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„Physicalisches Cabinet“ mit Relikten der Wissenschaft

„Sammlungen der Universität“ „Physicalisches Cabinet“ mit Relikten der Wissenschaft

Das „Physicalische Cabinet“ des I. Physikalischen Instituts enthält Objekte aus 250 Jahren regionaler Wissenschaftsgeschichte: Das Wirken von Forschern wie Lichtenberg, Weber und Gauß ist hier vergegenständlicht. Schon beim Betreten des neuen Physikgebäudes am Nordcampus schlägt dem Besucher ein Hauch der Geschichte der Physik in Göttingen entgegen.

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Blick von oben: Anamorphosen aus dem Städtischen Museum Göttingen, deren Kegelspiegel die verzerrte Zeichnung auf den Scheiben dechiffrieren.

Quelle: Sauer Marketing

Göttingen. Im Vorraum zu den großen Hörsälen haben physikalische Instrumente und Schätze, zum Teil über 250 Jahre alt, aus dem Physicalischen Cabinet eine Heimat gefunden.

Objekte, die bis zu Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) zurückgehen, vermitteln einen lebendigen Eindruck vom 18. Jahrhundert. Schon damals war Göttingen ein Mekka für berühmte Besucher wie Benjamin Franklin, Alessandro Volta und Johann Wolfgang von Goethe. Lichtenberg war ein geschätzter Experimentator seiner Zeit, der durch Experimente zur Elektrizität sowie durch die Entdeckung der Lichtenberg-Figuren bekannt geworden ist.

Phänome des Erdmagnetismus

Auch aus der Wirkungszeit von Wilhelm Eduard Weber (1804–1891) und Carl Friedrich Gauß (1777–1855) gibt es Originale der Experimente zum Phänomen des Erdmagnetismus und zu Magnetfeldern. Diese führten zur Entwicklung des ersten elektromagnetischen Telegraphen im Jahr 1833. Der von Gauß entwickelte Vizeheliotrop erlaubte präzise Winkelmessungen mit Hilfe des Sonnenlichtes. Der Vizeheliotrop war auf dem 10- Mark-Schein abgebildet.

Den Weg einzelner Objekte über die Jahrhunderte zurückzuverfolgen und deren Funktion zu erschließen, ist ein spannendes Puzzle. Ein besonderer Fund im Magazin des Städtischen Museums Göttingen führte dabei zur Zusammenarbeit mit der Lichtenberg-Arbeitsstelle der Akademie der Wissenschaften und mit dem Städtischen Museum: 16 „Pappscheiben“ mit einem Durchmesser von 26 bis 31 Zentimeter, versehen mit dem handschriftlichen Vermerk: “Stroboskop-Platten aus der Vorlesung Lichtenbergs. Bitte Dr. Fahlbusch geben !!“. Otto Fahlbusch war Museumsleiter von 1936 bis 1954.

Stroboskopscheiben zum Messen

Um die Funktion der „Pappscheiben“ zu erforschen, wandte sich die Kuratorin des Städtischen Museums, Andrea Rechenberg, an Prof. Gustav Beuermann, Gründer der Sammlung historischer physikalischer Instrumente, und Prof. Markus Münzenberg, ihren jetzigen Kustos. Stroboskopscheiben zum Messen von Frequenzen oder zur Darstellung periodischer Bewegungsabläufe hatte es zu Lichtenbergs Zeit noch nicht gegeben, diese Funktion hatten die Platten offensichtlich nicht. Bei den „Pappscheiben“ handelt es sich vielmehr um Anamorphosen. Das sind Zerrbilder, die den dargestellten Gegenstand erst bei Betrachtung mit einem entsprechend geformten Spiegel preisgeben. In Lichtenbergs Instrumentensammlung gibt es verschiedene Zylinder-, Kegel- und Kugelspiegel zu diesem Zweck. Sie entschlüsselten das Geheimnis der Zeichnungen.

Herkunft der Anamorphosen

Mit Hilfe der Mitarbeiter der Lichtenberg-Arbeitsstelle der Göttinger Akademie der Wissenschaften konnte die Herkunft der Anamorphosen bis zu ihrem ersten Besitzer, dem Frankfurter Patrizier und Sammler Johann Friedrich Armand von Uffenbach (1687 – 1769), zurückverfolgt werden. Uffenbach hatte der Göttinger Universität seine gesamte Bibliothek und Sammlung wissenschaftlicher Instrumente gestiftet. Lichtenberg übernahm 1791 den Großteil der Instrumente zur Verwendung in seinen Vorlesungen.

