhelms und Alexanders seit dem 19. Jahrhundert bis heute gänzlich umgekehrt habe, so Markschies. War damals die Person des Wilhelm überaus positiv besetzt, gelte heute Alexander als der geistig agilere und menschlich interessantere der beiden. Dabei klingt das Urteil der Familie Humboldt über die zwei Brüder noch ganz anders: „Genialer und empfindsamer, sinnlicher und schneller Dinge und Menschen erfassend erschien anfangs der ältere, langsam, kränklich, minder erregbar der jüngere Bruder, doch selbstgefälliger und ehrgeiziger.“
Diese Einschätzung wurde von Alexander noch Jahre später bestätigt. In den Vorworten, die für Bücher seines 1835 gestorbenen Bruders – Alexander überlebte Wilhelm um 24 Jahre – schrieb, betont er immer wieder die „Größe des Charakters“ und die „Tiefe der Gefühle“ von Wilhelm. Dieser habe über ein „edles, stillbewegtes Seelenleben“ verfügt. Kritik an den Werken des großen Bruders sei nur spärlich gewesen und meist auch nur in privaten Briefen geäußert worden. So wie beispielsweise die am Versmaß von Wilhelm verfasster Sonette. Zudem missbehagte Alexander die Ansicht Wilhelms, dass „Weltgeschichte nicht ohne Weltregierung denkbar sei“, da er es „etwas zugespitzt“, so Markiesch, als ein „Gott regiert die Welt“ interpretierte.
Wilhelm war in seiner Einschätzung Alexanders ambivalent. „Man kommt der Natur darum nicht näher, wenn man der zivilisierten Welt herausgeht“, urteilte er einerseits skeptisch über die Forschungsreise des jüngeren Bruders. Andererseits teilte er Alexanders „außerordentliche Freude“, als dieser gen Süd-Amerika aufbrach. Oft klingen seine Worte auch eher wie die des besorgten großen Bruders. So bitter er 1790 Alexanders Lehrer Georg Forster, seinem Bruder doch „etwas mehr Selbstzufriedenheit zu geben“.
Wenig Verständnis hatte der patriotische Wilhelm für die Vorliebe seines Bruders für „das Französische“. Er und seine Frau Caroline empfanden es als „höchst unpassend“, dass Alexander lange Jahre Paris als Wohn- und Wirkungsort Berlin vorzog – und das auch noch während der Befreiungskriege gegen Napoleon.
1817 schrieb Wilhelm über das Verhältnis zu Alexander: „Wir sind uns sehr gut, aber selten eng. Darum sprechen wir wenig zusammen.“ Dennoch haben die beiden oft korrespondiert, sich über wissenschaftlichen Fragen ausgelassen und einander vermisst, sagt Markschies. „Selbst wenn es Distanzen in Themen wie Politik und Forschung gab, spricht vieles für eine tiefe, menschliche Herzlichkeit zwischen den beiden Brüdern“, urteilt der Referent. Dass Kehlmann in seinem Buch das Verhältnis als gestört darstelle, störe ihn nicht: „Da hat sich wer anregen lassen. Ich plädiere für Gelassenheit.“

Von Corinna Berghahn

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