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Tipp des Tages Diese Filme laufen ab Donnerstag in den Göttinger Kinos
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09:49 26.09.2018
David Kross als Günter Wetzel in einer Szene des Films "Ballon". Quelle: dpa
Göttingen

Die Kinostarts der Woche im Überblick:

Luft nach oben

Das Erschrecken des potenziellen DDR-Flüchtlings ist nachvollziehbar. Diese Frage hätte Peter Strelzyk von seinem Nachbarn nicht erwartet: „Und wann hauen wir ab?“, hat der Stasi-Offizier eben im Auto gefragt. Hat sich Strelzyk verhört? Oder soll das eine Fangfrage sein? Hat der Nachbar Wind bekommen von Strelzyks geheimen Plänen?

Aber dann sagt der so jovial wirkende Nachbar auch schon: „Na in den Urlaub!“ Gott sei Dank! Denn was niemand wissen darf: Strelzyk (Friedrich Mücke) werkelt mit seinem Freund Günter Wetzel (David Kross) seit Jahren im heimischen Keller an einem riesigen Heißluftballon, der ihre beiden Familien bei Nacht und Nebel über die deutsch-deutsche Grenze bringen soll.

Die Angst vor der Entdeckung treibt Michael Bully Herbigs Thriller „Ballon“ voran. Die Strelzyks und die Wetzels wagten 1979 das schier Unmögliche und hoben mit acht Personen im selbst gebastelten Gefährt von einer Lichtung in den thüringischen Wäldern ab. Die Geschichte hinter dem Film ist wahr. Beim ersten Versuch war die Sache schiefgegangen, der Ballon war auf DDR-Gebiet abgestürzt. Nun war ihnen der gesamte DDR-Verfolgungsapparat auf den Fersen. Die Schlinge zog sich mit jedem Tag enger zusammen.

Wir Zuschauer allerdings wissen, dass die Ballonfahrt über die mörderische Grenze letztlich gut ausgegangen ist. Die Strelzyks und Wetzels entkamen 1979 mit knapper Not in den Westen. Diese Vorkenntnisse sind nicht unbedingt spannungsfördernd für einen Film, der voll und ganz auf Spannung setzt. Und so greift Herbig zu allerlei lauteren – und auch unlauteren – Mitteln, um den Thrill anzuheizen.

Wobei man erst mal stutzt: Michael Bully Herbig, der Erfinder der „Bullyparade“? Der Komiker im Winnetou-Kostüm? Der Scherzkeks aus dem „(T)Raumschiff Surprise“? Ausgerechnet dieser Witzbold erzählt jetzt eine Geschichte aus der bitteren deutsch-deutschen Vergangenheit, als an der Schnittstelle zwischen den politischen Blöcken der Schießbefehl galt und Hunderte Menschen ihr Leben zwischen Stacheldraht und Selbstschussanlagen ließen?

Andererseits: Herbig muss auch nicht immer nur lustig sein. Er ist auch klug genug, sich nicht vor die Kamera zu drängen und gegen sein Image anzuspielen.

Schon einmal ist dieses Abenteuer verfilmt worden: Disney ließ 1982 in „Night Crossing“ (Mit dem Wind nach Westen) den Ballon mit John Hurt an Bord aufsteigen. Was dem US-Film damals angekreidet wurde, war das fehlende Einfühlungsvermögen in die DDR-Verhältnisse. Und daran mangelt es, wenn auch längst nicht in gleichem Maße, auch Herbig – obwohl er sich redlich müht, „Ballon“ mit Lokalkolorit anzureichern und ein paar Schattierungen zwischen Guten und Bösen aufzutragen.

