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Vitales, entzückendes Geschöpfchen

Garten im Mai Vitales, entzückendes Geschöpfchen

Heute bekommen wir es mit schüchternen Frauenmänteln zu tun. Richtig gelesen. Zugegeben, für nicht gärtnernde Menschen ist das sicher ein etwas kryptischer Einstieg ins Geschehen. Und auch die bewandertsten Grünfinger wissen vielleicht nicht gleich, was damit gemeint sein könnte. Die Sache wird aufgeklärt, versprochen.

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Alchemilla erythropoda: Die zierliche Pflanze blüht schon ab Mai und ist über die gesamte Gartensaison attraktiv.

Quelle: Traub

Natürlich, wir lieben sie alle, die großen, stattlichen Pracht–stauden, die unseren Beeten Ausstrahlung, Charakter und Üppigkeit verleihen, diese stolzen Stars auf der grünen Bühne. Was aber wären sie ohne klug gewähltes, sie zurückhaltend und gerade deshalb wirkungsvoll unterstützendes Begleitpersonal? Ohne Bewunderer keine Bewunderten, und nicht jeder kann – oder will – im Rampenlicht stehen. Die eher uneitle Gefolgschaft unserer grünen Stars scheint jedenfalls ganz zufrieden mit ihrer Rolle zu sein. Und lebt es sich nicht viel entspannter, wenn man nicht immer alle Blicke auf sich spürt?

Das Angebot an Begleitstauden für die unterschiedlichsten Gartenthemen und -bereiche ist riesig. Wir picken uns heute die Alchemilla heraus. Ha, wird da der kundige gärtnernde Mensch sofort anmerken, erwischt! Alchemilla, zu Deutsch Frauenmantel, der bitte soll schüchtern sein? Wäre die Rede von Alchemilla mollis, der bei uns trotz interessanter und vielfältiger Verwandtschaft am meisten verwendete Frauenmantel, wäre die Frage berechtigt.

Bei aller Schönheit und vieler guter Eigenschaften – wer sonst erfreut uns so lange mit makellosem, kraftvollem Auftritt, liefert ruhige und doch belebende Aspekte mit seinem aparten bläulich grünen Laub und den gelben Blüten – aber Schüchternheit gehört nun wirklich nicht zu seinem Repertoire. Leider. Denn wo er sich wohlfühlt, sorgt er geradezu impertinent für Nachkommen und bringt auch den fleißigsten Jäter damit zur Verzweiflung.

Aber nicht diesen vermehrungsfreudigen Burschen, sondern zwei völlig zu Unrecht weit weniger bekannte, dabei sehr ähnliche Geschwister, sollen heute ins rechte Licht gesetzt werden. In kleinen Gärten sind sie zudem die weitaus bessere Wahl. Der Zierliche Frauenmantel, botanisch Alchemilla epipsila, ähnelt dem großen Bruder in fast allen Teilen verblüffend, wächst aber moderater und kompakter und fällt nach kräftigen Regenschauern nicht auseinander.

Auch Sämlinge produziert er in deutlich bescheideneren Mengen. Der Dritte und zugleich kleinste im Bunde ist ein echter Schatz. Alchemilla erythropoda, der Zwergfrauenmantel, ist ein entzückendes, dabei durchaus vitales, sich allmählich ausbreitendes Geschöpfchen, den großen Geschwistern zwar ähnlich, jedoch vom Laub her bläulicher, was zusammen mit rötlichen Stielen und den schon im Mai erscheinenden, durch die ganze Saison attraktiven Blüten und Samenständen ausgesprochen wirkungsvoll ist.

Auch muss man das Zwerglein nicht im Spätsommer einem Radikalschnitt von Blüten und Blättern unterziehen, um den man bei den größeren beiden nicht herumkommt, weil sie irgendwann unansehnlich und ramponiert wirken. Zwar treiben sie nach der Radikalkur sofort wieder willig durch und bleiben dann bis zum Spätherbst schön, aber bei flächiger Pflanzung kommt doch einiger Aufwand zusammen, den sich manch „Feierabend-Gärtner“ vielleicht gern sparen würde.

Der Kleinste im Bunde hingegen braucht derlei Behandlung nicht. In Steingärten, am Gehölzrand und im Beet fühlt er sich gleichermaßen wohl. Manchmal sind eben die Kleinsten die Größten.

Von Angelika Traub

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