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Nostalgischer Charme der Duftwicken

Züchtungen Nostalgischer Charme der Duftwicken

Wie kann es sein, dass ein mit so vielen Gartentugenden ausgestattetes Pflanzenwesen wie Lathyrus odoratus aus der Mode kam? - Nun, mit den Moden ist es so eine Sache. Genauso könnte man fragen, wer je einen Pfifferling darauf gewettet hätte, dass so „unbrave“ Geschöpfe wie Wild- und Präriestauden aus aller Welt zusammen mit Gräsern einmal zu wesentlichen Gestaltungselementen unserer Gärten würden.

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Betörend duftend: Die Gartenwicke (Lathyrus odoratus) hat auch als Schnittblume einen hohen Wert.

Quelle: Traub

Aber so ist es halt immer gewesen, jede Zeit entwickelt ihre Charakteristika, ihre Ästhetik, und gesellschaftliche Prozesse lassen sich durchaus auch in der Gartenkultur aufspüren. Ein spannender Spiegel ist das, in den wir da schauen können, und seien es nur die letzten 100 Jahre, die wir aus diesem Blickwinkel betrachten.

Nun aber zurück zu unserer nostalgischen heutigen Protagonistin, der allerliebsten, vielgestaltigen Duftwicke. Manch einer wird sich wundern, weil sie in seinem Garten nie „aus der Mode“ kam, und ihm ein Sommer ohne ihren Charme, ihre Fröhlichkeit und den betörenden Duft gar nicht vorstellbar wäre. Ein Glück, sonst wäre es den kleinen „Sweet Peas“, den süßen Erbsen, wie sie liebevoll in England genannt werden, in unserem Land am Ende ähnlich ergangen wie den historischen Rosen, deren Zauber und Natürlichkeit lange Jahre keiner mehr wahrnehmen mochte, so dass viele von ihnen für immer aus unseren Gärten verschwanden.

Zugegeben, von so einem Schicksal waren Duftwicken nie bedroht – schon weil die gartenbegeisterten Engländer von jeher in sie vernarrt sind. Um 1700 sandte der sizilianische Mönch Cupani die ersten Samen der köstlich duftendenden Wildform mit ihren braun-magenta-purpurnen Blüten nach England. Schon bald fanden sich erste Züchtungen in den Katalogen der Samenhändler. Ihre ganz große Zeit aber erlebte Lathyrus odoratus unter Königin Victoria.

Besonders als Schnittblume war sie hochbegehrt. Längst konnte das gesamte Farbspektrum bis auf Gelb züchterisch als erobert gelten, immer großblütigere, wüchsigere Sorten wurden auf dem berühmten Blumenmarkt am Londoner Covent Garden angeboten, und noch heute existiert die 1901 gegründete „National Sweet Pea Society“, die nach wie vor durch Ausstellungen, Tagungen und Veröffentlichungen für das Objekt ihrer Leidenschaft wirbt. Die Popularität ging sogar so weit, dass 1911 vom „Daily Mirror“ ein Preis von 1000 Pfund, einer damals wahrlich astronomischen Summe, für den schönsten Duftwickenstrauß ausgelobt wurde. 38    000 Bewerber gab es.

Den traditionsliebenden Engländern ist es auch zu danken, dass viele der historischen Sorten nach wie vor erhältlich sind. Unerreicht ist das zarte Himmelblau von „Flora Norton“, fein und delikat die cremefarbene, lachsrosa überhauchte „Nora Holman“. „Matucana“ kommt in Aussehen und Duft der Wildform sehr nahe. Und natürlich blieb auch „Miss Willmott“ in Kultur, deren Name in England übrigens so manche Pflanze schmückt.

Das Fräulein muss recht umtriebig und skurril gewesen sein – wie die Geschichte des Beinamens „Miss Willmott’s Ghost“ für die schöne, aber auch überaus verbreitungsfreudige Edeldistel „Eryngium giganteum“ zeigt, deren Samen die Dame in fremden Gärten gern mal unbemerkt hinterließ.

Duftwicken sind unkomplizierte Gartengäste, wenn man weiß, dass sie Sonnenanbeterinnen sind und warme, durchlässige Böden lieben. Dann beschenken sie uns mit Duft und Schönheit – einen Sommer lang.

Von Angelika Traub

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