Friedrich Mücke (l) als Peter Strelzyk, Karoline Schuch als Doris Strelzyk (r) und Tilman Döblerin als Andreas Strelzyk in einer Szene des Films "Ballon". Quelle: StudioCanal

Doch was immer sich ersinnen lässt, um die Spannung zu puschen, setzt Herbig ein. Der Film beginnt mit einem (anonymen) Grenztoten, heimtückisch in den Rücken geschossen, der dann keine weitere Rolle mehr spielt – damit ist das Bedrohungsszenario aufgebaut, verstärkt durch unheilvoll anschwellende Musik. Symbolträchtig steigen immer wieder Drachen und Luftballons auf. Jeder Passant scheint ein Spitzel zu sein und äugt argwöhnisch herüber. Jeder Auto- oder Mopedmotor stottert, wenn es auf Sekunden ankommt. Momenteweise gelingt es Herbig, die Story zu einer Art „Mission Impossible“ mit DDR-Technik hochzujazzen. Doch packt er billige Tricks aus der Kinokiste aus. Einmal wähnt sich Peter Strelzyk von Stasi-Schergen zu Boden gedrückt und seinen Sohn beinahe erschossen. Im nächsten Moment hat er nur gealbträumt. Ja, sind wir hier bei Bobby Ewing unter der Dusche auf der „Dallas“-Farm?

Was sich in der kommenden Kinowoche Florian Henckel von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“ ankreiden lassen muss, gilt ebenso für „Ballon“: Westdeutsche Regisseure simplifizieren deutsch-deutsche Geschichte. Dass man differenzierter erzählen und die Historie breiter entfalten kann, hat Andreas Dresen mit „Gundermann“ bewiesen.

Ein Fluchtgefährt fürs Guinnessbuch

Die Fahrt mit dem selbst gebastelten Heißluftballon gelang den beiden Familien Strelzyk und Wetzel am 16. September 1979: Sie blieben 28 Minuten in der Luft – bei einer maximalen Höhe von 2000 Metern – und legten dabei eine Strecke von 18 Kilometern zurück. Gegen 3 Uhr morgens landeten die acht Personen – vier Erwachsene, vier Kinder – in der oberfränkischen Grenzstadt Naila.

Die Familien waren mit dem bereits dritten Ballon unterwegs, den sie in monatelanger Nachtarbeit gebaut hatten. Der erste Ballon war gar nicht flugtauglich, der zweite saugte sich zu schnell mit Feuchtigkeit voll und stürzte bereits nach 34 Minuten in der Luft im Sperrbezirk kurz vor der Grenze zur Bundesrepublik ab.

Erst der dritte Ballon war für das luftige Unternehmen geeignet. Das Gefährt war 32 Meter hoch, hatte ein Fassungsvermögen von 4200 Kubikmetern Luft, und der Boden der Gondel bestand aus 0,8 Millimeter dünnem Stahl.

Das waren Maße, die den beiden Familien eine überraschende Würdigung bescherten: Ihr Ballon war 1979 der größte in Europa, weshalb ihm ein Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde gebührte. Der Original-Fluchtballon soll von Mai 2019 an im Museum der Bayerischen Geschichte in Regensburg ausgestellt werden.

Die interessanteste Figur bei Herbig ist Oberstleutnant Seidel (Thomas Kretschmann). Gefährlich ruhig ermittelt er, aber man lasse sich bloß nicht einlullen. Nie weiß man so genau, was der Mann denkt: „Diese Grenze macht uns zu dem, was wir sind“, sagt er. Und doch: Der Stasi-Offizier etwa in der Fernsehserie „Weißensee“, gespielt von Jörg Hartmann, war noch eine Kategorie gefährlicher in seiner Mischung aus Leutselig- und Bösartigkeit.

Für die Ironie der Geschichte hat Regisseur Herbig ein Auge: Am Ende springt der Film in die Zukunft. Wir sehen Strelzyk vor dem Fernseher sitzen und hören noch einmal Hans-Dietrich Genscher, der 4000 DDR-Bürgern am 30. September 1989 vom Balkon der Prager Botschaft verkündet, dass sie endlich ausreisen dürfen. Es gab auch mit der Eisenbahn einen Weg in die Freiheit.

„Ballon“, Regie: Michael Bully Herbig, mit Friedrich Mücke, Karoline Schuch, David Kross, 120 Minuten, FSK 12, Cinemaxx Göttingen, Filmcenter Feilenfabrik Duderstadt

Familie kann so super sein!

