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Illegale Schönheit im heimischen Garten

Schlafmohn Illegale Schönheit im heimischen Garten

Papaver somniferum – klingt das nicht geheimnisvoll wie eine mittelalterliche Zauberformel? In der Tat, heute geht es wirklich um einen uralten, bis auf die essbaren Samen in allen Teilen giftigen, aber auch malerisch schönen und zudem genügsamen Gast unserer Gärten. Übrigens tummelt er sich dort meist illegal, vermutlich ohne, dass seine Besitzer von ihrem „Vergehen“ auch nur etwas ahnen.

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Papaver somniferum im Naturpark Meissner-Kaufunger Wald bei Germerode.

Quelle: Imhäuser

Wer nun gleich verwundert feststellt, auch diesem Club ahnungsloser Straftäter anzugehören, kann sein ordnungswidriges gärtnerisches Tun legalisieren. Dazu später mehr.

Die botanisch Gebildeten haben es natürlich längst erkannt, der aus dem östlichen Mittelmeerraum stammende Schlaf- oder Blaumohn ist das heutige Thema – und damit eine der ältesten uns bekannten Kulturpflanzen. Wir können seine Verwendung als Nutzpflanze in Südeuropa seit der Jungsteinzeit, etwa ab 6000 v. Chr. nachweisen. Schon Keilschriften um 4000 v. Chr. beschreiben die Herstellung von medizinischen Produkten.

Der durch Anritzen der Samenkapsel gewonnene morphinhaltige Milchsaft war also schon sehr früh als Drogenrohstoff bekannt. Im alten Griechenland verwendete man das daraus hergestellte Opium für kultische und medizinische Zwecke, die Mohnkapsel war gar ein göttliches Symbol.

Im alten Rom entwickelte sich Opium mehr und mehr auch zur Wohlstandsdroge. Und tatsächlich, kaum eine Pflanze symbolisiert bis in unsere Tage so eindrucksvoll, wie verheerend und zerstörerisch Missbrauch sich auswirken kann, wie nah der Segen der Medizin und der Fluch der Sucht hier beieinander liegen.

Bemühen wir uns also, für das hierzulande seit 1978 geradezu hysterisch rigide Anbauverbot – denn seither unterliegen auch ausgesprochen morphinarme Küchenmohn-Sorten dem Betäubungsmittelgesetz – zumindest ansatzweise Verständnis aufzubringen, auch wenn es ein wenig bizarr ist. Denn sowohl Verzehr als auch Verkauf von Mohnsamen sind nach wie vor legal.

Unsere europäischen Nachbarn sind da deutlich unverkrampfter: In Österreich wird auf 1700 ha Mohn angebaut, statt ihn aus Indien, der Türkei, Tschechien oder gar dem Krisenland Afghanistan zu importieren. Bei uns liegen derzeit für gerade einmal 120 ha Sondergenehmigungen vor.

Und wussten Sie, dass in Deutschland sogar der Anbau als Zierpflanze genehmigungspflichtig ist? Die Bundesopiumstelle gestattet auf Antrag den Anbau von höchstens 10 m2 Schlafmohn über einen Zeitraum von zwei Jahren – gegen eine Gebühr von € 75. Oha, und nun? Das Objekt der Gesetzgebung selbst ist davon jedenfalls nicht einzuschüchtern und prosperiert ungerührt sogar wild in unserem regelverliebten Land, lädt sich zudem gern ungefragt in unsere Gärten ein.

Und wer will seiner Schönheit widerstehen? Die Ansprüche sind gering, fast jeder Boden ist genehm, nur allzu nass und schwer oder sandig sollte er dann doch nicht sein. Wo es dem unschuldig Schuldigen gefällt, wächst er mehr als einen Meter hoch und sorgt arglos für Nachkommen.

Im naturnahen Garten wird er sich seine Lieblingsorte selbst suchen, ohne je lästig zu fallen. Aber auch zugewiesene Plätze werden gutmütig akzeptiert, solange sie sonnig sind.Sein graublaues Laub und die großen, exotischen Blüten in einer Farbscala von weiß über rosa bis violett bringen reizvolle Aspekte in den Garten.

Wer Lust hat, einmal in einen wahren Mohnrausch zu geraten, und zwar ganz gefahrlos und legal, kann ihn jetzt im nahen Naturpark Meissner-Kaufunger Wald auf einer Fläche von sechs Hektar erleben (naturpark-mkw.de/). Die besonders spektakuläre Hochblüte ist seit Jahren ein begehrtes Ausflugsziel – aber man sollte sich sputen, sie dauert nur wenige Tage und ist deshalb tagesaktuell über das Infotelefon des Naturparks unter Telefon 0 56 02 / 93 56 17 zu erfragen.

Von Angelika Traub

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