Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Der Norden Der Borkenkäfer befällt massenweise Bäume im Harz
Nachrichten Der Norden Der Borkenkäfer befällt massenweise Bäume im Harz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 25.10.2017
Von Gabriele Schulte
Nationalpark-Foerster Christian Lux führt von Braunlage aus durch den Nationalpark Harz.  Quelle: Katrin Kutter
Anzeige
Braunlage

Die Rotbuchen scheinen in Flammen zu stehen, dazwischen leuchten Birken, Roteichen und Bergahorn. Der Oktober ist Wandermonat im Harz. „Super, vor allem die Buchen“, schwärmt ein Urlauber aus Lübeck, der sich von Bad Harzburg über die Rabenklippen zum Luchsgehege aufgemacht hat. Nur einen Kilometer entfernt indes trüben tote und sterbende Fichten das bunte Bild - das Werk des gefräßigen Borkenkäfers.

Monokulturen sind anfällig

Förster Christian Lux hört zurzeit viele Klagen: „Die Leute fragen, warum wir gegen den Borkenkäfer nichts unternehmen, und warum wir das abgestorbene Holz einfach liegenlassen.“ In diesem Jahr seien schon zwei Generationen der nur rund fünf Millimeter großen Käfer aktiv gewesen, auch in der Nähe von Straßen, wo die Schäden besonders auffallen. „Vom Wurmberg frisst er sich gerade Richtung Torfhaus durch“, sagt der 60-Jährige, der im Nationalpark Harz für Waldumbau zuständig ist.

Tatsächlich wirkt der Anblick breiter Schneisen mit kahlen Fichtenstämmen auf viele Betrachter erschreckend, andere sprechen von morbidem Charme. In jedem Fall habe das Sterben ganzer Fichtenplantagen seine guten Seiten, meint Lux: „Es ist der erste Schritt zum Naturwald.“ Zu eintönig seien die schnell wachsenden Wälder gewesen. Die Monokulturen dienten der Holzwirtschaft, für Schädlinge sind sie besonders anfällig.

Förster und Waldarbeiter erspähen die Anzeichen des Befalls als Erste - mit Ferngläsern. Oben am Stamm zeigen weiße Harztropfen an, dass ein Baum sich gegen den Eindringling zur Wehr gesetzt hat. Jungen Bäumen gelingt es meist, Käfermännchen, die sich unter die Rinde gebohrt haben, mit Harz zu ertränken. Fichten, die 70 Jahre und älter sind, die Trockenheit und Stickstoff aus Verkehr und Landwirtschaft geschwächt haben, sind beinahe chancenlos.

Haben sich Scharen von männlichen Käfern in der Nährstoffschicht festgesetzt, locken sie mit ihrem Duft eine noch größere Zahl Weibchen an. Buchdrucker heißt die Borkenkäferart, die ausschließlich Fichten befällt. Förster können im geradezu kunstvoll anmutenden Fraßbild auf der Rückseite der Rinde lesen: „Hier die Bohrlöcher der Männchen“, zeigt Lux. „Da die senkrechten Brutröhren der Weibchen und quer die Fressgänge der Larven.“ Sobald der Nachwuchs Flügel hat, setzt er sofort zum Nachbarbaum über.

Am Oderteich bei Braunlage ist der aktuelle Befall schon deutlich zu sehen. An den Fichtenzweigen sind die grünen Nadeln rötlichem dürrem Reisig gewichen. „Da ist der Borkenkäfer gerade reingegangen“, sagt Lux, in diesem Fall durchaus besorgt. An der Badestelle sind immerhin 250 Jahre alte Fichten dem Tode geweiht. Die stimmungsvolle Idylle dort wird sich verändern. Auch die Förster im Nationalpark bedauern, dass der Käferfrass so drastisch ist und vor den schönsten Stellen nicht Halt macht. „Der Klimawandel spuckt uns in die Suppe“, bedauert Lux. „Mit so einer Massenvermehrung hatten wir nicht gerechnet.“

