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Exotische Blüten im eigenen Garten

Tipps für September Exotische Blüten im eigenen Garten

Wenn ich derzeit frühmorgens die Zeitung aus dem Briefkasten hole, höre ich das aufgeregte Summen hunderter Bienen, die unseren Wilden Wein bevölkern. Auch abends dauert das Treiben dieser Hautflügler an, bis die Nacht hereinbricht. Kilometerweit reisen Kultur- und Wildbienen an, um sich am Nektar der Parthenocissus-Blüten zu laben.

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Einwanderer aus dem Himalaja: Impatiens glandulifera, das Indische Springkraut. 

Quelle: Callauch

Jungfernreben sind meist in zwei Arten in unseren Gärten vertreten: Die Amerikanische oder Selbstkletternde Jungfernrebe Parthenocissus quinquefolia mit 5-lappigen Blättern und die ostasiatische Dreispitz-Jungfernrebe mit überwiegend 3-lappigen Blättern. Beide sind starke Kletterpflanzen, mit denen man rasch unschöne Fassaden begrünen kann (geht auch auf Waschbeton!) und die flammende Rottöne in den Garten zaubern. Ebenso zuverlässig wie ihre Nektarblüte ist die herrliche Laubfärbung ab September. Obwohl es sich um „Exoten“ aus anderen Kontinenten handelt, empfinden wir sie nicht als bedrohlich oder gar als Fremdkörper in unseren Gärten, sondern haben ihr mit dem deutschen Namen „Wilder Wein“ sogar den Anschein einer wilden Natürlichkeit gegeben.

Ganz anders verhält es sich dagegen mit dem Japanischen Staudenknöterich, seinem großen Bruder dem Sachalin-Knöterich und der „Bauernorchidee“ Impatiens glandulifera, die man wegen ihrer Himalaja-Herkunft auch als Indisches Springkraut bezeichnet. Das massenhafte Auftreten dieser beiden Neubürger (Neophyten) versetzt manchen Zeitgenossen in Angst und Schrecken und sogar ganze Gewässerunterhaltungsverbände und Landschaftspfleger sehen Katastrophenszenarien heraufziehen, die unsere Ökologie „den Bach herunter gehen lassen“.

Japan-Knöterich mit 2,20 Metern

Eben diesen Lebensraum haben die genannten Arten massenhaft in den letzten Jahren in Europa erobert, und ein Ende ist nicht abzusehen. Von Natur aus sind sie in Asien an Gewässerrändern, in Auwäldern und entlang bodenfeuchter Wege verbreitet. Sie fühlen sich also bei uns in Auen genauso wohl und der Japan-Knöterich wird mit 2,20 Metern sogar größer als in seiner Heimat. Wer im September einen Besuch in der Drei-Flüsse-Stadt Hann. Münden macht, wird rund um den Tanzwerder fast ausschließlich Japan-Knöterich und Springkraut an den Gewässern erblicken und alles in voller Blüte.

Dieser späten Blüte und ihrer enormen Wuchskraft verdanken diese wackeren Pionierpflanzen die Einreise nach Deutschland, denn sie macht sie für die Gartengestaltung, die Honigbienen und den Wasserbau attraktiv. Im 19. Jahrhundert wurden sie eingeführt und setzen seitdem ihren Siegeszug fort.

Auch wenn man immer wieder mal schlimmste Befürchtungen in Hinblick auf ihre Rolle bei der Verfremdung und Verdrängung der einheimischen Flora hört (Invasion der Killerpflanzen!) und die Wasserbauer sich gar nicht einig sind, ob sie gut oder schlecht für die dynamischen Auen unserer Flüsse sind, so muss doch die Frage erlaubt sein, ob nicht mehr Gelassenheit im Umgang mit ihnen angebracht wäre. Zumal es müßig ist, darüber zu diskutieren, ob man sie mit Stumpf und Stiel ausrotten sollte, denn dazu dürfte es angesichts ihrer weiten Verbreitung sowieso zu spät sein.

Blüten sind für alle Bienen interessant

Beide Arten lassen sich leicht mit Herbiziden bekämpfen, doch das hieße mit Kanonen auf Spatzen schießen. Sie blühen zu einer Zeit, wenn die einheimische Flora bereits auf dem absteigenden Ast ist und sie bieten Nahrung wie keine andere Quelle in dieser Jahreszeit. Ihre Blüten sind für alle Bienen interessant, das Laub des Knöterichs schmeckt sogar Schafen, Rindern und Pferden.

Während sich der Knöterich ausschließlich durch Bruchstücke der unterirdischen Organe, also ohne Samen verbreitet, so schießen die Samen des Springkrauts bis neun Meter weit in die Landschaft hinaus und können an einer Pflanze etwa 3500 Wurfgeschosse dieser Art pro Jahr bilden. Ein jeder, der diese explodierenden Früchte einmal in die Hand genommen und den quicklebendigen Schleudermechanismus ausgelöst hat, wird diese Naturerfahrung nicht vergessen.

Wozu also all die Aufregung? Droht eine globale „McDonaldisierung“ der Artenvielfalt, also eine Nivellierung und Verarmung weltweit? Eine offene Frage, aber Untersuchungen an der Veränderung städtischer Floren über längere Zeiträume deuten eher das Gegenteil an. Reihen wir diese Neubürger also zunächst lieber ein in die lange Reihe der seit der Entdeckung Amerikas verstärkt zu uns kommenden Neobiota, die uns zu geschätzten Nachbarn geworden sind. Wer wollte angesichts der gerade herrlich auf allen Brachwiesen und Freiflächen blühenden Goldruten, Berufkräutern und Astern aus Nordamerika noch in Hysterie verfallen, wen regen Wasserpest, Eschenahorn, Kartoffelrose und Topinambur noch auf, die allerorten immer mal wieder verwildert anzutreffen sind?

Unsere Ökosysteme sind stets dynamisch gewesen, und auch wenn der Mensch durch seine globale Verbreitung den Austausch zwischen den Kontinenten erhöht hat, so zeichnet sich zumindest für Mitteleuropa keine ernsthafte, biologische Katastrophe durch Neubürger ab.

Von Rolf Callauch

Alle Folgen der Tageblatt-Gartenserie finden Sie hier.
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