Metallener Conus Spiegel

Mit dabei war laut dem handschriftlichen Verzeichnis: „Ein Metallener Conus Spiegel nebst 13 auf Pappe gezogenen und gemalten Bildern in ihrer Verzerrung“. Entzerrt und sichtbar gemacht im Spiegelbild zeigt eine der neu entdeckten Anamorphosen das Wappen Uffenbachs. Es könnte sein, dass Uffenbach selbst diese Anamorphosen gezeichnet hat. Er verfügte über eine Maschine, mit der ein Objekt verzerrt gezeichnet werden konnte. Diese ist ebenfalls nach Göttingen und 1791 in Lichtenbergs Hände gelangt. Wie es scheint, hat dieser dem Reiz nicht widerstanden und den Anamorphosen selbst weitere hinzugefügt: “Hier scheint im Spiegel eine Farben Wechselung vor zu gehen. Nemlich das Geradlinigte Fünfeck erscheint gelb, und die zwischen fünf Circkel Bogen eingeschlossene Figur hingegen roth. GCL.”, schrieb Lichtenberg auf eines der Blätter.

Recherchen und Provenienzforschung

Wer die Anamorphosen bewahrt und dem Städtischen Museum übergeben hat, ist bislang ungeklärt. Vielleicht führen laufende Recherchen und Provenienzforschung zu weiteren überraschenden Ergebnissen. Ein kommentiertes und reich illustriertes Verzeichnis von Lichtenbergs Instrumenten ist in Vorbereitung und erscheint 2015 im sechsten und letzten Band der von der Göttinger Akademie der Wissenschaften und der Technischen Universität Darmstadt herausgegebenen Edition von Lichtenbergs „Vorlesungen zur Naturlehre“ im Göttinger Wallstein Verlag.

Von Markus Münzenberg, Andrea Rechenberg und Thomas Nickol

Info: Anamorphosen – Optische Zerrbilder
Anamorphosen sind optische Spielereien: Zerrbilder, deren Inhalte nur über die entsprechend geformte Spiegelfläche wiedergeben werden können. Anamorphosen passen gut zur Naturlehre der Aufklärungszeit: Der Physiker als Naturkenner führte spektakuläre Phänomene vor, die in Erstaunen versetzten, und entkleidete sie mit seiner wissenschaftlichen Erklärung des Rätselhaften.
Wenn man von oben auf den Kegelspiegel blickt, sieht man den Teil des Zerrbildes, der sich auf der Scheibe außen befindet, verkleinert in der Mitte des Spiegelbildes auftauchen. Die Abbildung über Seiten des Kegels dreht die tanzenden Figuren auf den Kopf. Je weiter außen am Rand die Objekte gezeichnet sind, desto stärker ist die Verzerrung. Die Abbildung von Reflexionsoptiken kann geometrisch konstruiert werden (Reflexionsgesetz: Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel). Reflexionsoptiken werden heute für die neuste Generation von Lithografiegeräten zur Computerchipherstellung entwickelt, um immer kleinere Strukturengrößen zu erreichen.
 
 
Zur Person: Markus Münzenberg
Markus Münzenberg, Professor für Experimentelle Physik an der Georgia Augusta, leitet eine Forschergruppe an der Georg-August-Universität. Seine Doktorarbeit hat er 2000 im Gebiet des Röntgendichroismus mit Experimenten an den Europäischen Synchrotroneinrichtungen  abgeschlossen. Nach einem Postdoc im Gebiet des Spintransports unter Jagadeesh S. Moodera am US-amerikanischen Massachusetts Institute of Technology (MIT) Cambridge hat er als Juniorprofessor von 2002 bis 2008 eine Gruppe im Bereich Femtosekundendynamik in Göttingen aufgebaut. Zur Zeit ist er außerplanmäßiger Professor am I. Physikalischen Institut mit den Forschungsgebieten Spintransport und Spindynamik und ist Kurator des „Physicalischen Cabinets“.
Die Sammlung fasziniert ihn: „Hier sieht man, wie neues Denken entsteht. Der Satz ‚Standing on the Shoulders of Giants’ bekommt eine neue Bedeutung, wenn man ein von Gauß entwickeltes Forschungsinstrument in der Hand hält.“
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