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Vom Kampf für Allah zum Befreiungskrieg

Julius-Wellhausen-Vorlesung Vom Kampf für Allah zum Befreiungskrieg

In der Schweiz dürfen nach einem Volksentscheid keine Minarette mehr gebaut werden – die Angst vor dem Islam sorgt in der westlichen Welt für Aufregung.

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Leben streng nach dem Koran: Muslime und ihre faszinierende Religion.

Quelle: Reuters

Zudem fasziniert die Religion ungemein. Die Aula der Georgia Augusta am Wilhelmsplatz ist dann auch fast bis auf den letzten Platz besetzt. Denn in der dritten Julius-Wellhausen-Vorlesung der Akademie der Wissenschaften hat sich der Islamwissenschaftler Prof. Josef van Ess, Tübingen, dem Thema „Dschihad gestern und heute“ gewidmet.
„Es ist nicht leicht, Wellhausen mit meinem Thema zusammenzubringen“, erklärte van Ess gleich zu Beginn seines Vortrages. Wellhausen habe sich in seinen islamwissenschaftlichen Schriften erst spät, und dann auch nur kurz mit dem Dschihad auseinander gesetzt. „Wellhausen konnte mit dem Dschihad nicht viel anfangen.“ Denn einen Krieg, der in enger Verbindung zur Religion steht, konnte er nicht verstehen. Zudem habe sich die – von den Europäern intonierte – Dschihad-Bewegung des Osmanischen Reichs während des Ersten Weltkrieges erst in einem erkennbaren Ausmaß entwickelt, als Wellhausen schon tot war.

Gemeindearbeit oder Kampf

Van Ess erklärt, dass die Übersetzung von Dschihad mit „Heiliger Krieg“ irreführend und falsch sei. „Diese Bezeichnung ist europäisch. Sie wurde beispielsweise von den Deutschen in den Befreiungskriegen gegen Napoleon benutzt“, sagt er. Dschihad hingegen könne einerseits mit ,Gemeindearbeit‘, aber auch mit militärischer Einsatz für den Glauben übersetzt werden. Auch der Terminus „Krieg“ sei falsch, denn ein Dschihad sei nicht die Aktion einer Armee, sondern der Kampf eines Einzelnen gegen einen Einzelnen, der sich vor Allah beweisen wolle. Dass diese kriegerische Definierung von Dschihad während Mohammeds Lebenszeit tonangebend wurde, sei der Zeit geschuldet gewesen. „In einer anderen Umwelt hätte sich auch die Bezeichnung für einen karitativen Einsatz für den Glauben durchsetzen können“, so van Ess. „In einer Stammesgesellschaft wie damals war Kampf jedoch das beste Mittel.“ Der Dschihad war zu Beginn des Islam demnach ein Kampf für Allah zur Ausbreitung des Islam, dem sich ein jeder Moslem anschließen konnte, aber nicht musste.
In der Blütezeit des islamischen Rechts um das Jahr 1000 wurde der Begriff von den Rechtsgelehrten neu definiert. Der Islam als Religion war etabliert, ein Eroberungskrieg in dem Maße wie zur Einführung der Religion nicht mehr nötig, so van Ess. Zwar sah das klassisch-islamische Recht den Kriegszustand als den gewöhnlichen Zustand zwischen moslemischen und nicht-moslemischen Territorien an, trotzdem wurden auch Friedensverträge geschlossen. Die islamischen Juristen definierten das Ziel des Dschihad nun in der Stärkung der islamischen Religion und dem Schutz der Muslime.
Das sah jedoch keine Zwangsbekehrung oder Vernichtung von Nichtmuslimen vor. So wurden Juden und Christen in islamischen Gebieten nicht als Ungläubige getötet, sondern lieber als eine Art „Zwischenklasse“ der Gläubigen gezählt. Denn so konnten sie Steuern zahlen.

In den Reformbewegungen des 19. Jahrhunderts wurde von islamischen Gelehrten der friedliche Charakter des Islam hervorgehoben. Grund waren Repressionen der Kolonialmächte, besonders der Engländer in Indien, die nach dem sogenannten Indischen Aufstand im Jahr 1857 besonders die Muslime argwöhnisch beobachteten. Ein Dschihad sei kein Eroberungskrieg mehr, sondern, so die Gelehrten, nur erlaubt, wenn man angegriffen werde. Sie zitierten dazu Stellen im Koran, die vor Mohammeds Expansionsplänen verfasst wurden. Der Dschihad wurde von ihnen als „gerechter Krieg“ tituliert. Diese Formulierung sei eine Verbeugung vor der westlichen Diplomatie gewesen, so van Ess. Doch damit hätten die Gelehrten auch den Kontakt zum gläubigen Muslim verloren.

Der Dschihadbegriff von heute besinne sich daher auch wieder auf die ersten Interpretationen des Koran zurück, so van Ess. Zwar könne man im Koran zu jeder, der friedlichen und der kämpferischen Auslegung Suren zitieren, doch habe Mohammed gemäßigt angefangen, und sich später, als Eroberungskriege nötig waren, entsprechend anders geäußert. Diese Chronologie sei in den Reformbewegungen außer Acht gelassen worden.

„Der Dschihad lässt sich in erfolgreicher Weise als Befreiungskrieg verkaufen“, urteilt van Ess, und erinnert an die Begeisterung auch grade der westlichen Staaten für die gegen die Sowjetunion kämpfenden Taliban in Afghanistan in den 1980er Jahren. Wie seine Ausführungen zeigten, sei der Dschihadbegriff komplexer denn je, so van Ess. „Die Aufgabe der Wissenschaft ist nun, die Schablonen – eigene und fremde – im Denken sichtbar zu machen.“ Schwierig sei nur, so van Ess mit einem Lächeln, dass die Wissenschaft selbst mit Schablonen arbeite.

Von Corinna Berghahn

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