Familie ist ein Lebenbeben, sie verändert die Topografie des Daseins kolossal. Die Verantwortung wird ein Berg, der Rest ist ein Jammertal. Das Baby schreit verzweifelt, man selbst schreit verzweifelter. Man isst spät, wird breit, ist immer müde und fühlt sich zuweilen auf dem Weg in den Wahnsinn. Man hat das Gefühl, nur noch zwischen zwei Hamsterrädern zu wechseln und zugleich nicht mehr vorhanden zu sein.

Bob Parr, dreifacher Familienvater im Animationsfilm „Die Unglaublichen 2“, empfindet genau das. Er war einst der Superheld Mr. Invincible, der stärkste Kerl des Globus, damals, als Leute seines Schlags noch nicht wegen der enormen Kollateralschäden bei ihren Rettungsmissionen von Staats wegen verboten worden waren. Im – kaum zu glauben – auch schon wieder 14 Jahre alten Film „Die Unglaublichen“ war Bob in ein Abenteuer hineingerutscht, wie er es in den Vorwindelwechselzeiten zuhauf erleben durfte.

Und jetzt das: Nicht er, sondern seine Gattin Helen alias Elastigirl soll Aushängeschild der Legalisierungskampagne für Supermenschen werden. Bob soll zu Hause beim Heldennachwuchs bleiben. Helen schwingt sich auf ein schnittiges Stretchbike, Bob schwingt den Staubsauger. Das nagt.

Die Handlung des Films knüpft an den ersten an. Brad Bird, der schon beim Originalfilm Regie führte, macht seine Sache super. Er gibt den alten Kraftmeiern neuen Auftrieb. Doch ein Superschurke namens Screenslaver torpediert die Superhelden-Rehabilitation, indem er diese hypnotisiert und zu Untaten zwingt.

Auch Elastigirl gerät in Screen-slavers Fänge. Bob muss ran, der gerade noch über dem Rechenbuch seines blitzschnellen Supersohns Flash brütete („Warum haben die Mathe verändert?“), von der Supertochter Violetta deren Pubertätsbreitseiten abbekam und die unkontrolliert ausbrechenden Talente des schnell erzürnten Superbabys Jack-Jack in den Griff kriegen musste.

Der Rahmen ist Komödie, gefasst ist darin eine Collage aus Familiendrama und Actionstück. Design und Musik sind cool wie in den frühen Bondfilmen mit Sean Connery. „Die Unglaublichen 2“ ist wieder ein Pflichttermin für (nicht allzu kleine) Kinder und Eltern, erläutert er doch allen, warum Familienbande so aufreibend sein müssen.

Zuschauer dürfen sich hier selbst erkennen und auch noch darüber lachen. Zudem knüpft Bird mit leichter Feder an die seit Frank Millers Comic-Neuerschaffung von Batman (1985) lieb gewonnene Tradition der Veredlung von Unbesiegbaren per Psychologisierung an: „Ich rette, also bin ich!“

Man ahnt früh, wie das alles ausgeht. Und folgt dem Spektakel, das unterhaltsamer ist als die meisten DC-Filme und Marveliaden, doch atemlos bis zur Moral von der Geschicht‘. Die lautet: Allein ist man stark, zusammen stärker. Deshalb ist nichts so super wie Familie.

„Die Unglaublichen 2“, Regie: Brad Bird, 118 Minuten, FSK 6, Cinemaxx Göttingen, Filmcenter Feilenfabrik Duderstadt, Neue Schauburg Northeim, Schiller-Lichtspiele Hann. Münden, Central-Lichtspiele Herzberg am Harz

Zentrum des Widerstands

Der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß hatte sich das so schön vorgestellt: Die Region in Randlage, die seit der Schließung der Kohlezechen mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen hatte, sollte als Geschenk die Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) für Kernbrennstäbe bekommen. 3000 Arbeitsplätze wurden dem strukturschwachen Landkreis in Aussicht gestellt. Doch dann entwickelte sich die oberpfälzische Gemeinde Wackersdorf zum Zentrum des Widerstandes gegen die Atomenergie. Dem lokalen Widerstand schlossen sich bundesweite AKW-Gegner an. Der Bauplatz im Taxöldener Forst wurde zum Kampfschauplatz.

