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„Die Axt gehört zur Gartengestaltung“

Grünanlagen im Herbst „Die Axt gehört zur Gartengestaltung“

Erschöpft lege ich die Motorsäge ab, nachdem ich den Stamm unseres Trompetenbaums abgesägt habe, zum zweiten Mal in den vergangenen 20 Jahren auf den Stock gesetzt, weil er sich zu imposant und zu nah am Haus entwickelt hatte. Um seine künftige Vitalität mache ich mir keine Sorgen.

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Alles überragend im Wuchs: die Herbstanemone (Anemone hupehensis).

Quelle: Callauch

Denn Catalpa obovata (Chinesischer Trompetenbaum, Ostasien) ist genauso ausschlagkräftig wie der verwandte Trompetenschlinger (Campsis radicans, Nordamerika), der ebenfalls gelegentlich bis zum Boden herab verjüngt werden kann.

Bereits Fürst Pückler stellte 1834 in seinem Lehrbuch zur Landschaftsgärtnerei fest, dass „die Axt genauso zur Gartengestaltung gehört wie der Spaten.“ Angesichts der vielen zugewachsenen, dunklen, heutigen Gärten möchte man wünschen, dass mehr Gartenbesitzer seine „Andeutungen“ durchgelesen hätten. Mein Blick schweift über die abgesägte Gestalt des Trompetenbaums, der in die dritte Blüte der Spornblume (Centranthus ruber, Mittelmeerraum) gestürzt ist und fällt auf die Staudenbeete, die jetzt ihren letzten Höhepunkt im Jahr erreichen.

Gut, dass Kolumbus Amerika entdeckte, denn ohne die nordamerikanischen Stauden wäre unsere deutsche Gartenflora im September ziemlich armselig. Neben den blauen und rosafarbenen Herbstastern (Aster novi-belgii und andere) stehen die zahlreichen gelben Spätsommerstauden der Sonnenhüte (gefüllt Rudbeckia laciniata, ungefüllt R. hirta, rot Echinacea purpurea), der Staudensonnenblumen (Helianthus-Spezies), dazu die einzigartige Kanadische Goldrute (Solidago canadensis), der Rote Wasserdost (Eupatorium rubrum) und die violettblauen Scheinastern (Vernonia noveboracensis).

Aus Amerika stammenden Dahlien

Vor dem ruhigen Grün des Rasens erzeugen die gleichfalls aus Amerika stammenden Dahlien einen harmonischen und etwas altmodischen Biedermeiereffekt, der an Goethes Garten am Weimarer Frauenplan erinnert und jedes Mal das Verlangen weckt, mal wieder eine Exkursion dorthin zu machen. Doch auch Ostasien ist reichlich vertreten: Der weiße Entenschnabel-Felberich, die Gartenchrysantheme und, alle anderen überragend, die hohe und auffällige Herbstanemone (Anemone hupehensis) bestimmen weithin den Charakter der ihnen zugewiesenen Gartenplätze. Diese Zuwanderer fügen sich nahtlos in unsere Gärten ein, bestimmen das Blumenbild des Spätsommers und füllen eine Lücke, die durch einheimische Stauden nicht geschlossen werden kann.

Das gilt auch für die „invasiven“ Arten unter den Zuwanderern, denen man mit Nachstellung (sowieso vergeblich!) und Verunglimpfung begegnet, die aber außer der gefährlichen Herkulesstaude eher eine Bereicherung als eine Bedrohung unserer Biotope darstellen. Besonders an Bachrändern und schattigen Waldsäumen breitet sich seit vielen Jahren das Indische Springkraut (Impatiens glandulifera) aus.

Die aus dem Himalaja stammende, einjährige Pflanze hat es sogar schon zu deutschen Volksnamen wie „Fulda-Orchidee“ (in Kassel) gebracht und längst noch nicht ihre Ausbreitung in Europa beendet. Ihre Samenproduktion ist enorm (mehr als 30    000 Samen pro Quadratmeter), diese werden bis zu sieben Meter weit weggeschleudert und mit fließendem Wasser verfrachtet. Impatiens kann sich auf diese Weise bis zu mehrere Kilometer im Jahr ausbreiten.

Dominanz und strotzende Wuchskraft

Trotz ihrer Dominanz an manchen Stellen und der strotzenden Wuchskraft verdrängt sie kaum einheimische Arten oder vernichtet gar wertvolle Pflanzenbestände, denn da wo sie wächst, wächst sonst im Spätsommer wenig anderes. Reitgräser und Kälberkröpfe sind bereits vergilbt, das einheimische Springkraut vom Mehltau überwältigt. Die in wechselnden Rosatönen aufscheinenden Rachenblüten sind für den Menschen eher eine Augenweide und den Bienen und Hummeln eine zusätzliche Futterweide, und den Blattlausvertilgern ein reiches Jagdrevier.

Den Winter kann es nur als Samen überstehen. Es gibt also keinen Grund für Panik angesichts der jetzt reich blühenden Springkrautbestände. Eine Bekämpfung ist wenig sinnvoll, auch wenn die Pflanzen gegen Herbizide empfindlich sind. Nehmen wir das Springkraut lieber als Bereicherung unserer Flora wahr, los werden wir es eh nicht mehr.

Von Rolf Callauch

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