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Vom Hammerstein zum Rosenapfel

Gesunde, historische Apfelsorten Vom Hammerstein zum Rosenapfel

Kennen Sie den Hammerstein? Pardon, korrekt heißt er natürlich „Minister von Hammerstein“. Gemeint ist von Äpfeln: nicht der unkorrumpierbare, eigensinnige Offizier, dessen Biografie Hans Magnus Enzensberger in einem Buch sehr eindrucksvoll entwickelt hat – nein, mit diesem Werk und somit der verhängnisvollsten Epoche deutscher Geschichte wollen wir uns heute nicht befassen.

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Ein Potpourri von Äpfeln: Einige haben ein leichtes Waldmeister-Aroma, andere eine Himbeernote.

Quelle: Traub

Dennoch, verknüpft ist unser Hammerstein schon mit dem gleichnamigen Adelsgeschlecht. Als sich im Jahre 1891 sein vortrefflicher Geschmack offenbarte, beschloss man, einen Vorfahren des Buchprotagonisten durch die Namensgebung zu ehren. Die Rede ist – von einem Apfel. Es kam zu diesen Zeiten recht häufig vor, dass hoffnungsvolle neue Sorten nach bedeutenden älteren Herren von Stand benannt wurden – was zu dem Gedanken führt, welche heute kaum mehr vor-stellbare Wertschätzung unserem Kulturobst einmal zuteil wurde.Bei diesem Hammerstein zum „Anbeißen“ hat der stolze Name wohl etwas abgefärbt: Auch er ist zweifellos ein wenig „eigensinnig“.

Nach langen, sonnendurchglühten Sommern kann man sich keinen köstlicheren Tafelapfel vorstellen, sein Fruchtfleisch ist herrlich aromatisch und weckt die schwärmerische Assoziation von prickelndem Champagner, gewürzt mit einem Hauch von Waldmeister. Aber nach Sommern wie dem vergangenen taugt er rein gar nichts. Versager, grasgrüner – ist man geneigt zu fluchen. Nehmen wir es ihm nicht übel, den Äpfeln geht’s nicht anders als uns Menschen: Erst am richtigen Ort kann sich eine Begabung wirklich entfalten. Dem Hammerstein ist es hier schlicht zu kalt, das Eichsfeld ist nun mal nicht das Markgräflerland.

Aber es gibt etliche weniger verwöhnte „Begabte“ zu entdecken, die gerade in unserem Klima ihr Talent offenbaren. Viele Baumschulen veredeln wieder alte regionale und historische Sorten wie den prachtvollen, um 1830 entstandenen „Moringer Rosenapfel“, der seltsamerweise im Süden Deutschlands und in der Schweiz viel bekannter und seit langem hoch geschätzt ist. Ein Jammer wäre es, wenn der robuste, kerngesunde „Winterhimbeerapfel“ endgültig in Vergessenheit geriete, seine Früchte schmecken tatsächlich leicht himbeerartig gewürzt. Und gar die duftig-feine „Tiefenblüte“ von der Oberweser: So mancher Pomologe erbittet sie sich bei Bestimmungsveranstaltungen verschmitzt als Dankeschön. Warum wohl? Weil sie einfach unvergleichlich schmeckt!

Nein, das soll kein plumpes Plädoyer für das „Alte“ sein, weder sind alte Sorten per se gut oder schlecht, noch sind es die modernen Züchtungen. Aber es wäre ein trauriger und unnötiger Verlust, hervorragende alte für mäßige neue Sor-ten aufzugeben. Und sollten wir nicht dem drögen Sortenei-nerlei der Supermärkte und de-ren Kriterien Optik, Gleichförmig-, Transport- und Lagerfähigkeit so etwas herrlich Altmodisches wie Freude an Geschmack und Vielfalt entgegensetzen?

Eine nette Vorstellung wäre es, zwischen den als Vorpflanzung ach so beliebten Kugelahornen und –robinien in unseren Neubaugebieten ab und zu ein Apfelbäumchen zu entdecken. Keine Sorge, mit einer schwachwüchsigen Unterlage wächst es schon nicht in den Himmel. Und es freuen sich nicht nur die Bienen.

Von Angelika Traub

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