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Stürmischer Aufbruch ins neue Jahr

Garten im Januar Stürmischer Aufbruch ins neue Jahr

"Panta rhei“ der griechische Aphorismus für „ alles fließt oder alles verändert sich und nichts bleibt“ wird uns deutlich bewusst, wenn wir ein neues Jahr beginnen. Den meisten Liebhabern eines klassischen Bonmots ist „panta rhei“ weniger geläufig als das griffige, lateinische „carpe diem – nutze den Tag“.

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Beispielhaft: Der immergrüne Schlossgarten in Dornburg.

Quelle: Callauch

Er ist heute weit mehr Ausdruck unserer zupackenden, stets auf Maximierung ausgerichteten Lebensweise, als der auf Beobachtung und innerliche Gelassenheit zielende hellenische Gedanke.

Und doch muss es gerade einem Gärtner gelingen, beides in sich zu vereinigen: Die Erkenntnis, dass im großen Lauf der Natur eine ständige, vorwärts gerichtete Kraft arbeitet, die unaufhaltsam alles verändert und gleichzeitig die Einsicht in die Notwendigkeit des eigenen Tuns, wenn denn ein Garten mehr als nur eine zufällige Anordnung grüner Elemente sein soll.

„Panta rhei“ lässt allein durch den Fluss der Zeit die Gärten ihr Gesicht verändern, denn Bäume werden größer, aus dem Sonnen- wird ein Schattengarten, Gräser und ausdauernde Kräuter wachsen ob wir wollen oder nicht in die Zierpflanzenbeete, aus dem Sommerblumenbeet wird eine Staudenanlage, aus dem Steingarten ein Felsrasen. Der Rohboden schwärzt sich in wenigen Jahren durch die Akkumulation von Humus, der Gartenteich wächst immer mehr zu, das Moorbeet wird zur Sumpfwiese und die edlen, teuren Porphyrplatten der Gartenpfade zu grünen Schlitterbahnen.

Philosoph mit stoischem Hintergrund

Ein Philosoph mit stoischem Hintergrund wird diese Veränderungen lediglich zur Kenntnis nehmen, ein Gärtner mit gestalterischem Anspruch dagegen dem „carpe diem“ den Vorzug geben und den Veränderungen mit Elan oder weil es nicht anders geht entgegen treten. Auch im neuen Jahr ist aktives Eingreifen und Schneiden, Stutzen und Trimmen der grünen Pracht geboten. Das gilt besonders für die Immergrünen.

Sollen Kamelien, Rhododendren, Lorbeerkirschen und Eiben ein ansehnliches Bild ergeben, so müssen sie jedes Jahr geschnitten werden. Gut passt so ein reinigender Schnitt der längst überalterten Rhododendrongruppe zum Beginn eines neuen Jahres, vorausgesetzt man nutzt die frostfreien, milden Wintertage. Wie ordentlich kann man das Jahr beginnen, indem man die auswuchernde Lorbeerkirschenhecke endlich einmal in ihre Schranken weist und ihr eine elegante Form verpasst? Alles Kahle, Überalterte und weniger Schöne soll weg, ein befreiender Schnitt schafft Platz für das Kommende.

Der Blick des Gärtners richtet sich auf das zukünftige, das neue Grün, was noch verschlossen in den ruhenden Knospen schlummert. Im Winter bietet sich die beste Gelegenheit, den Garten in seiner architektonischen Struktur zu erkennen und die großen Linien der Gestaltung zu erneuern. „Carpe diem“ und los geht es mit der Heckenschere an den längst zu sparrigen Gesellen verkommenen Kugeleiben oder entlang der toskanischen Säulenscheinzypressen, die längst die zulässige Höhe am Gartenzaun erreicht haben und dem Nachbarn schon lange die Sommertage beschatten.

Halbsträucher aus Küchen- und Rosengärten

Jede Buchsumrandung eines Bauerngartenbeets muss regelmäßig gestutzt werden, genauso wie die aromatischen Halbsträucher aus den Küchen- und Rosengärten, seien es nun Lavendel, Bohnenkraut, Salbei, Thymian oder Ysop. In der Natur sind es die Stürme, die die Vegetation immer wieder scheren, im Garten müssen wir es selber tun. Ein stürmischer Jahresbeginn wie in diesem Jahr erinnert daran, dass regelmäßiger Windwurf zum Ökosystem dazugehört. Wie sollte eine natürliche Verjüngung zustande kommen, wenn nicht Orkane immer wieder Schneisen in die Vegetationsdecke schlagen und damit den nachwachsenden Generationen eine Chance geben.

Ohne Licht kümmern junge Baumschößlinge bis zu zehn Jahre unter den Eltern dahin, bis sie schließlich verhungern. In der Naturlandschaft kommen Sturm, Überflutungen und Feuer eine erneuernde Kraft zu, nichts bleibt dauerhaft stabil, der Wandel gehört zum Alltäglichen, allerdings oft auf einer anderen Zeitachse als wir kurzlebige Menschen überblicken können.

Umbrüche im Ökosystem bewertet der Mensch als Katastrophen, für die Biosphäre sind sie oft notwendiger Teil des lebendigen Kosmos: „Panta rhei“. Es bleibt jedem Gärtner überlassen, das Beste aus dieser Erkenntnis zu machen.

Die zupackende Arbeit gehört genauso zum Gärtnerglück wie die abwartende Gelassenheit und die langfristige Beobachtung der Veränderungen ohne einzugreifen. Ein neues, spannendes Gartenjahr liegt vor uns, eine Fülle von Blüten und Blättern wird sich öffnen und den erfreuen, der hinzuschauen weiß.

Von Rolf Callauch

Alle Folgen der Tageblatt-Gartenserie finden Sie hier.
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