Landesvater Strauß wollte das Projekt unbedingt durchsetzen. Aber dann sorgten der AKW-Unfall in Tschernobyl und die radioaktiven Wolken über Deutschland 1986 dafür, dass die Akzeptanz für die Wiederaufarbeitungstechnik schwand. Die Anlage wurde nie gebaut – weder in Wackersdorf noch anderswo in Deutschland.

Das alles ist nun schon mehr als 30 Jahre her. Ein wenig wundert man sich, dass Regisseur Oliver Haffner diese Ereignisse heute auf die Leinwand bringt. Aber vielleicht ist es gerade jetzt sinnvoll, auf eine Zeit zu verweisen, in der sich die Wut der Bürger nicht an Flüchtlingen austobte, sondern an politischen Projekten, die viele für existenzbedrohend hielten.

Auf den ersten Blick wirkt Haffners „Wackersdorf“ fast wie ein Heimatfilm. Am Anfang stehen die Bilder idyllischer Wälder. Blaskapellen laufen durchs Bild, die Figuren auf der Leinwand sprechen einen gemütlichen oberpfälzischen Dialekt, und der Held des Filmes ist ein kleiner Landrat, der nur das Beste für seine Gemeinde will.

Anfangs ist SPD-Mann Hans Schuierer (Johannes Zeiler) begeistert von den Plänen der Landesregierung. Endlich soll es wieder aufwärts gehen in der abgehängten Region. Der Projektleiter (Fabian Hinrichs) spricht von großen Visionen.

The Shogettes singen zum Honky Tonk im CaféSatz im LVZ-Foyer. Quelle: André Kempner

An den Langhaarigen von der örtlichen Bürgerinitiative grummelt sich Schuierer noch missmutig vorbei. Aber als Polizeikräfte auf Geheiß aus München eine genehmigte Aussichtsplattform der AKW-Gegner auf Privatgrund niederreißen, regt sich in dem Landrat Protest. Schuierer beginnt, dicke Bücher über die Gefahren der Atomenergie zu lesen, und verweigert schließlich die Unterschrift für die Genehmigung – was dazu führt, dass man in München die Gesetze ändert.

Mit leichtem Augenzwinkern erzählt Haffner die Geschichte des Provinzpolitikers, der seinem Gewissen folgt und Sand ins Getriebe gut geölter Machtpolitik streut. Unter dem Schutzmantel des Heimatfilms wird eine linke Widerstandsgeschichte erzählt – durchaus mit subversiver Kraft. Nachdrücklich zeigt der Regisseur die Arroganz der Ära Strauß, die von so manchem CSU-Politiker heute immer noch als goldenes Zeitalter der Partei angesehen wird.

„Wackersdorf“, Regie: Oliver Haffner, mit Johannes Zeiler, Peter Jordan, Anna Maria Sturm, 123 Minuten, FSK 6, Lumière Göttingen

Singen tut der Seele gut

„Mantra - Sounds into Silence“ zeigt, wie intensiv Klänge in einer pausenlos kommunizierenden Welt wirken können. Auf der Suche nach Konzentration, Gemeinschaft und Verbindung wenden sich weltweit zahllose Menschen einer uralten Form des menschlichen Zusammentreffens zu – dem gemeinsamen Singen. Eine Form dieses Phänomens ist der so genannte Kirtan, bei dem Mantras gesungen werden. Dienten die traditionellen Klangformeln aus Indien im Westen anfangs lediglich der Untermalung von Yogastunden, erreicht ihre Kraft nun ein breites Publikum – bis hin zu Grammy-Nominierungen für die im Film portraitierten Szenestars wie Deva Premal & Miten, Krishna Das, Snatam Kaur, Jai Uttal und Dave Stringer.

Auf Konzerten, Festivals, in Alltagssituationen und ungewöhnlichen Locations wie dem San Quentin Prison bei San Francisco zeigt „Mantra - Sounds into Silence“, wie sich beim Chanten Grenzen auflösen und Menschen wieder zu sich selbst finden: In hinreißenden Bildern und mitreißenden Sounds, frei von Esoterik und voller Begeisterung für das Leben. (r)

„Mantra - Sounds into Silence“, Regie: Georgia Wyss, 89 Minuten, FSK o.A, Lumière Göttingen

Von Stefan Stosch/Matthias Halbig/Martin Schwickert

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