Wo Altes stirbt, wächst aber Neues nach, wenn auch langsam. Das ist gerade in den Hochlagen gut zu beobachten. Lux zeigt bei Torfhaus auf eine Fläche mit Hunderten abgestorbener Fichtenstämme, die nach dem Borkenkäferbefall schon vor Jahren der ein oder andere Sturm abgeknickt hat. „Eine meiner Lieblingsstellen“, sagt er und meint es ernst: „Hier entsteht der neue Wald.“

Viel Leben im Totholz

Junge Laub- und Nadelbäume haben zwischen den Stümpfen ihren Platz gefunden. Im trockenen Holz der abgestorbenen Fichten hat sich der Sperlingskauz Nisthöhlen gebaut. Greifvögel nutzen die stehenden Stämme als Ansitz. Auf liegen gebliebenem Holz haben sich Lackporling und andere Baumpilze angesiedelt. Insekten finden reichlich Nahrung, und in der Folge Kleinspechte und weitere seltene Vögel. „Das Totholz steckt voller Leben“, schwärmt auch Sabine Bauling, stellvertretende Leiterin des Nationalparks Harz. Nur in einem 500 Meter breiten Streifen zu angrenzenden Wirtschaftswäldern bekämpfen ihre Mitarbeiter den Borkenkäfer. In Niedersachsen werden sich um diesen Bereich bald die Landesforsten kümmern. Auch sie wurden verpflichtet, dem Naturwald mehr Raum zu geben.

Im Nationalpark ist der natürliche Wald schon lange das Ziel, seit 2006 verfolgen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt es gemeinsam. In der stetig wachsenden Kernzone ist der wilde Wald bereits Wirklichkeit. Wirtschaftswege wurden aufgegeben, Wanderwege zu Pfaden zurückgebaut. „Es ist schön, dass sich der Mensch nach und nach zurückziehen kann“, meint Förster Lux. Von Natur aus siedelt sich im rauen Hochharz die robuste Fichte an, in tieferen Lagen die Buche. Als Pionierpflanzen wagen sich zunächst Birken und Ebereschen vor, die dann von standortgerechten Bäumen verdrängt werden. Welche Baumarten wohin passen und wie der Naturwald früher aussah, lässt sich aus Holzresten in noch bestehenden Köhlermeilern aus dem 13. Jahrhundert erschließen, sowie aus Zeigerpflanzen am Boden - so deutet etwa Waldmeister auf gute Bedingungen für Buchen hin.

Auf diesem Hintergrund helfen die Förster und Waldarbeiter in der „Entwicklungszone“ des Nationalparks noch nach. In den kommenden Wochen pflanzen sie fast 700 000 Rotbuchen. Ein Trost: Den Laubbäumen wird kein Borkenkäfer etwas anhaben können. Und sie werden den Harzwald noch bunter machen.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Auf einem Firmengelände in Bremen hat der Polizeihund Brisko einen Einbrecher gestellt. Nachdem die Einsatzkräfte Brisko auf dem Gelände losgelassen haben, ergab sich der 25-jährige Täter und wurde festgenommen.

22.10.2017

Ein 19-Jähriger ist beim Sturz von einer Brücke auf der Autobahn 2 im Kreis Schaumburg tödlich verletzt worden. Weil ihm bei der Fahrt übel geworden war, bat er den Fahrer anzuhalten. Danach stürzte er aus rund 25 Meter Höhe in die Tiefe.

22.10.2017

Dass in Niedersachsen neue Freiwillige Feuerwehren gegründet werden, ist eine Ausnahme - so wie jetzt im Dorf Laar im Nordwesten der Grafschaft Bentheim. Damit eine Feuerwehr funktioniert, ist das Gemeinschaftserlebnis wichtig, sagt der Vizepräsident des Landesfeuerwehrverbandes Niedersachsen.

22.10.2017
Anzeige