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Postelein, Rapontika und Erdmandel

Garten im März Postelein, Rapontika und Erdmandel

Haferwurzel und Löffelkraut, Kerbelrübchen, Kardy und Knollenziest, Erdmandel, Eiskraut und Postelein, Roter Meier, Rauchgras, Rapontika, Spargelerbse, Stielmus oder Baumspinat – wer kennt auch nur eine dieser vor langer Zeit aus unseren Gärten und von unseren Tellern verschwundenen charaktervollen Köstlichkeiten? Nicht beim noch so kulinarisch sortierten Gemüsehändler und schon gar nicht im Supermarkt kann man ihnen begegnen.

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Konzentriert bei der Sache: Ida erntet ihre köstlichen „Bamberger Hörnchen“, eine begehrte Kartoffel-Rarität.

Quelle: Traub

Hätte unsere zunehmend globalisierte Agrarindustrie nicht eine Gegenbewegung auf den Plan gerufen – viele dieser Gartenschätze wären wohl für immer verloren. Aber bereits in den 80er Jahren, lange bevor die Entwicklungen in der Gentechnik mit ihren heute noch von niemandem vorhersehbaren Auswirkungen Thema wurden, formierte sich Widerstand gegen das immer offensichtlicher werdende Verschwinden wertvoller alter Nutzpflanzensorten.Erste Initiativen, Vereine und Organisationen, die ihre Stimme für den Erhalt größtmöglicher (Gen-)Vielfalt erhoben, wurden gegründet.

Ihr Einsatz für in Vergessenheit geraten(d)e alte und regionale Kulturpflanzen mag wie der Kampf Davids gegen Goliath erscheinen, aber täuschen wir uns nicht, diese beharrliche, nun Jahrzehnte währende Arbeit wird von einer zunehmend hellhöriger gewordenen Öffentlichkeit immer aufmerksamer wahrgenommen. Die polarisierende Debatte zum Thema Gentechnologie hat daran sicher ihren Anteil.

Ein Netz von „Sortenpflegern“ aus Privat- und Erwerbsgartenbau ist entstanden und sorgt für Erhalt und Saatgutgewinnung inzwischen hunderter alter und regionaler Kultursorten. Vielerorts kann man wieder samenechtes Saatgut robuster, krankheits- und schädlingstoleranter Pflanzen erwerben. Mit den geschmacksnivellierten, gleichgeschalteten Hybridsorten, die unsere Supermärkte bevölkern, haben diese ausgeprägten „Persönlichkeiten“ wenig gemein.

Stellvertretend für viele andere Initiativen sei der ganz in unserer Nähe ansässige gemeinnützige Verein „Dreschflegel“ genannt (hier ist der Name Programm), auf dessen Gärtnerhöfen die Züchtung und Vermehrung biologischen Saatguts betrieben wird. Mittlerweile kann man über 500 Sorten beziehen, eine Vielfalt, die deutschlandweit ihresgleichen sucht. Im idyllisch gelegenen Schaugarten ist eine Fülle kaum bekannter, hochinteressanter Kulturpflanzen zu bestaunen.

Ökonomische Bedeutung wird dieses wiederentdeckte Kulturgut freilich kaum erlangen, und sei es noch so wertvoll. Umso wichtiger ist es, für den einen oder anderen wiederentdeckten Veteranen einen Platz in unseren Gärten zu finden, und wenn es nur die dekorative dunkelrote Melde ist, die sich höchst originell in Staudenbeeten macht.

Erfreulich ist, dass auch ambitionierte Gastronomen ihre Küche inzwischen um diese verloren geglaubten Geschmackswelten bereichern. Hoffen wir, dass sich der Trend gegen Einheitsgenüsse kräftig verstärkt und wir auch die Schönheit von Gemüse für unsere Gärten neu entdecken.

Liebevoll angelegte Küchengärten sind immer auch ein Augenschmaus.Und wie wäre es damit, unseren Kindern ein Plätzchen zu reservieren, auf dem sie den Prozess von Wachsen und Werden „be-greifen“ lernen, um dann mit ihrem ersten kleinen Ernte-Glück belohnt zu werden?

Von Angelika Traub

Schaugärten gibt es unter anderem in Schönhagen in der Nähe von Kirchgandern (Dreschflegel – Schaugarten für Nutzpflanzenvielfalt, Telefon 03 60 83 / 5 45 44, schaugarten.kuhmuhne.de) und in Asbach-Sicken­berg östlich von Bad Sooden-Allendorf (Hof Sickenberg, Telefon 03 60 87 / 9 76 96, hof-sickenberg.de).
 
Alle Folgen der Tageblatt-Gartenserie finden Sie hier.
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