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Der Norden „Der Feiertag hat mich geärgert“
Nachrichten Der Norden „Der Feiertag hat mich geärgert“
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20:20 25.10.2018
„Luther ist Vergangenheit, die grassierende Judenfeindlichkeit jedoch Gegenwart“: Michael Fürst, Präsident des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen. Quelle: Holger Hollemann/dpa
Hannover

Der Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden Niedersachsens, Michael Fürst, im Interview mit der HAZ:

Herr Fürst, am kommenden Mittwoch können die Niedersachsen erstmals den Reformationstag als ständigen, neuen Feiertag begehen. Die evangelische Landeskirche bietet an die 1000 Veranstaltungen an. Sie haben mit den Jüdischen Gemeinden heftig gegen die Auswahl dieses Feiertages protestiert. Wie werden Sie ihn begehen?

Ich werde mit sehr großer Wahrscheinlichkeit in meinem Rechtsanwaltsbüro arbeiten. Ich werde mich jedenfalls nicht an den diversen Veranstaltungen und Empfängen beteiligen, weil ich nach wie vor nicht glücklich über die Entscheidung der Politik bin, ausgerechnet den Reformationstag zu „adeln“, der stark mit Martin Luther und dessen Antisemitismus verbunden ist.

Sie haben vor ein paar Monaten sogar gesagt, Sie würden dafür sorgen, dass dieser Feiertag kein schöner werde, und Protestaktionen in Aussicht gestellt ...

Das war ein wenig im Überschwang des Ärgers über die politischen Festlegungen gesagt. Auch im Ärger darüber, dass sich die Landesregierung sowohl über unsere Einwände hinweggesetzt hat als auch über die der katholischen Kirche. Aber weil wir jetzt an den Veranstaltungen am 31. Oktober nicht teilnehmen, wird es gewiss kein Feiertag für alle, wie die Politik versprochen hat. Die Vorsitzende der EKD-Synode, Irmgard Schwaetzer, hat übrigens neulich erklärt, dass sie die Kritik der Jüdischen Gemeinden verstehe, und dass diese Kritik sie schmerze.

Nun erklären Kirchenobere landauf, landab, dass der Reformationstag weit über Martin Luther hinausgehe, der tatsächlich einige antisemitische Schriften verfasst hat …

Das scheint mir jetzt ein wenig eine Schutzbehauptung zu sein. Dann hätte man sich ja nicht ausgerechnet auf den 31. Oktober festlegen müssen, den Tag der Veröffentlichung der Buß-Thesen Martin Luthers gegen die katholische Kirche. Aber was soll’s: Mich hat vor allem die frühe Festlegung der Politik auf diesen Termin geärgert wie auch der unsensible Umgang mit uns. Aber im Augenblick sorgt uns mehr der wachsende Antisemitismus in der ganzen Republik. Luther ist Vergangenheit, die grassierende Judenfeindlichkeit jedoch Gegenwart.

Wo nehmen Sie wachsenden Antisemitismus wahr?

Etwa in der Diskussion um das Tragen der Kippa. Wenn in Berlin oder anderen Städten das Tragen der Kippa zum Risiko werden kann, dann hat sich ohne Frage etwas in dieser Republik verändert. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die sofort Alarm schlagen. Aber der gesamte Ton ist in Deutschland gegen Leute, die anders aussehen oder etwas anderes glauben, viel rauer geworden. Das sehen wir auch in der Migrationsdebatte, wo wir einen offenen Rassismus und Antisemitismus erleben.

Ist es auch in Niedersachsen gefährlich, eine Kippa zu tragen?

Nein, gottlob hat es hier noch keine Konfrontationen gegeben wie in Berlin oder Chemnitz, wo ein jüdisches Lokal attackiert wurde. Vielleicht liegt es auch daran, wie wir hier in Niedersachsen für Ausgleich sorgen, dass wir seit Jahren Dialoge etwa mit den Palästinensern führen. Aber dass wir jetzt in nahezu allen Parlamenten eine Partei sitzen haben, bei der der Rassismus zum Programm gehört, macht die Lage nicht einfacher.

Sie meinen die Alternative für Deutschland. Ist sie gefährlicher als Luther?

Ohne Zweifel. Nicht jeder, der AfD wählt, ist ein Rassist. Auch nicht jeder, der diese Partei im Rathaus, Landtag oder Bundestag als Abgeordneter vertritt. Aber insgesamt schürt die AfD mit ihren Anfragen, ihrer einseitigen Fokussierung auf die Migrationsfrage, den Rassismus. Das halte ich für eine ganz gefährliche Entwicklung, übrigens nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern, in denen der Rechtspopulismus blüht.

Von Michael B. Berger

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