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Ausflüge Hessische Landesausstellung: Neue Wege zu den Brüdern Grimm
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17:37 26.04.2013
Märchenhaft: Unterwegs auf den Spuren der Brüder Grimm auch in den Wäldern Nordhessen. Quelle: EF
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Kassel

In der Documenta-Halle in Kassel wird dazu am Sonnabend eine Ausstellung eröffnet, in deren Zentrum das 200. Jubiläum der „Kinder- und Hausmärchen“ und der 150. Todestag von Jacob Grimm stehen. Und „Expedition Grimm“ ist auch das Motto einer Entdeckungsreise auf den Spuren der Grimms zu märchenhaften Orten rund um Kassel.

Es war einmal ein Schloss im von Legenden reichen Reinhardswald, von wildem Wein und Efeu umrankt, von zwei Türmen geziert. Die Rehe aus dem angrenzenden Tierpark waren so zutraulich, dass sie sich Besuchern näherten wie das Brüderchen dem Schwesterchen. Eine Stunde von der Autobahn entfernt scheint die Zeit wie eingeschlafen zu sein. Dieser verwunschene Ort namens Sababurg gilt seit 1894 als Dornröschenschloss.

Tatsächlich hat es hier im 16. Jahrhundert sogar eine Dornenhecke gegeben. Heute ist das 679 Jahre alte Gebäude ein Hotel. Die Burgherrenfamilie Koseck hat über fast 100 Jahre ein Dornröschenarchiv zusammengetragen, Forscher aus der ganzen Welt reisen an, um in ausländischen Erstausgaben zu stöbern, Ansichtskarten oder Puppen anzuschauen.

Landschaft mit verwunschenen Schlössern

Das ganze Schloss steht im Namen der Rose: Es gibt ayurvedischen Rosentee und auf den Zimmern ein mit ätherischen Ölen getränktes Tüchlein. Wer daran schnüffelt, soll so tief schlafen wie Dornröschen. Dass die Brüder Grimm tatsächlich dieses Schloss im Sinn hatten, als sie ihre Hausmärchen aufschrieben, ist nicht belegt. Doch bei der Fahrt durch diese Landschaft mit ihren verwunschenen Schlössern, den dichten Wäldern und den vereinzelten Fachwerkhäusern wird die Natur zum Sinnbild geheimnisvoller Empfindungen, die in den Märchen ihren Ausdruck fanden.

Verzauberte Raben entführen in den nächtlichen Märchenwald. Auch in Menschengestalt bewahren sie ihre tierische Kopfhaltung und Artikulation. Sie erzählen von Drachen und Unken, die Äste rascheln unheimlich im Mitternachtswind. So lockt die Berliner Theatergruppe Anu im Rahmen des Festprogramms „Grimm 2013“ in Hessen und Hameln zu zauberhaften Nachtwanderungen.

Es ist ganz dunkel im Herzen des Waldes, nur Laternen werfen unheimliche Schatten. Am Wegesrand leuchtet plötzlich ein Transparent mit einem Scherenschnitt: Ein Junge blickt in einen Teich, sein Spiegelbild trägt eine Krone – Wasser als Weissagung des Schicksals. „Wir wollen an die naturreligiösen Vorstellungen erinnern, die am Ursprung der grimmschen Geschichten standen und in den Hintergrund gerieten“, sagt Stefan Behr, künstlerischer Leiter von Anu.

Die Idee einer beseelten Natur mit magischen Kräften thematisierte Jacob Grimm in seiner „Deutschen Mythologie“. Von „geheiligten Bäumen“ schreibt er, die zum Opferhain auserkoren wurden. Nach dieser Reise durch den Schattenforst würde es nicht verwundern, wenn aus einem der dicken Eichenstämme plötzlich der Geist des Waldes sprechen würde.

Den größtmöglichen Kontrast zum archaisch-magisch anmutenden Ambiente des Märchenwaldes bietet die Knallhütte Baunatal. Nur wenige Meter von der Autobahn entfernt vertreibt das Rauschen der Fahrzeuge jeden Gedanken an Schneewittchen oder Rotkäppchen. Und doch soll sich hier im Süden von Kassel einer der Orte verstecken, die der Reiseführer zur „Expedition Grimm“ als Höhepunkt empfiehlt.

Hinter den wuchtigen Braukesseln des Hütt-Bieres („Einfach märchenhaft“) findet sich ein historisches Gasthaus. Im Jahre 1755 wurde hier Dorothea Viehmann geboren, die in dem Brauhaus ihres Vaters den Geschichten der reisenden Kaufleute lauschte und sie weitererzählte. Diese Märchenfrau wurde zu einer der wichtigsten Quellen der märchensammelnden Brüder Grimm.

Aus Märchen getilgte Zitate

Noch heute erinnert eine Statue an die Geschichte der Hütte, die ihren Namen vom lauten Knallen der Peitschen hat, mit dem die Fuhrleute sich einst ankündigten. Die Knallhütte ist auch ein Beispiel für den märchenhaften Tourismusmotor der Brüder Grimm.

Wenige Schritte von der Documenta-Halle entfernt haben die beiden Gelehrtenbrüder vor 200 Jahren gemeinsam gelebt und gearbeitet. Zur schönen Aussicht 9 heißt die Adresse heute. Dort nahmen sie oft auf einem schlichten, hölzernen Lehnstuhl mit hellblauem Bezug Platz, wie Illustrationen ihres Malerbruders Ludwig Emil zeigen.

Eben jener Stuhl aus dem Privatbesitz der Grimm-Erben wird in der Landesausstellung erstmals öffentlich ausgestellt. Der Ehering von Wilhelm Grimm gehört ebenso zu den rund 150 Exponaten wie eine Lupe, die Jacobs gichtgeplagter Hand angepasst war, oder seine Zivilstaatsdieneruniform.

Handschriften des „Deutschen Wörterbuchs“ illustrieren, wie unterschiedlich die Brüder arbeiteten: Wilhelm krakelte unzählige Anmerkungen an den Rand, während Jacob eine ausgeglichene Handschrift mit klarem Schriftbild pflegte. Eine unscheinbare Fußnote beim Stichwort „Frucht“ teilt mit: „Mit diesem worte sollte Jacob Grimm seine feder von dem werke leider für immer niederlegen.“

Die Expedition Grimm setzt sich an fantasievollen Mitmachstationen zu den acht Hauptwerken der Gelehrtenbrüder fort. In einer Art Peepshow kann der Besucher durch Schlitze in der Wand brutale oder anzügliche Zitate erspähen, die aus späteren Märchenadaptionen getilgt wurden. Rapunzel werden da zum Beispiel nach dem Stelldichein mit dem Prinzen die Kleider zu eng. Ein fiktives „Gesichtsbuchprofil“ versammelt Statusmeldungen Jacobs samt Erwiderungen von Zeitgenossen.

Auf kreative Weise verdichten die Ausstellungsmacher so das Werk der Brüder, die Stationen lassen die Essenz ihres Wörterkosmos erahnen. Diese „Expedition Grimm“ ist alles andere als museal.

Von Nina May

Landesausstellung „Expedition Grimm“ vom 27. April bis 8. September in der documenta-Halle in Kassel.

Details der Erlebnispfade:

►expedition-grimm.de

►dornroeschenschloss.de

►grimm2013.de

►knallhuette.de.

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