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Sanft hineingleiten in grüne Leidenschaft

Der Garten im November Sanft hineingleiten in grüne Leidenschaft

Der November ist ein grauer Tropf und deshalb schrecklich unbeliebt, eilt ihm doch der wenig schmeichelhafte Ruf von Dunkelheit, Nebel, Tristesse voraus. Talent zum Hoffnungsträger hat er wirklich nicht, trüb und unfreundlich erinnert er uns daran, dass man in diesen Breiten leider keinem mediterranen, sondern dem mitteleuropäischen Winter entgegen sieht, und der ist, jedenfalls wenn wir ihn vor uns haben, immer aufs Neue elend lang.

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Novemberdunst: Allee junger Säuleneichen (Quercus robur fastigiata).

Quelle: EF

Zugegeben, dieses Jahr hat sich der Miesepeter wirklich angestrengt, seinen Ruf ein wenig aufzubessern. Für uns Gartenmenschen hätte er sich gar nicht so ins Zeug legen müssen – uns ist sein melancholisches (Ver)-Wesen immer noch lieber als etwa der bleierne Februar, den wir am liebsten abschaffen würden! Da scharrt nämlich der grünsüchtige Teil der Bevölkerung längst mit den Hufen und wartet ungeduldig darauf, die vielen über die Winterzeit gesammelten Ideen in handfeste Gartenwirklichkeit zu verwandeln.

Den November hingegen nehmen wir, wenn auch ein wenig knochenlahm, langmütig und geduldig hin. Was getan werden konnte, ist getan. Jetzt kommt die Zeit genüsslicher Rückschau und langer Abende im Haus. Wer Glück hat, den wärmt ein Feuer am Kamin – kaum etwas lässt die Gedanken so frei und ungehindert fließen, wie der selbstvergessene Blick in die lodernden Flammen. Vielleicht ein Urerlebnis von Geborgenheit, viele zehntausend Jahre alt, tief in uns bewahrt?

Der Garten, natürlich, auch er fließt vorbei in diesem Strom: Wie kann es sein, dass man sich einem Fleckchen Erde so tief verbunden fühlt, als sei es ein lebendiges Wesen? Ganz einfach: Weil es genau das ist! Meist gleitet man sanft hinein in diese grüne Leidenschaft – hier ein paar Stauden, dort ein Baum, eine Handvoll Rosen und Sträucher, wie nett. Dann aber, welche Entdeckung, wächst die Freude daran, mehr und mehr Wissen zu sammeln und so Zusammenhänge besser zu verstehen. Das Ende unserer gärtnerischen „Kinderstube“ kündigt sich an.

Längst hat jeder in dieser Phase der (erfahrungsgemäß unumkehrbaren) Gartenleidenschaft verstanden: Ein Garten ist kein statisches Gebilde, das sich unserem Willen unterwirft, sondern ein lebendiger Organismus, dem man zwar persönliche Prägung und „Erziehung“ angedeihen lassen kann, ja sogar sollte, aber Schönheit, Persönlichkeit und Ausstrahlung wird er nur entfalten, wenn wir nicht so vermessen sind, unsere Vorstellungen zum Maß aller Dinge zu machen. Ein Rhododendron, den wir zwingen, am falschen Ort zu wachsen, ist ungefähr so glücklich wie ein Eisbär in Afrika.

Wenn wir uns stattdessen mit unserem Garten verbünden und versuchen, die Kunst des Hinschauens, Wahrnehmens und des Dialogs mit ihm zu pflegen, sind wir schon auf dem Königsweg zum Gartenglück – der übrigens einer gelingenden Erziehung unserer Kinder gar nicht so unähnlich ist. Genau wie sie braucht er klare Orientierung, feste Regeln, ein stabiles Gerüst und durchaus Erprobung durch Reibung, aber eben auch liebevolle Zuwendung, Achtung und unsere uneigennützige Bereitschaft, ihm bei der Entwicklung seiner „Begabungen“ zu helfen. Eines Tages gehen unsere Kinder in ihre eigene Welt. Der Garten aber bleibt und mit ihm Leben – und Glück!

Von Angelika Traub

Alle Folgen der Tageblatt-Gartenserie finden Sie hier.
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